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Keine Angst, außer vor “Bitter”

08.01.2022 • 22:39 Uhr / 9 Minuten Lesezeit
Lukas Herburger bei der Heim-EURO 2020. <span class="copyright">Gepa</span>
Lukas Herburger bei der Heim-EURO 2020. Gepa

Lukas Herburger ist Abwehrchef des ÖHB-Teams bei der Handball-EM.

Die Testspiele gegen die Slowakei wurden wegen Coronafällen beim Gegner kurzfristig abgesagt. Spielpraxis kann jedoch nicht simuliert werden, wie läuft die Vorbereitung stattdessen ab?
Lukas Herburger: Wir werden interne Trainingsspiele absolvieren. Also aus den anwesenden Spielern zwei Mannschaften bilden und gegeneinander spielen, damit wir zumindest so etwas Ähnliches wie Spielpraxis bekommen. Diese ist extrem wichtig für die kleinen Abstimmungen. Im Nationalteam muss man sofort funktionieren, da hilft es, dass wir wissen wie der jeweils andere tickt.

Die Corona-Problematik ist direkt vor dem Turnier wieder eine große. In zahlreichen Teams gibt es aktuell Coronafälle. Wie sehr beschäftigt Sie diese Thematik?
Herburger:
Es geht nicht einfach an uns vorüber, vor allem aufgrund der neuen Omikron-Variante. Bei meinem Verein Kadetten Schaffhausen habe ich selbst miterlebt, wie schnell es gehen kann. Auf einen Schlag hatten wir 15 positive Fälle, Omikron hat von der Ansteckung her schon eine andere Qualität wie zuvor. Selbst wenn die Verläufe nicht so schlimm sind, bin ich gespannt, wie das Turnier laufen wird. Man hört ständig von Fällen bei den anderen Teams.

Corona hatte schon im Vorjahr bei der WM in Ägypten massive Auswirkungen. Damals wechselte zum Beispiel euer Auftaktgegner wenige Stunden vor dem Spiel. Ist die jetzige Situation mit jener vor einem Jahr vergleichbar?
Herburger:
(überlegt) Damals war alles unbekannter, mittlerweile hat man sich daran gewöhnt und die Situation akzeptiert.

Am Freitag geht‘s los mit dem ersten EM-Spiel. Wie sieht das Programm bis zum Spiel gegen Polen aus?
Herburger:
Wer werden in unserer Bubble bleiben, damit wir keinen Covid-19-Fall einschleppen und dann sicher zur EM fahren können. Wir möchten sicher nichts riskieren. Wir trainieren viel, den freien Tag nutzen wir zum Spazierengehen oder Ähnlichem. Externe Treffen werden deshalb nicht möglich sein.

Werfen wir einen Blick auf die Gegner des ÖHB-Teams während des Grunddurchgangs. Für den ersten Rivalen Polen ist es nach dem dritten Platz bei der WM 2015 nicht mehr so gut gelaufen. Dennoch gelten die Polen als große Handballnation. Wird es ein Duell auf Augenhöhe?
Herburger:
Ich finde die Polen haben bei der WM im Vorjahr sehr gut gespielt, sie verfügen inzwischen über eine jüngere Mannschaft und sind am aufsteigenden Ast. Sie sind ein starker Gegner. Ich glaube generell, dass aus unserer Sicht in dieser Gruppe von einem großen Erfolg bis zu einer kompletten Pleite alles möglich ist. Wichtig wird sein, dass wir von Anfang an voll bereit sind. Die Polen sind ebenso auf Augenhöhe wie Belarus, gegen die wir in der Vergangenheit häufig gespielt haben. Da wissen wir, was auf uns zukommt. Unser Ziel ist es, in die Hauptrunde aufzusteigen. Es wird sich in den Duellen gegen Polen und Belarus herauskristallisieren, ob uns das gelingt.

Zusätzlich wartet die Herausforderung gegen Deutschland, auf die Österreich zuletzt häufiger bei Turnieren getroffen ist. Sind die Deutschen für das ÖHB-Team überhaupt schlagbar?
Herburger:
Theoretisch ist jeder schlagbar. Die Chance besteht immer, das ist das Schöne am Sport. Bei der Heim-Europameis­terschaft hat man gesehen, dass wir lange mitspielen konnten. Erst als Jogi Bitter gekommen ist, hat uns der Keeper den Zahn gezogen. Auf solche Faktoren wie außergewöhnliche Torhüter kommt es an. Aber dieses Mal ist er – Stand jetzt – ja nicht im deutschen Aufgebot, ich bin also guter Dinge (lacht).

Sie haben vor acht Jahren im ÖHB-Team debütiert. Was zeichnet die aktuelle Mannschaft aus?
Herburger:
Ich glaube, dass wir eine junge, hungrige Truppe mit einem guten Zusammenhalt sind. Wir kennen uns großteils schon sehr lange. In den Jugendnationalmannschaften habe ich zum Beispiel mit Niko (Bilyk; Anm.), Tobi (Wagner), Ralf (Häusle) und Seppo (Frimmel) zusammengespielt. Das schweißt uns zusammen. Dazu haben wir noch einige Routiniers wie Robert (Weber), Janko (Bozovic) und Golub (Doknic), die Stabilität und Routine miteinbringen. Ich glaube, das ist eine gute Mischung. Früher war es eher die ältere Garde, die den Ton angegeben hat. Mittlerweile haben die Jungen auch schon einige Turniere bestritten. Wenn wir gemeinsam spielen und trainieren, werden wir sicher noch besser.

