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„Wir haben einen gekauften Winter“

22.01.2022 • 19:40 Uhr / 10 Minuten Lesezeit
Tourismussprecherin Nadine Kasper (Grüne) wünscht sich ein Umdenken. <span class="copyright">Hartinger</span>
Tourismussprecherin Nadine Kasper (Grüne) wünscht sich ein Umdenken. Hartinger

Nadine Kasper (Grüne) über nachhaltigen Tourismus und warum Erfolg nicht nur über Bettenzahlen messbar ist.

Vergangenen Mittwoch kritisierte Andreas Gapp von der Fachgruppe Seilbahnen Grünen-Politikerin Nadine Kasper scharf wegen der Vorgehensweise und des Zeitpunkts ihrer Anfrage „Wie klimafit sind die Skigebiete?“

Dazu hielt die Fachgruppe extra eine Pressekonferenz ab. Die Seilbahner betonten dabei auch, dass ihnen die Umwelt sehr wichtig sei und in den Skigebieten nachhaltig gearbeitet werde. Die Neue am Sonntag hat nun Kasper interviewt, was nachhaltiger Tourismus für sie ist und welche Vorschläge die Grünen dazu haben

Sie sind in Vandans, einer Tourismusgemeinde, aufgewachsen und leben jetzt noch dort. Wie ist Ihr Bezug zum Tourismus?
Nadine Kasper:
Der Tourismus ist nicht wegzudenken. Deshalb ist mir das Thema nachhaltiger Tourismus so wichtig. Ich möchte, dass in 100 Jahren auch noch guter Tourismus im Land stattfindet. Meine Oma war Zimmervermieterin und ich habe sehr viele Bekannte, die in diesem Wirtschaftszweig arbeiten. Da merkt man, wie der Tourismus sich verändert hat und sieht, wo man ansetzen muss, damit rechtzeitig neue Wege beschritten werden. Beim nachhaltigen Tourismus geht es auch um soziale und regionale Aspekte. Wir müssen an unsere Privatzimmervermieter denken, an unsere Gastronomie, unsere Landwirte und die Menschen vor Ort, um die man sich gut kümmern muss. Auch unsere Gäste fragen vermehrt nach einem echten Naturerlebnis. Das, was wir jetzt haben, ist ein gekaufter Winter.

Sind Sie generell gegen Beschneiung?
Kasper:
Nicht per se, da ich weiß, dass Wintertourismus ohne Beschneiung oft nicht mehr möglich ist. Allerdings ist Beschneiung nie nachhaltig. Wir müssen uns fragen, wie lange wir noch beschneien können und mit welchem Aufwand. Was bedeutet es, wenn Talabfahrten nicht mehr beschneit werden können und wie gehen wir damit um, wenn die Winteridylle nicht mehr da ist?

Die Leitlinie des Tourismus ist ‚Immer schneller, immer mehr‘. Es sollte aber um Qualität gehen..

Nadine Kasper, grüne Tourismussprecherin

Andres Gapp, der Sprecher der Seilbahnen, sagte, dass Schnee das zentrale Motiv für den Wintergast ist, nach Vorarlberg zu kommen. Muss er deshalb nicht an erster Stelle stehen?
Kasper:
Andreas Gapp ist Sprecher der Seilbahnen. Ich bin Tourismussprecherin. Tourismus ist mehr als Seilbahnen. Und er ist auch mehr als der Winter. Zweifelsohne ist der Winter wichtig, aber es gibt auch sehr gute Ergebnisse im Sommer. Es findet ein Wandel statt und die Gäste wollen Nachhaltigkeit.

Eine der grünen Vorschläge für nachhaltigen Tourismus ist: Die ökologische und soziale Perspektive muss stärker in den Fokus rücken. Wie ist das zu verstehen?
Kasper:
Der touristische Erfolg wird in Betten- und Nächtigungszahlen gemessen. Das muss sich ändern und auch ökologische und soziale Komponenten als Erfolg gewertet werden. Indikatoren für Erfolg könnten sein: Wie viele regionale Lebensmittel wurden in der Gastronomie verwendet, wie viele Jahresstellen wurden geschaffen, wie wurde Abfall vermieden oder wie sind die Regionen an die öffentlichen Verkehrsmittel angeschlossen. Momentan ist die Leitlinie des Tourismus „Immer schneller, immer mehr“. Dabei sollte es um eine Verbesserung der Qualität gehen. Und diese Qualität bringt auch Geld.

Inwiefern?
Kasper:
Qualität bringt ein anderes Gästesegment.

Haben wir in Vorarlberg diesen Gast?
Kasper:
Die Frage ist, welchen Gast wir ansprechen möchten. Laut Umfragen denken Gäste um und wollen mehr Qualität. Viele möchten mit öffentlichen Verkehrsmitteln anreisen. Wir haben auch schon Gäste hier, die Regionalität einfordern und die möchten, dass die Menschen vor Ort gut leben. Wir dürfen den Gästen schon etwas zutrauen.

Eine Vision Kaspers ist, dass in Skigebieten regionale Lebensmittel angeboten werden.<br><span class="copyright">gmeiner</span>
Eine Vision Kaspers ist, dass in Skigebieten regionale Lebensmittel angeboten werden.
gmeiner

Sie sagen, der Klimaschutz erlebe in der Tourismusbranche einen wahren Boom. Können Sie das an Beispielen konkretisieren?
Kasper:
In der Schweiz gibt es das Skigebiet Laax, das sehr fortschrittlich ist. Wir haben aber auch im Land Hotels, die sich auf regionale Produkte spezialisieren oder die echte Naturerlebnisse wie wandern oder Ausflüge in der Natur – auch im Winter – anbieten. Zudem ist Vorarlberg eine Genussregion. Hier kommen wir wieder zur Landwirtschaft, ohne die der Tourismus sowieso nicht möglich wäre. Sie kann den Tourismus sogar stärken: In den Gastronomien in den Skigebieten könnten mehr regio­nale Lebensmittel angeboten werden. In Salzburg etwa gibt es die erste österreichische vegetarisch-vegane Berghütte.

