Kultur

Die „Erbschaft“ jüdischer Museen

07.01.2022 • 19:16 Uhr / 10 Minuten Lesezeit
Hanno Loewy ist seit 2004 Direktor des Jüdischen Museums Hohenems. <span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
Hanno Loewy ist seit 2004 Direktor des Jüdischen Museums Hohenems. Klaus Hartinger

Hanno Loewy über die Pandemie, aktuelle Pläne und die Herausforderungen der Einwanderungsgesellschaft.

Wie ist das Jüdische Museum durch die Pandemie-Zeit gekommen?
Hanno Loewy: Diese Zeit hat viel Kraft gekostet, da geht es uns wie vielen anderen. Und es geht ja weiter so … Jeder ist seit bald zwei Jahren in diesem Modus des Aus-der-Zeit-Gefallen-Seins. Man plant und weiß, es kommt eh anders, dann schmeißt man alles wieder um. Da kommen Momente der Hilflosigkeit, ein Sisyphus-Gefühl. Man rollt den Stein einer Veranstaltung den Berg hoch, dann rollt er einem wieder entgegen, und man fängt wieder von vorne an. Bei Ausstellungen ist es anders, sie sind nicht so sehr abhängig von der Tagespolitik. Aber auch da haben wir immer umgeplant. Eine Ausstellung lebt doch von physischer Präsenz. Das ist die Stärke eines Museums: Dass Menschen sich hier treffen, auch wenn sie sich nicht verabredet haben, und gemeinsam einen Impuls bekommen, sich mit dieser Welt auseinanderzusetzen. Und dies am Material, an der physischen Präsenz von Dingen. Über die man diskutieren und streiten kann.

Hanno Loewy beim Gespräch im Jüdischen Museum.  <span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
Hanno Loewy beim Gespräch im Jüdischen Museum. Klaus Hartinger

Wie sehen Sie den Einsatz sozialer Medien, um die Zeit zu überbrücken, wenn keine physische Präsenz möglich ist?
Die sozialen Medien können helfen, sie können an diese Erfahrungen erinnern. Das war etwas, das ganz viele Museumskolleginnen und -kollegen gemacht haben, als sie ab März 2020 von dem Publikum, von der direkten Kommunikation mit den Menschen abgeschnitten waren. Aber damit kann man keine neuen Erfahrungen generieren, nur die Erinnerung daran wachhalten, was ein Museum ist. Wenn keine neuen Erfahrungen gemacht werden, dann verblasst auch die Erinnerung.

„Von Zahlen haben wir uns erstmal verabschiedet“

Hanno Loewy

Wie waren Sie in der Pandemie-Zeit besonders betroffen, gab es auch positive Erfahrungen?
Im Grunde hat uns die Pandemie tatsächlich voll er­wischt. Wir wollten im Mai 2020 eine Ausstellung eröffnen, die im Diskurs, mit den Menschen, die sie besuchen, weiterwachsen sollte. Die Veranstaltungen zur Schau „Die letzten Europäer“ sollten ein integraler Teil der Ausstellung sein. Und sich in ihr immer wieder niederschlagen, zum Beispiel die Vorträge und Interviews zur Krise der europäi­schen Idee. Dann mussten wir auf Zoom-Veranstaltungen setzen. Zum Glück haben wir als Museum ein kosmopolitisches Publikum, eine Community, die geografisch sehr weit ausgreift. Das kam uns dann zupass. Es war eine schöne Erfahrung, Veranstaltungen zu machen, bei denen die Gäste in Jerusalem und Wien, Ramallah oder London sitzen und zugleich in Hohenems, Dornbirn oder Bregenz.

Wie sieht es mit den Besucherzahlen aus?
Von Zahlen haben wir uns erstmal verabschiedet. Und dann doch sehr positive Erfahrungen gemacht. Im Frühjahr haben wir uns noch gefragt, ob die Menschen denn noch ins Museum wollen, wenn sie wieder dürfen. In den vergangenen beiden Sommern, in dem Moment, als für die Einzelbesucher die Bedingungen halbwegs „normal“ waren, sind wir tatsächlich von den Menschen überrannt worden. Im Sommer 2021 hatten wir mehr individuelle Besucher als je zuvor. Aber dafür fehlen die Schulklassen, auch für erwachsene Gruppen ist es schwierig, einen Besuch zu planen, erst recht für Gruppen aus der Schweiz. Also über absolute Zahlen braucht man deshalb noch lange nicht reden.

Zur Person

Hanno Loewy wurde 1961 in Frankfurt am Main geboren. Studium der Literaturwissenschaft, Theater-, Film- und Fernsehwissenschaft, sowie Kulturanthropologie. Tätigkeiten als Publizist und Ausstellungskurator, von 1995 bis 2000 Gründungsdirektor des Fritz Bauer Instituts in Frankfurt am Main. Seit 2004 Leiter des Jüdischen Museums Hohenems. Loewy ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Wie sieht es mit der Idee aus, das Jüdische Museum zu erweitern? Steht dieser Plan noch?
Die Pandemie hat uns ausgebremst. Wir waren schließlich gerade dabei, mit unseren Trägern ernsthaft über eine räumliche Erweiterung des Museums zu verhandeln. Nicht als Projekt für den nächsten Tag – aber als mittelfristige Perspektive. Es gab ein Projekt mit der Universität Liechtenstein, deren Studierende erste Ideen dafür entwickelten, wie das Museum wachsen könnte. Die Besucherzahlen lagen 2019 bei über 19.000 – fast vier Mal so viel, als ich im Jahr 2004 hier angefangen habe. Tendenz weiter steigend. Doch mit der Pandemie haben wir jetzt erstmal andere Probleme. Ich vermute, das Thema wird wieder kommen, wenn wir alle durch die Krise mal hindurch sind. Aber wann wird das sein?