Wie würden Sie Ihre Rolle in dieser Mannschaft beschreiben?
Herburger:
Meine Aufgabe besteht ganz klar darin, in der Deckung für Stabilität zu sorgen. Ich merke in jedem Training, dass Pajo (Teamchef Ales Pajovic; Anm.) mir dafür viel Vertrauen entgegenbringt.

Auf dem Parkett sind Sie ein sehr emotionaler Spielertyp, der sich und die Mannschaft regelmäßig pusht und antreibt. Nach neuestem Stand sollen 25 Prozent Zuschauerauslastung erlaubt sein. Wie wichtig sind die rot-weiß-roten Fans?
Herburger:
Jeder Sportler spielt lieber vor vollen Zuschauerrängen. Ich freue mich, dass zumindest ein paar Tausend Fans zugelassen werden oder es eine kleine österreichische Abordnung gibt. Inzwischen ist man es als Sportler schon gewöhnt, vor wenigen Zuschauern zu spielen, aber natürlich freue ich mich extrem, wenn Zuschauer vor Ort sind.

Hat sich aus Ihrer Sicht das Spiel an sich durch Geisterspiele oder Matches mit nur sehr wenigen Fans verändert?
Herburger:
Bei einigen internationalen Auswärtsspielen mit den Kadetten etwa gegen Eurofarm (Mazedonien), die sonst wirklich einen Hexenkessel im Rücken haben, war es anders als sonst. Da ist es als Auswärts­team ein bisschen einfacher geworden.


Auch die Statistiken sagen, dass es weniger Heimsiege gibt…
Herburger:
Es ist doch schön zu wissen, dass die Fans solch einen große Einfluss haben.

Sprechen wir noch kurz über Ihren Verein Kadetten Schaffhausen. Sie sind aktuell Tabellenführer. Was haben Sie in dieser Saison noch vor?
Herburger:
In jeder Saison lautet das Ziel der Kadetten, Meis­ter zu werden. Bislang sind wir auf einem guten Weg und haben uns ein kleines Polster herausgespielt. In der European League haben wir nach zwei Siegen gegen Athen wieder eine Chance auf den Aufstieg. Zu Beginn ist es nicht so gut gelaufen, woran wir selbst schuld waren. Aber jetzt verfügen wir auch international über eine gute Ausgangsposition für die Rückrunde, darauf freue ich mich schon. Aber jetzt gilt die volle Konzentration der Europameisterschaft.

Grunddurchgang (13. bis 18. Jänner)
Gruppe A (in Debrecen)
Slowenien, Dänemark, Nordmazedonien, Montenegro
Gruppe B (in Budapest)
Portugal, Island, Ungarn, Niederlande
Gruppe C (in Szeged)
Kroatien, Serbien, Frankreich, ­Ukraine
Gruppe D (in Bratislava)
Deutschland, Österreich, Belarus, Polen
Gruppe E (in Bratislava)
Spanien, Schweden, Tschechien, Bosnien und Herzegowina
Gruppe F (in Kosice)
Norwegen, Russland, Slowakei, Litauen

Hauptrunde (20. bis 26. Jänner)
Gruppe I (in Budapest)
A1, B1, C1, A2, B2, C2
Gruppe II (in Bratislava)
D1, E1, F1, D2, E2, F2

Finalspiele (alle in Budapest)
Halbfinale (28. Jänner)
Spiel um Platz 5 (28. Jänner)
Spiel um Platz 3 (30. Jänner)
Finale (30. Jänner)

Spiele des ÖHB-Teams
Österreich – Polen (14. Jänner, 20.30 Uhr, live auf ORF Sport+)
Deutschland – Österreich (16. Jänner, 18 Uhr, live auf ORFeins)
Belarus – Österreich (18. Jänner, 20.30 Uhr, live auf ORF Sport+)

ÖHB-Kader (16 Spieler scheinen jeweils im Spielbericht auf)
Tor: Doknic (Hard/3 Länderspiele), Häusle (Bregenz/3), Kaiper (Westwien/12/1 Tor)
Linker Rückraum: Dicker (Eisenach/28/24), Hermann (Gummersbach/77/133), Hutecek (Lemgo/23/63)
Mitte: Bilyk (Kiel/78/333), Martinovic (Fivers/6/3), Zeiner (Tirol/66/128)
Rechter Rückraum: Bozovic (Gummersbach/161/450), Zivkovic (Pulawy/42/56)
Linker Flügel: Damböck (Fivers/5/4), Frimmel (Szeged/75/211)
Rechter Flügel: Ranftl (Westwien/28/38), Weber (Nordhorn/197/863)
Kreis: Herburger (Schaffhausen/48/34), Posch (Krems/6/3), Wagner (Toulouse/70/134)