Österreich

„Die Wertekurse sind ohnehin ein Witz“

06.07.2021 • 12:09 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Sarajuddin Rasuly warnt im Interview vor einer blauäugigen Asylpolitik
Politologe Sarajuddin Rasuly lebt seit mehr als 40 Jahren in Österreich Christoph Kleinsasser

Gebürtiger Afghane Sarajuddin Rasuly warnt vor blauäugiger Asylpolitik.

Ist der Mord an dem jungen Mädchen durch mutmaßlich vier Afghanen ein schrecklicher Kriminalfall wie jeder andere auch?
Sarajuddin RASULY: Das ist eine grausame Tat. Ich kenne Afghanistan und lebe schon lang in Österreich. Kein Land der Welt duldet, dass jemand, der um Asyl ansucht, in seinem Gastland so was macht. Die afghanische Community ist bestürzt. Auch in Afghanistan wird man für so eine Tat bestraft.


Hat die Tat eine kulturelle Note?
Die Afghanen kommen aus einer zutiefst traditionellen islamischen Gesellschaft. In der Heimat ist der Kontakt zwischen Buben und Mädchen vor der Ehe tabu. Die Trennung ist so stark, dass sich Mann und Frau oft erst bei der Hochzeit sehen.


Warum sind die Afghanen in der Kriminalitätsstatistik überproportional stark vertreten?
Millionen haben Afghanistan verlassen und haben dann unter unmenschlichen Bedingungen im Iran, Pakistan, der Türkei gelebt. Sie hatten weder Arbeits- noch Aufenthaltspapiere und konnten jederzeit abgeschoben werden. Sie waren Freiwild. Viele sind unterwegs kriminell geworden, in die Drogenszene abgeglitten, wurden in Messerstechereien verwickelt oder landeten im Gefängnis. Andere wurden von Schleppern angelockt, hatten aber kein Geld und sind so in der Beschaffungskriminalität gelandet. Viele Flüchtlinge kamen kriminell nach Österreich.


War das immer so?
Vor 2015 gab es selten Probleme. Ich habe vielfach den österreichischen Behörden gesagt: Legt einen Schwerpunkt auf Wertekurs, wo die Leute lernen, wie man sich Frauen gegenüber verhält, wie die Spielregeln in Österreich aussehen.


Gibt es diese Kurse nicht?
Die Wertekurse sind ohnehin ein Witz. Die Kurse dauern manchmal nur ein paar Stunden und werden von Migranten geleitet, die nicht einmal Deutsch sprechen und nur kurz in Österreich leben. Diese Kurse sollten sich über Monate erstrecken, bis man die Sprache spricht.


Das Flüchtlingsjahr 2015 markierte eine Zäsur?
Angela Merkel hat 2015 gesagt, Deutschland will sein freundliches Gesicht zeigen. Sie hat die Syrer gemeint, die vor Assad oder dem islamischen Staat geflüchtet sind. Die Schlepper haben das ausgenützt.


Wird bei den Asylverfahren nicht auch getrickst?
Es kommt vor, dass sich einige Pakistanis als Afghanen ausgeben. Eine sprachliche Unterscheidung ist schwierig. Wenn jemand seit 40 Jahren in Köln lebt und Kölsch spricht, weiß man auch nicht gleich, ob er aus Tirol oder Berlin kommt. Viele Schlepper reden den Flüchtlingen ein, sie mögen sich als Minderjährige ausgeben. Wegen der Menge werden kaum noch Altersfeststellungen gemacht. Diese sind ohnehin problematisch. Wenn der Arzt sagt, die Knie könnten von einem 28-Jährigen stimmen, die Ellbogen von einem 20-Jährigen, die Zähne von einem 17-Jährigen, wird er als 17-Jähriger eingestuft. Ich schätze, mehr als die Hälfte der Minderjährigen sind älter als 18. Das gilt wohl auch für die mutmaßlichen Täter.


Machen es die Behörden den Asylwerbern nicht zu leicht?
Nein. Früher war es viel leichter. Heute muss man Sprachkenntnisse, einen Arbeitsplatz, seine Integrationsfähigkeit nachweisen, etwa, dass man österreichische Freunde hat. Wenn die Leute fünf Jahre da sind, haben sie ohnehin gute Chance, hier zu bleiben.


Dauern die Verfahren zu lang?
Einen Asylfall kann man nicht von heute auf morgen entscheiden. Wenn ich gemeinsam mit meinen Mitarbeitern in Afghanistan ein Gutachten erstellen, um herauszufinden, ob eine Person verfolgt wird oder nicht, dauert es oft Monate.


Werden manche Verfahren nicht durch Einsprüche in die Länge gezogen?
Viele Organisationen treten vehement für ihre Mandaten ein. Sie glauben ihnen alles und sind nicht bereit, ihre Angaben in Zweifel zu ziehen.


Wie viele Afghanen haben ihrer Einschätzung wirklich Anspruch auf Asyl?
Ungefähr zehn Prozent werden politisch verfolgt oder müssen eine Blutfehde befürchten. Rund 50 Prozent kommen aus Krisenregionen, die von den Taliban kontrolliert werden. Damit sie nicht zwangsrekrutiert werden, flüchten sie ins Ausland. Sie haben gute Chancen auf ein Bleiberecht.


Die Lage in Afghanistan ist wegen des Abzugs der Nato zunehmend fragil. Kann man wirklich die Leute dorthin abschieben?
Mit Ausnahme der Großstädte Kabul, Herat und Masar e-Scharif werden alle Landesteile als unsichere Gebiete eingestuft. Niemand wird in einen unsicheren Landesteil abgeschoben, nur in die drei Grossregionen. Diese gelten als inländische Fluchtalternative.


Wie wirkt sich der Abzug der USA aus?
Millionen Menschen sind derzeit auf der Flucht vor den Taliban. Von den 400 Distrikten sind 200 in der Hand der Taliban, der Rest ist in Reichweite der Taliban. Die Großstädte sind derzeit nicht in Gefahr.


Kann man die Leute guten Gewissens abschieben?
Das ist eine Entscheidung der Behörden. Ich sehe das Problem, dass sich mit dem Vormarsch der Taliban die wirtschaftliche Not im Land erhöht. Wer freiwillig nach Afghanistan zurückgeht, bekommt derzeit Geld. Ich meine, es sollte auch jene, die zwangsabgeschoben werden, Geld erhalten, damit sie sich nicht wieder auf den Weg machen.


Die Politik sträubt sich gern gegen die Integration mit dem Argumente, die Leute können dann schwerer abgeschoben werden.
Das ist falsch gedacht. Dass sie eine Sprache lernen, eine Ausbildung erfahren, die europäischen Werte kennenlernen, ist eine kluge Form der Entwicklungshilfe.