Österreich

Nicht nur Klopapier und Germ sind der Renner

03.03.2021 • 15:59 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Am stärksten stiegen die Supermarkt-Ausgaben im ersten Lockdown, als auch die Gastronomie kein Take-away anbieten durfte
Am stärksten stiegen die Supermarkt-Ausgaben im ersten Lockdown, als auch die Gastronomie kein Take-away anbieten durfte (c) Kadmy – stock.adobe.com

Gefragt sind vor allem Produkte für „schnelle Küche“ und Regionales.

Unser Leben wird sich grundlegend verändern.“ Als Gesundheitsminister Rudolf Anschober diesen Satz vor einem Jahr – vor dem ersten Lockdown im März 2020 – aussprach, hat er vermutlich selbst nicht geahnt, dass sich diese Aussage bis hin zu den Verkaufszahlen von Tiefkühlgemüse, Germ und H-Milch durchdeklinieren lässt.

Seit mehr als 25 Jahren zeichnen 2800 Haushalte Österreichs ihre Lebensmittel-Einkäufe für die „RollAMA-Studie“ auf – und noch nie gab es so derartige Veränderungen im Kaufverhalten wir seit Beginn der Pandemie – von den Hamsterkauf-Tagen um den 13. März 2020 ganz abgesehen.

Ab-Hof-Boom und Gastro-Minus

So stiegen Österreichs Lebensmittel-Umsätze im Vorjahr bei Diskontern um 14,3 Prozent auf 2,1 Milliarden Euro, bei sonstigen Supermärkten um 13,4 Prozent auf 5 Milliarden Euro und bei alternativen Quellen wie Ab-Hof-Verkauf und Bauernmärkte um insgesamt 21 Prozent auf 0,71 Milliarden Euro.

Für den Lebensmitteleinzelhandel habe es „fette Pluszeichen“ geben, für den Gastro-Großhandel aufgrund der coronabedingten Gastronomie- und Hotelleriesperre aber ein „fettes Minus„, sagt AMA-Marketing-Boss Michael Blass. Im Gastro-Großhandel sanken die Umsätze um 28 Prozent auf 1,5 Milliarden Euro.

Die Lockdowns im Frühjahr und im Winter sind auch eindeutig in den Quartals-Umsätzen der Lebensmittelhändler abzulesen:

170 Euro pro Monat für Lebensmitteleinkauf (ohne Brot)

Mehrere Lockdowns mit Gastro-Schließungen, geringe Kantinen-Frequenz durch Homeoffice: Das schlägt sich auch in den Haushalts-Ausgaben für den Lebensmitteleinkauf nieder, die 2020 um 20 auf 170 Euro pro Monat und Haushalt angestiegen sind (Hinweis: Der Brot-Verkauf wird in der RollAMA-Studie nicht mitberücksichtigt).

Große Zuwächse gab es zunächst vor allem bei Obst- und Gemüsekonserven (Wachstumsraten bis 28 Prozent), Fertiggerichten (plus 21 Prozent) und vor allem Tiefkühl-Kost (über die Produktgruppen hinweg zwischen 15 und 25 Prozent Plus). Haltbarkeit war offenbar Trumpf – das zeigt sich auch daran, dass der Umsatz mit Frischmilch um 2,1 Prozent sank, jener von Haltbar-Milch jedoch um 26 Prozent anstieg.

So viel Tiefkühlkost wie nie

Auch Iglo gab am Mittwoch bekannt, dass im Vorjahr so viel Tiefkühlkost verkauft wurde wie noch nie. Der Absatz habe (ohne Eis) im Vorjahr um drei Kilogramm auf 25 Kilogramm je Haushalt zugenommen.

