Kultur

Die Rückkehr des Daumenkinos

12.10.2021 • 19:15 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Gestalterin und Illustratorin Lena Seeberger. <span class="copyright">Sarah Mistura</span>
Gestalterin und Illustratorin Lena Seeberger. Sarah Mistura

Am Donnerstag präsentiert Lena Seeberger ihr Daumenkino.

Ein fast schon vergessenes Medium, das wohl bei manchen wohlige Kindheitserinnerungen hervorruft, wird in einem Projekt des zukünftigen Literaturhaus Vorarlberg wieder zum Leben erweckt: das Daumenkino. Wer es vermisst hat, mit seinem Daumen über Papierseiten zu streifen und damit eine bewegende Bildergeschichte auszulösen, der ist am Donnerstag im Kunstraum QuadrART genau richtig. Dort präsentieren Frauke Kühn vom literatur:vorarlberg netzwerk und Lena Seeberger das Daumenkino, das Seeberger kreiert hat. Mit den Werken des Tiroler Comiczeichners und Illustrators Lukas Kummer und des in Zürich lebenden Comic­zeichners, Autors und Grafikdesigners Martin Panchaud gehört ihr Werk zu den ersten drei von insgesamt neun Büchlein, die im Laufe des Projekts entstehen sollen.

Das kleine Büchlein wird im QuadrART Dornbirn erstmals gezeigt. <span class="copyright">Aurelia Bösch</span>
Das kleine Büchlein wird im QuadrART Dornbirn erstmals gezeigt. Aurelia Bösch

Die Aktion steht in Verbindung mit einem Schwerpunkt des zukünftigen Literaturhauses Vorarlberg, nämlich mit dem Genre Graphic Novel. Dabei handelt es sich um literarische Comics im Buchformat, die sich meist an eine erwachsene Zielgruppe richten. Die nun entstehenden Daumenkinos sollen einen besonders spielerischen Zugang zum Genre ermöglichen.

Haptisch

Die Vergangenheit und Zukunft der Villa Iwan und Franziska Rosenthal in Hohenems, die gerade saniert wird und ab 2024 das Literaturhaus beheimaten wird, diente als Themenvorschlag für die ersten drei Werke. Die in Bregenz lebende Gestalterin Seeberger hat daraus eine humor- und fantasievolle Erzählung kreiert. Spannend findet die Grafikerin und Illustratorin, das Konzept des Daumenkinos im digitalen Zeitalter wiederzubeleben: So sei der Gebrauch eines Daumenkinos im Gegensatz zur digitalen Konsumation ein besonders haptisches Erlebnis, bei dem der Nutzer selbst aktiv werden muss, um die Erzählung in Bewegung zu versetzen. Der Betrachter könne auch die Geschwindigkeit mit seinem Daumen steuern, fügt die 34-Jährige hinzu. Die ersten Daumenkinos hat es bereits um 1600 gegeben.

Das Gespräch

Am Donnerstag, den 14. Oktober um 18.30 Uhr, spricht Lena Seeberger im QuadrART Dornbirn über ihr Daumenkino. Außerdem liest Künstler tOmi Scheiderbauer aus seinem Buch „Meine Freund:innen, der Tumor + die Kunst“.

Eine spannende Herausforderung sei die Entwicklung des Büchleins gewesen, sagt Seeberger. So habe sie beachten müssen, dass sich durch die Bilderfolge eine schlüssige und nicht zu komplexe Erzählung ergebe. Mit 100 Seiten sei der Platz ziemlich begrenzt – um eine Bewegungsillusion mittels Stroboskop-Effekt zu erzeugen, braucht es einige Seiten für eine Bewegung. Es ist das erste Daumenkino, das Seeberger bislang gestaltet hat.

Markante Merkmale

Die Grafikerin nutzte die Seiten auf der Vorder- und Rückseite, wie sie erklärte. Von Hand zeichnete sie folgende Geschichte: Eine Figur steckt ihre Nase immer weiter in ein Buch, bis es davon buchstäblich verschluckt wird. Mit dem Kopf voran fällt die Figur in den Strudel der Geschichte. Auf der Rückseite der Blätter knüpft die Erzählung an dieser Szene an. In der Ich-Perspektive reist der Daumenkino-Benutzer nun durch das künftige Literaturhaus, zu sehen seien markante Erkennungsmerkmale der Villa, wie der Ofen, die Stiegen, oder die verzierten Fenster, erzählt die Gestalterin. Schlussendlich gelangt die Figur wieder an den Anfang der Reise.

Zeichensysteme

Die nächsten drei Daumenkinos sollen nächstes Jahr publiziert werden und unter dem Motto „Sprache“ stehen, 2023/24 werden sich drei Künstler mit der Frage beschäftigen, wie Geschichten über Zeichensysteme erzählt werden können. Zuerst aber können Interessierte in Seebergers Werk eintauchen.