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Der tiefe Fall des Weltbesten

07.01.2022 • 21:33 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Fans von Djokovic vor dessen Hotel
Fans von Djokovic vor dessen Hotel AFP

Die australische Einreiseposse um Tennisstar Djokovic überschattet Serbiens orthodoxes Weihnachtsfest.

Selbst das Oberhaupt der serbisch-orthodoxen Kirche lässt das Schicksal des prominentesten Landessohns nicht kalt. „Von der Not und den Heimsuchungen, durch die Du zu Weihnachten gehen musst, wird morgen nur ein blasser Schatten bleiben“, ist die Trostbotschaft von Patriarch Porifije an den in einem abgetakelten Hotel in Melbourne festsitzenden Tennisstar Novak Djokovic: „Mit Dir beten Millionen orthodoxer Serben.“

Die australische Einreiseposse um das Tennis-Ass erwischt dessen Heimatland mitten in der orthodoxen Weihnachtszeit. Die Aufregung im Balkanstaat um die „Inhaftierung“ des Nationalhelden ist groß. Die aufgebrachtesten Töne im Djokovic-Clan schlägt Vater Srdjan an, der vermutet, dass die Tennis-Dominanz seines Sohnes schon seit Jahren viele „stören“ würde. Novak solle daher wie Jesus „ans Kreuz geschlagen“ werden: „Sie wollen ihn zerstören, auf die Knie zwingen.“ Doch Serbien sei Novak und „Novak ist Serbien“, so der im Kosovo geborene Sportlervater. Sein Sohn habe „kein einziges Gesetz gebrochen“: „Erhebe Dich, freie Welt! Denn dies ist nicht nur ein Kampf für Serbien und Novak, sondern ein Kampf für Meinungs- und Redefreiheit, ein Kampf für Milliarden Menschen auf der Welt.“

Serbiens Medien erregen sich vor allem über die „Erniedrigung“ des nationalen Hoffnungsträgers, der wie ein Gesetzesbrecher in einem „schmutzigen Hotel voller Käfer“ gemeinsam mit Kriminellen und illegalen Immigranten interniert werde. „Schande – Novak verbringt Weihnachten im Gefängnis“, titelt verärgert das Webportal „nova.rs“.

Australiens Innenministerin Karen Andrews verteidigte das Vorgehen im Fall Djokovic. Der Serbe habe es versäumt, die richtigen Informationen für die Einreise nach Australien bereitzustellen. „Sie werden von jedem verlangt, der in das Land einreist. Wenn diese Informationen nicht bereitgestellt werden können, sind die Einreisebestimmungen für Australien nicht erfüllt“, sagte sie.

Unterdessen wurde auch der tschechischen Doppelspezialistin Renata Voracova das Visum entzogen. Sie ist im selben Hotel wie Djokovic untergebracht.

Der erst nach Bestätigung seiner Ausnahmegenehmigung nach Australien gereiste Djokovic sei acht Stunden am Flughafen „malträtiert“ worden, ärgert sich das Portal der Zeitung „Blic“: „Obwohl er als gefährliche Figur etikettiert wird, die das Coronavirus übertragen kann, ist er paradoxerweise ausgerechnet in einem Gebäude untergebracht worden, das in Melbourne als Corona-Infektionsherd gilt.“ Auf der Welle der Empörung segeln im Wahljahr auch Serbiens nationalpopulistische Machthaber, zu denen der beliebteste Landessohn bisher auffällig Distanz gehalten hat: Erst kürzlich hatte der Tennis-Star selbst öffentlich deren Pläne zum Abbau von Lithium kritisiert.

Von einer „politischen Hetze“ gegen Djokovic spricht der allgewaltige Staatschef Aleksandar Vucic: „Mein Job ist es, die Wahrheit zu schützen“. Ganz Serbien stehe „hinter Novak“, versichert Regierungschefin Ana Brnabic, die für den Impfverweigerer ausgerechnet „dieselbe Behandlung“ wie für dessen Kollegen einfordert: Andere ungeimpfte Turnierteilnehmer hätten mit Ausnahmegenehmigung einreisen dürfen, behauptet sie.

Das serbische Außenministerium hat den australischen Botschafter einbestellt. Vater Srdjan ruft zu täglichen Protestdemonstrationen vor dem Parlament in Belgrad auf. Doch bei der Premiere am orthodoxen Heiligabend scharten sich gerade einmal 200 seiner Landsleute um den Mann mit dem Megaphon – einschließlich der zahlreich erschienen Journalisten und Kameraträger: Vor den Belgrader Covid-Kliniken herrscht angesichts der in neue Rekordhöhen kletternden Infektionszahlen seit Tagen ein wesentlich größerer Andrang.

Der 34-jährige Djokovic ist unbestritten Serbiens größter Sportler aller Zeiten. Doch die esoterischen New-Age-Anwandlungen des Impfskeptikers stoßen bei aller Bewunderung bei den 48 Prozent der geimpften Serben auf begrenztes Verständnis. „Bursche, lass’ Dich impfen, das tut nicht weh – und ist nützlich“, empfiehlt ihm der Publizist Teofil Pancic. Noch drastischer drückt sich der Oppositionspolitiker Nenad Canak aus. Die in den Medien beklagte „furchtbare Behandlung des Serben“ werde Djokovic nicht wegen seiner Herkunft zuteil, „sondern, weil der Esel sich nicht hat impfen lassen“.