Welche Pläne und Themen warten denn im nächsten Jahr auf das Museum?
Es gibt zwei große Themen, die uns beschäftigen. Wir machen schon lange viele Outdoor-Programme, zum Beispiel Rundgänge zum Thema Grenzen, Flucht und Menschenrechte. Das ist ein Thema, das durch die Situation in Europa jeden Tag aktueller wird. Daran schließt jetzt ein Projekt an, das wir gerade auf den Weg bringen: Entlang der Grenze bereiten wir eine Art Hörweg entlang der Radroute Nummer 1 vor. Das wird ein riesiges Projekt, da wird es dauerhafte Installationen mit physischen Markierungen in Form von Erinnerungssteinen geben, eine Website mit berührenden persönlichen Geschichten von Flüchtlingen und historischer Information. Das ist ein Projekt, das über Jahre gehen wird. Nächstes Jahr, 2023, werden 100 Jahre Rheindurchstich gefeiert. In diesem Rahmen wird es hoffentlich auch größere Veranstaltungen geben.

„Jüdische Museen sind symbolische Orte, an denen sich darüber gestritten wie Europa sich ,Anderen‘ gegenüber verhält“

Hanno Loewy

Und das zweite Thema?
Es gibt einen Teil unserer Gesellschaft, über den man sehr viel redet, das sind Menschen, mit denen man aber viel zu wenig spricht, nämlich die muslimischen Communities. Es gibt immer mehr Menschen aus diesen Communities, die sich für unsere Themen interessieren, das heißt für jüdische Geschichte, die Erinnerung an den Holocaust, Antisemitismus oder den Nahost-Konflikt. Aber sie haben – und das ist völlig legitim und selbstverständlich – darauf andere Perspektiven, andere Zugänge, als sagen wir mal Österreicher, deren Zugang sehr stark durch die NS-Zeit in den eigenen Familien und vom Verschweigen dieser Erfahrungen geprägt wurden. Und von alten christlich-antisemitischen Traditionen und der kritischen Auseinandersetzung damit. Die verschiedenen Perspektiven auf diese Themen, die es nunmal in einer Einwanderungsgesellschaft gibt, müssen wir ernst nehmen. Es muss Angebote auch zur Professionalisierung von Multiplikatoren aus den muslimischen Einwanderungs-Communities geben, Angebote, die wir gemeinsam mit ihnen entwickeln wollen.

Im nächsten Sommer steht die Ausstellung „Ausgestopfte Juden?“ zur Geschichte, Gegenwart und Zukunft jüdischer Museen auf dem Programm. Können Sie darüber schon mehr erzählen?
Jüdische Museen sind so etwas wie ein Brennpunkt öffentlicher Debatten über Zugehörigkeit und Ausgrenzung, über Identitäten und Identitätsmythen geworden. Es sind symbolische Orte, an denen sich darüber gestritten wird, wie Europa sich „Anderen“ gegenüber verhält, die zugleich zur eigenen Geschichte gehören. Und ob es sich heute gegenüber den „Anderen“ die nun zu uns kommen, wieder abschottet, oder ob es Verschiedenheit und Vielfalt „aushält“, ja positiv bewertet. Wir wollen uns anschauen, wie jüdische Museen entstanden sind, zuerst um 1900, dann wieder nach dem Holocaust und schließlich in den Jahren um 1990 – als auch das Hohenemser Museum eröffnet wurde. Und wir wollen uns anschauen, was diese Museen sammeln, was sie also als „Erbschaft“ bewahren wollen. Wir haben gerade – in Zeiten der Pandemie eher stilles – 30-jähriges Jubiläum gefeiert. Hohenems war eine der ersten Neugründungen dieser dritten Phase, die mit dem totalen Umbruch Europas nach dem „Fall der Mauer“ einherging – und damit mit der Wiederkehr der alten Geschichte ethnischer Konflikte. Unter der Oberfläche des vereinten Europas brodeln diese Konflikte bis heute.

Sie intensivieren die Kooperation mit dem Jüdischen Museum Wien. So wurde die Gesellschaft der Freunde des Jüdischen Museums Hohenems in Wien gegründet. Wie wird sich die Zusammenarbeit äußern?
In Wien haben sich Freunde von uns zusammengetan, die dazu beitragen wollen, mehr Präsenz unseres Museums in Wien zu ermöglichen. Unsere Ausstellung „Die letzten Europäer“ geht nun nach Wien ins Volkskundemuseum, das gibt einen konkreten Anlass dazu, die Verbindung von Hohenems nach Wien zu stärken. Doch auch mit dem Wiener Jüdischen Museum wird es in Zukunft wieder mehr Kooperation geben können. Das war schon früher einmal so, doch in den letzten zehn Jahren waren die beiden Museen programmatisch einfach zu weit weg voneinander. Das dürfte jetzt, mit der neuen Direktorin Barbara Staudinger, wieder spannend werden.

Werden Sie dem Jüdischen Museum noch eine Zeit lang erhalten bleiben?
Warum sollte man denn von diesem wunderbaren Ort weggehen? Aber ja, irgendwann werde ich wohl in Rente gehen.