Österreich

Mit welchen Leistungen kommt man zum Titel?

19.01.2021 • 14:51 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Ein Großteil der Maturanten geht heute an eine Hochschule. Das sorgt für Probleme. Aber gibt es eine Alternative?
Ein Großteil der Maturanten geht heute an eine Hochschule. Das sorgt für Probleme. Aber gibt es eine Alternative? APA/ERWIN SCHERIAU

Nach Plagiatsfall: Bestandsaufnahme des Hochschulsektors.

Es ist zwar ein zeitlicher Zufall, aber zwei Ereignisse im Jänner rücken das österreichische Hochschulsystem in den Blickpunkt. Zum einen die leidige Plagiatsaffäre der ehemaligen Arbeitsministerin, zum anderen die Aufregung um eine Novelle des Unigesetzes. Will man hier die Studierenden zu mehr „Ernsthaftigkeit“ bringen, musste man sich dort fragen, mit welchen Leistungen man hierzulande zu Titeln kommt.

Das wirft grundsätzliche Fragen auf: Welche Universitäten, welche Hochschulen will unsere Gesellschaft? Wer soll unter welchen Voraussetzungen studieren können? Was erwarten wir dann von den Absolventen? Und wie bleiben wir international konkurrenzfähig?

Eines gleich vorweg: Kaum etwas in unserer Gesellschaft ist so divers wie die Hochschullandschaft mit ihren 380.000 Studierenden (53 Prozent Frauen) – von Maturanten bis zu Seniorenstudenten – und 40.000 Lehrenden (darunter 2700 Professoren) in rund 50 Institutionen, von den pädagogischen Hochschulen über Fachhochschulen und Privatunis zu den Universitäten. Der tertiäre Bildungssektor ist bunt.

Jede Antwort, die irgendwo gültig ist, ist anderswo falsch. Manchmal steht die Lehre im Vordergrund, manchmal die Forschung, und bei den Medizinern werden sogar „nebenher“ Patienten mitversorgt.

Muss denn wirklich jeder studieren? Der Aufbruch in den späten 1960- und 1970er-Jahren zur heutigen Massenuni war ideologisch fundiert (Öffnung für alle Schichten) und zugleich eine zentrale Notwendigkeit, um als Industrieland nicht abzudanken. Damit verbunden war eine Art „Aufstiegsversprechen“, wie es die Erziehungsspezialistin und Ärztin Martina Leibovici-Mühlberger bezeichnet. Akademisierung versprach Prestige, Geld, selbstständiges Arbeiten, vielleicht sogar Macht. „Wenn das allerdings fast jeder Maturant macht, kann man dieses Versprechen nicht aufrechterhalten.“ In Zahlen: Die Akademisierungsquote verfünffachte sich von 2,8 Prozent (1970) auf 15,8 (2018). Leibovici-Mühlberger vermutet, dass das Pendel wieder etwas in die andere Richtung ausschlagen könnte.

Und doch: Wirtschaft und Industrie fordern händeringend Techniker und Naturwissenschaftler, EU und OECD mahnen, dass Österreich bei der Akademikerquote hinterherhinke. Wenn es stimmt, dass Handwerk goldenen Boden hat, dringt dies zu den Jungen (und deren Eltern) eher nicht durch. Auch jetzt, in der Krise, kann man genau beobachten, wer eben nicht abgesichert Homeworking betreiben kann: die Handelsangestellten, der Handwerker, der Facharbeiter.

Die Unis versuchen, die Studentenzahlen zu begrenzen. Aufnahmeprüfungen sollen dafür sorgen, dass die Studien nicht überlaufen sind und dass Defizite der Zentralmatura (die alle faktisch über einen Kamm schert) aufgefangen werden. Doch die Institutionen sind wie andere auch auf Wachstum ausgerichtet. Sinkende Studentenzahlen – womöglich von fallenden Mitarbeiterzahlen garniert – sind eher unerwünscht. Auch die Fachhochschulen warten auf möglichst viele Bewerber – um dann nur die besten aufnehmen.

