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Wie sich die Bevölkerung auf einen möglichen Krieg vorbereitet

24.01.2022 • 22:25 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Insgesamt 130.000 Männer und Frauen haben sich laut Berichten bereits der sogenannten Territorialen Verteidigungsarmee angeschlossen
Insgesamt 130.000 Männer und Frauen haben sich laut Berichten bereits der sogenannten Territorialen Verteidigungsarmee angeschlossen (c) AFP (SERGEI SUPINSKY)

Anhaltende Spannungen zwischen Russland und der Ukraine könnten schon bald in einem Krieg enden. Ein Stimmungsbild aus einem Land, das jeden Moment angegriffen werden könnte.

Es vergeht kein Tag ohne Meldungen über eine mögliche russische Invasion in die Ukraine. Niemand weiß, ob Putin nur Ängste schüren will oder tatsächliche einen Krieg im Sinn hat. Bereits seit sieben Jahren herrscht in der Ostukraine Krieg zwischen pro-russischen Separatisten und der ukrainischen Armee. Seit die Separatisten 2014 in Donezk und Luhansk „unabhängige Volksrepubliken“ ausriefen, wurden mehr als 13.000 Menschen getötet.

Seit Ende letzten Jahres spitzt sich der Ukraine-Konflikt nun wieder zu, es gibt einen massiven Aufmarsch russischer Truppen nahe dem Nachbarland. Die Welt blickt gebannt auf die russisch-ukrainische Grenze: Man befürchtet, dass Russland einen Einmarsch in das Nachbarland planen könnte. Seit Monaten leben die Ukrainerinnen und Ukrainer demnach in einem Klima der Angst. Während vonseiten des Westens das Schlimmste befürchtet wird, verfallen die Einheimischen vorerst nicht in Panik.

„Die Menschen in der Ukraine verfolgen natürlich die politischen Entwicklungen, sind aber bislang großteils gefasst und ruhig“, sagt der österreichische Botschafter in Kiew, Gernot Pfandler, gegenüber der Kleinen Zeitung. Zudem komme, dass die Menschen in der Ukraine in den letzten Jahren und Jahrzehnten sehr resilient geworden seien. „Die ukrainische Bevölkerung hat leider schon zahlreiche Krisen erlebt und gerät daher nicht leicht in Panik.“

Diese Beobachtung teilt auch Vladislav Davidzon von der Denkfabrik „Atlantic Council“. Er schreibt: „Das jahrelange Leben in einem Zustand unerbittlicher Unruhe und Unsicherheit hat die ukrainische Bevölkerung abgehärtet. Die Menschen sind phlegmatisch, sie gehen weiterhin ihrem täglichen Leben nach.“ Niemand habe konkrete Pläne für den Fall einer Evakuierung, außerdem sei es den Einheimischen am liebsten, gar nicht über die Geschehnisse zu sprechen oder zu sagen, wie sie wirklich über all das denken.

Krisenerprobt oder Realitätsverweigerer?

Sind die Menschen in der Ukraine nun krisenerprobt oder verwehren sie sich in gewissem Maß der Realität? Teilweise seien die Menschen schlicht mit der Situation überfordert. Davidzon: „Die sozialen Netzwerke sind voll mit Videos von russischen Zügen, die mit militärischer Ausrüstung beladen durch verschneite Landschaften rasen. Die Berichte über Russlands zunehmender Truppenaufstockung entlang der ukrainischen Grenze häufen sich von Stunde zu Stunde.“

Vorerst bewahrt man in der Ukraine aber weiterhin zumindest den Anschein von Normalität. Auch in der Politik. „Es ist bemerkenswert, dass die Regierung Selenskyj trotz der drohenden russischen Invasion eher daran interessiert zu sein scheint, den ehemaligen Präsidenten Poroschenko vor Gericht zu stellen“, schreibt Davidzon.

Botschafter: Öffentliches Leben geht seinen gewohnten Gang

„Derzeit geht das öffentliche Leben in Kiew und auch im Rest des Landes seinen gewohnten Gang“, sagt Pfandler. Geschäfte, Restaurants und Kultureinrichtungen seien regulär geöffnet und gut besucht. Bislang gebe es außerdem keinerlei Ankündigung von Einschränkungen, es komme auch zu keinen Hamsterkäufen oder Ähnlichem. Einschränkungen gebe es derzeit allerdings im Bereich des Fernwärmenetzes: „In den Wohnungen in Kiew, die mit Fernwärme heizen, werden die Heizkörper nicht so warm wie sonst um diese Jahreszeit. Zu Winterbeginn hat Russland die Kohlelieferungen in die Ukraine eingestellt, weshalb die Heizleistung der Fernwärme auf Sparflamme gestellt wurde.“

Von einer Mobilmachung sei bislang keine Rede gewesen, berichtet der Botschafter. Pfandler: „Wir an der Botschaft beobachten die aktuellen Entwicklungen der Sicherheitslage natürlich sehr genau, bleiben in laufendem Kontakt mit Wien und sind auf alle Eventualitäten vorbereitet.“

Bürger melden sich freiwillig

Auch wenn es keine Mobilmachung gibt, melden sich Freiwillige zur Schulung durch die Armee. Insgesamt 130.000 Männer und Frauen haben sich laut Berichten bereits der sogenannten Territorialen Verteidigungsarmee angeschlossen, die das reguläre Militär unterstützen soll, die größeren Städte des Landes gegen einen eventuellen russischen Einmarsch zu verteidigen.