„Homeoffice, geschlossene Gastronmie, Ausgangsbeschränkungen – beim Kochen musste es also häufig schnell gehen„, sagt RollAMA-Studienleiterin Micaela Schantl. „Aber darüber hinaus lässt sich ein Trend zum Selberkochen auch bei den starken Verkaufs-Zuwächsen von Sauerrahm, Butter, Schlagobers oder Eiern gut ablesen.“

Hühnerfleisch und Faschiertes

Sichtbar sei das auch bei der Wahl des Fleisches: Während leicht zu verkochende Produkte wie Hühnerfleisch (plus 17 Prozent) oder Faschiertes (plus 20 Prozent) stark zulegen konnten, gab es bei Rind (plus 5 Prozent) oder Wild (0,4 Prozent) nur bescheidene Zuwächse.

Weniger Preisschleuderei – aber nur kurzfristig

Spannend auch zu sehen: Der Anteil der Produkte, die über Aktionen verkauft wurden, sank 2020 leicht von 27,6 auf 26,5 Prozent. Anders gesagt: Mehr als jedes vierte Produkt wurde als Aktionsware gekauft. Bei Fertiggerichten sank der Aktionsanteil stärker – von 36,8 auf 33,5 Prozent.

Der Trend zu weniger Aktionen und weniger Preisschleuderei sei aber nur kurzfristig, konstatiert Michael Blass. „Die Handelsketten hatten es zwischenzeitig einfach nicht notwendig, mit aggressiven Rabatten die Kunden anzulocken, weil sie wegen geschlossener Gastronomie ohnehin keine andere Möglichkeit hatten, als bei ihnen einzukaufen.“

Auch zeigen neben den aktuell wieder intensiv über Flugblätter und Rabattaktionen geführten Wettbewerb auch Umfragedaten von Kunden, dass ein Teil von ihnen sehr wohl sehr preissensibel sei.

Regionalität wird wichtiger

Neben der Frage, WAS gekauft wurde, gingen die Studienleiter in einer Befragung von 2000 Haushalten auch der Frage nach, WARUM welche Produkte gekauft wurden. Und da zeigen sich neben dem zwischenzeitlichen Trend zu haltbaren Lebensmitteln laut Blass und Schantl durchaus längerfristige Trends ab.

Bei der allgemeinen Frage, was im letzten Jahr (unabhängig von mehreren Corona-Lockdowns) an Bedeutung gewonnen hat, so gaben 67 Prozent von 2000 befragten Haushalten an, dass sie nun stärker auf „Regionale Herkunft“ achten, für 53 Prozent gewann der Ab-Hof-Einkauf an Bedeutung, für 50 Prozent das Thema „Tierwohl“ – aber immerhin achten nun auch 34 Prozent stärker auf Aktionen.

Bei den absoluten Verkaufszahlen stieg auch der Bio-Anteil auf nunmehr 10 Prozent.

Betrachtet man jedoch nur, worauf beim Einkauf während diverser Höhepunkten der Coronakrise geachtet wird, sind weitere Faktoren entscheidend:

Nudeln, Dauerwurst und Reis – dieser Hype aus dem ersten Lockdown ist in der Zwischenzeit vorbei„, sagt indes AMA-Sprecherin Manuela Schürr. Einige Trends hätten sich nämlich in der Zwischenzeit wieder geglättet. „Einiges, wie der Trend zu Bio und Kauf regionaler Produkte wird aber bleiben“, sagt Blass.

Der Regionaltrend dürfte demnach auch mitten in der Gesellschaft angekommen sein. So wurden die 2000 Haushalte auch zum künftigen Einkaufs- und Freizeitverhalten befragt: Demnach steht „Ich werde stärker auf Hygiene achten“ ganz oben auf der Prioritätenliste der Befragten, gefolgt von „Ich werde mehr regionale/heimische Lebensmittel kaufen“ und „Ich werde wieder mehr Freunde und Bekannte treffen„.

Singles und Männer kochen eher stets das Gleiche

Auch wurden die Haushalte dazu befragt, wie oft zur Hauptmahlzeit das gleiche Menü auf den Tisch kommt. Dabei zeigt sich, dass besonders Männer und Singles dazu tendieren, häufiger das Gleiche zu kochen und Frauen sowie Menschen in Mehrpersonen-Haushalten häufiger mehr als 20 verschiedene Gerichte pro Monat auftischen.

(Zahlenangaben in Prozent)