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Wirecard: Millionen im Plastiksackerl

23.04.2021 • 11:11 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Kanzlerin Merkel muss im Wirecard-Ausschuss aussagen
Kanzlerin Merkel muss im Wirecard-Ausschuss aussagen APA/dpa/Peter Kneffel

Millionen von Euro angeblich als Bargeld in Plastiksackerl getragen.

Gerade an dem Tag, an dem die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel in Berlin im Wirecard-U-Ausschuss befragt wird, kommen neue brisante Details zum Milliarden-Betrugsfall ans Licht. 1,9 Milliarden Euro in der Bilanz des Zahlungsdienstleisters haben offenbar nie existiert. Vorstandschef Markus Braun sitzt deswegen in Untersuchungshaft, sein Vorstandskollege Jan Marsalek ist auf der Flucht. Die Münchner Staatsanwaltschaft ermittelt ja wegen Betrug.

Wie die Financial Times berichtet, spielte Bargeld für die Chefs des Unternehmens für bargeldlose Zahlungen offenbar doch eine wichtige Rolle. So soll eine Angestellte laut FT ausgesagt haben, dass sie seit Jahren regelmäßig große Geldmengen in Supermarkt-Plastiksackerl aus der Konzernzentrale in München getragen hätte. Mehr als 100 Millionen Euro könnten so aus den Safes der Zentrale geschafft worden sein. Interne Unterlagen belegen laut FT Abhebungen in Höhe von sechs Millionen Euro.

Zumindest einmal sollen die Sackerl voller Bargeld zum Münchner Flughafen gebracht worden sein, um nach Dubai gebracht zu werden. In einem anderen Fall sollte ein Manager in der philippinischen Hauptstadt Manila das Geld erhalten. Die Philippinen spielen im Fall Wirecard eine zentrale Rolle. Dort sollten laut Bilanz die falschen Milliarden auf nicht existierenden Bankkonten gelegen haben.

U-Ausschuss

Der Fall wirft ein schlechtes Licht auf die deutschen Kontrollbehörden, allen voran die Börsenaufsicht Bafin. Deutschlands Finanzminister Olaf Scholz sieht jedoch keine Verantwortung der deutschen Regierung. „In dem Unternehmen wurde offensichtlich mit hoher krimineller Energie gehandelt“, betonte Scholz.

Der Untersuchungsausschuss soll herausfinden, ob Ministerien oder Behörden das aufstrebende Fintech-Unternehmen vor dem Zusammenbruch mit Samthandschuhen angefasst haben, obwohl es seit langem Berichte über Unregelmäßigkeiten gab.

Merkel zu China-Reise

Die deutsche Angela Merkel hat ihren Einsatz für das damalige Dax-Unternehmen Wirecard bei einer China-Reise 2019 verteidigt. „Die Wirecard AG genoss bei der Reise keine Sonderbehandlung“, sagte die CDU-Politikerin am Freitag im Untersuchungsausschuss zum mutmaßlichen Betrugsskandal um das Fintech-Unternehmen im Bundestag. Das Bemühen von Wirecard um Markteintritt in China habe sich mit den Zielen der deutschen Regierung gedeckt.

Es sei normal, dass sich die Berliner Regierung und auch die Kanzlerin bei bilateralen Kontakten für die Interessen der deutschen Wirtschaft einsetze, betonte Merkel. „Es gab damals allen Presseberichten zum Trotz keinen Anlass, von schwerwiegenden Unregelmäßigkeiten bei Wirecard auszugehen.“

Die Kanzlerin hatte 2019 auf der China-Reise bei der Pekinger Führung das Thema der geplanten Übernahme des chinesischen Unternehmens AllScore Financial durch Wirecard angesprochen. Dass das Thema in China zur Sprache gekommen sei, habe aus sich heraus seine Logik gehabt, sagte sie. Das Anliegen habe sich in die jahrelangen Bemühungen der deutschen Regierung um Marktöffnung in China eingefügt.

Scholz verteidigt Bafin

Scholz wies Vorwürfe zurück, die deutsche Finanzaufsicht BaFin oder das Finanzministerium hätten ihre schützende Hand über Wirecard gehalten – dies sei ein „absurdes Märchen“. Scholz‘ Ministerium ist zuständig für die BaFin, der in dem mutmaßlichen Betrugsfall schwere Fehler vorgeworfen werden.

Der Minister räumte allerdings ein, dass staatliche Aufsichts- und Kontrollgefüge für einen solchen Angriff nicht gut genug gerüstet gewesen seien. Es sei wichtig, daraus zu lernen – auch, da viele Anleger getäuscht worden seien und hohe Summen verloren hätten. Die wichtigste Aufgabe sei es, verloren gegangenes Vertrauen in den Finanzplatz Deutschland wiederherzustellen.