Doch wohin mit dem Rest? Für jede halbwegs selbstständige Tätigkeit wird heute ein akademischer Grad gefordert. Das Maturazeugnis reicht selten, am wenigsten im staatlichen Bereich. Die Konsequenzen liegen aber auf der Hand: Wie kürzlich der Philosoph Konrad Paul Liessmann hier formulierte: „Man darf sich nicht wundern, wenn die angepeilten hohen Akademikerraten mit einem Qualitätsverlust erkauft werden müssen.“ Im „Zeitalter der Module, Versatzstücke, ideologischen Wendungen und vorgefertigten Präsentationen“ nähmen stilsicheres Schreiben, wissenschaftliches Interesse und intellektuelle Redlichkeit ab, fährt Liessmann fort.

Andererseits ist nicht zu übersehen, dass die Verhältnisse am Arbeitsmarkt anspruchsvoller geworden sind. Buchstäblich alle Segmente unserer Gesellschaft haben sich „professionalisiert“; ob dies in jeden Fall eine qualitative Verbesserung bedeutet, bleibe einmal dahingestellt. Aus Sicht der Jungen führt kein Weg am Studium vorbei.

Und bei aller nostalgischer Rückschau: Es bliebe auch genauer zu untersuchen, ob die Abschlussarbeiten vor 40, 50 Jahren wirklich immer so viel besser waren als heute. Einzelne Verfehlungen vermitteln ein falsches Bild, was heute von jungen Menschen geleistet wird – Stichworte Internationalisierung, Wettbewerb, Zusatzqualifikationen. Auch international sind viele Absolventen gefragt.

Es ist Exzellenz und Wissenschaftlichkeit gefordert, denn Universitäten müssen definitionsgemäß die Spitze anstreben und zur Spitze hin ausbilden. Aber nur ein kleiner Prozentsatz der Studierenden ist zum Wissenschaftler geboren und kann als solcher später Platz finden. Der weit größere Teil der Studierenden will eine solide (Aus-)Bildung, die am Arbeitsmarkt gefragt ist.

Und noch ein Aspekt: In Krisenzeiten werden die Universitäten – politisch gewollt – gern als Weiterbildungs- und Umschulungsstätten herangezogen und verschleiern damit Arbeitslosenraten bzw. mildern die gesellschaftlichen Folgen von Krisen.

Soll man da dann nicht gleich auf Diplom- und Bachelorarbeiten verzichten? Da ist Vorsicht angebracht, wie Experten finden: Eine Bachelorarbeit ist in Zeiten der Massenstudien und dichten Lehrpläne oft das einzige Mal, dass ein Student selbstständig arbeiten muss.

Studium ist ja nicht Studium – es herrschen krasse Unterschiede im tertiären System. So gibt es beinahe ideale Verhältnisse mit Einzelunterricht und Kleingruppen an den Kunstunis. Musikstudenten aus aller Welt kommen nach Österreich – ein beinhartes Ausleseverfahren trennt hier allerdings gnadenlos Spreu vom Weizen.

Bei den universitären Massenfächern sind hingegen heute Multiple-Choice-Verfahren üblich, der Kontakt zu den Lehrenden ist oft sehr bescheiden. Und intensive Bachelor-Arbeit-Betreuung? Kaum möglich.

Wieder völlig anders die Situationen an den technischen Universitäten: Die angegliederten Forschungszentren in Kooperation mit der Industrie führen zu einer Verschränkung mit der Praxis – und zu quasi paradiesischen Zuständen bei den Betreuungsrelationen. Dieser sogenannte Drittmittelbereich hat längst eine bedeutende Größe erreicht und ist ein wirtschaftlicher Erfolgsfaktor im internationalen Wettbewerb.

Medizin-Unis ähneln beim Aufnahmeverfahren und strukturell den Fachhochschulen – jeder Studienplatz ist garantiert, die Studierenden werden intensiv begleitet, Ausfälle und Studienabbrecher sind selten.

Die Institutionen stehen umgekehrt selbst im internationalen Wettbewerb. Aber da zählt wiederum fast nur die Forschungsleistung, die Zahl und Güte der Publikationen und die Relevanz der Arbeiten.

Die Gesellschaft will alles: Alle sollen an Weltspitzen-Unis gratis studieren können. Alle sollen erfolgreich und rasch durchgeschleust werden. Und dann als kleine, feine Elite mit einem Titel herauspurzeln. Und das alles kostengünstig. Kein Wunder, dass dieser Spagat zwischen den Massen und dem Doktorideal nicht immer perfekt gelingt.