Das Essen in solch einer vegetarisch-veganen Berghütte wird aber jenen vorbehalten bleiben, die gut verdienen.
Kasper:
Es ist ein Mythos, dass regional und bio immer teurer sind. Und wo doch, müssen die Produkte gefördert werden, damit sie billiger werden. Das Einzige, das teuer bleiben soll, ist Fleisch. Da soll man den Preis dafür bezahlen. Man muss auch bei den Löhnen ansetzen und die Mindestlöhne erhöhen, damit die Menschen von ihrem Gehalt gut leben können. Denn sonst sind wir in der Spirale gefangen, dass alles immer noch billiger wird: Lebensmittel, Bekleidung, Gebrauchsgegenstände. Da geht es nicht um Luxusfragen, sondern um das alltägliche Leben.

Wenn Sie von regionalen Lebensmitteln sprechen: Kann die heimische Landwirtschaft sie überhaupt in dem Ausmaß produzieren?
Kasper:
Ja. Es ist aber nicht möglich, wenn man nur Milchwirtschaft betreibt. Der Vetterhof in Lustenau hält zum Beispiel keine Kühe mehr, sondern hat ganz auf Gemüseanbau umgestellt.

In höher gelegenen Regionen kann man aber nicht auf Gemüseanbau umstellen.
Kasper:
Es muss nicht nur Gemüse sein. In Bartholomäberg hat die Bauernfamilie Bitschnau Steinschafe wieder eingeführt. Sie verwerten alles vom Tier. In der Landwirtschaft muss nicht jeder alles anbieten, sondern man kann sich spezialisieren. Das muss unterstützt werden.

Kehren wir zum nachhaltigen Tourismus zurück. Welche Vorschläge haben Sie noch?
Kasper:
Es sollten neue Arbeitszeitmodelle geschaffen werden. Gleichzeitig müssen Kinderbetreuungsmodelle ausgebaut werden, dann würden mehr Eltern an den touristischen Arbeitsplatz zurückkehren. Das ist nicht nur Sache der öffentlichen Hand, sondern es gibt schon viele Unternehmen, die innovative Kinderbetreuungsmodelle anbieten. Da könnten die Seilbahnen mitmachen.

An welche neuen Arbeitszeitmodelle im Tourismus denken Sie?
Kasper:
Es gibt schon Unternehmen, die die Fünftage-Woche von Montag bis Freitag anbieten, sodass Mitarbeiter am Wochenende frei haben. Wir haben auch Restaurants, die bewusst um 22 Uhr schließen und die Gäste danach in die Nachtgastronomie schicken. Zudem sollte die 40-Stunden-Woche abgelöst werden. Dazu gibt es verschiedene Modelle, die ausprobiert werden sollten. Warum geht der Tourismus da nicht voran? Das wäre unglaublich gut für das Image.

Kasper weiß, dass Wintertourismus ohne Beschneiung oft nicht mehr möglich ist. Allerdings sei Beschneiung nie nachhaltig. <span class="copyright">Gmeiner </span>
Kasper weiß, dass Wintertourismus ohne Beschneiung oft nicht mehr möglich ist. Allerdings sei Beschneiung nie nachhaltig. Gmeiner

Zu Ihrer Anfrage „Wie klimafit sind die Skigebiete“ und den Antworten darauf von der Seilbahn-Fachgruppe: Wie beurteilen Sie diese?
Kasper:
Sie lesen sich wie eine nette Werbebroschüre. Es scheint, dass sich die Fachgruppe nicht kritisch mit dem Thema Klimawandel auseinandersetzt. Aus der Anfragebeantwortung geht zum Beispiel hervor, dass die Seilbahner nicht wissen, wie hoch der Wasser- und Strombedarf bei der Schneeerzeugung ist. Wenn die Seilbahner sich heute tatsächlich noch nicht mit dem Klimawandel befasst haben, halte ich das für sehr schwierig. Wir brauchen heute Lösungen und nicht erst morgen. Die Auswirkungen des Klimawandels sind bereits da. Die Seilbahner haben zwar Konzepte, aber diese gehen zu wenig weit. Sie verstehen Nachhaltigkeit oft als ein Pickerl. Das ist aber nicht immer gelebte Nachhaltigkeit. Auch die Seilbahner sind für Heliskiing. Wer das sagt, hat nicht verstanden, worum es geht.

Was halten Sie von der Vorgehensweise der Fachgruppe, Ihnen über eine Pressekonferenz ihren Unmut auszurichten?
Kasper:
Ich bin Landtagsabgeordnete. Mein Job ist es, Anfragen zu stellen und Lösungen zu finden. Dass Andreas Gapp so emotional reagiert, sagt mehr über ihn als über meine Arbeit aus. Ich finde es schwierig, wenn solch eine Tonalität angeschlagen wird. Das macht man, um Frauen kleinzumachen.

Zur Person

Nadine Kasper wurde am 9. September 1980 in Schruns geboren. Sie studierte Kommunikationswissenschaften an der Universität Salzburg und Projektmanagement am WIFI Dornbirn. Die dreifache Mutter arbeitete als Marketing- und Projektmanagerin. Erstmals politisch tätig wurde sie bei der Landtagswahl 2014. 2019 wurde sie in den Landtag gewählt. Ihre Schwerpunkte sind Familie, Tierschutz, Tourismus und Gesundheit.