Kultur

Wenn Herkules am Ausmisten scheitert

25.01.2022 • 20:01 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Das Ensemble des Theater Marie. <span class="copyright">Andreas Zimmermann</span>
Das Ensemble des Theater Marie. Andreas Zimmermann

Eine Komödie feiert am Mittwoch als Koproduktion mit dem Theater Marie Landestheater-Premiere.

Das Theater Marie kehrt heute Abend auf die Bühne des Vorarlberger Landestheaters zurück. War im Oktober 2020 das Stück „Geld, Parzival“ von Joël László zu sehen, widmet sich das in dem Schweizer Kanton Aargau beheimatete Tourneetheater diesmal einem Stück von Friedrich Dürrenmatt – und zwar eines, das selten seinen Weg auf die Bühne findet. In „Herkules und der Stall des Augias“ lässt der wohl bekannteste, 1990 verstorbene Schweizer Theaterautor den Superhelden der Antike, der mittlerweile den Zenit seines Ruhms hinter sich hat, an der Beseitigung eines Müllproblems scheitern. Regisseur Olivier Keller hat dabei versucht, das 1954 erstmals als Hörspiel erschienene Werk zu verjüngen. Dazu gehört auch eine Umkehr der Geschlechterverhältnisse: Herkules, sowie weitere zahlenmäßig dominierende Männerrollen werden von Frauen übernommen, wie Keller im Gespräch informiert.

Regisseur Olivier Keller. <span class="copyright">Andreas Baechli</span>
Regisseur Olivier Keller. Andreas Baechli

In der jüngsten Vergangenheit waren Dürrenmatts Werke in der Schweiz wieder vermehrt zu sehen, das Theater Marie wollte dabei ein Stück wählen, das weniger bekannt ist, meint der Regisseur – so nahm man sich diese Groteske zur Brust. Zum Inhalt: Herkules, der schon etwas angeschlagene und hoch verschuldete Nationalheld, nimmt den Auftrag der Regierung von Elis an, die Region von dem stetig anwachsenden Misthaufen zu befreien, der auf den Bewohnern lastet. Doch die Bürokratie und endlose Beratungen verschiedener Interessensvertreter machen es dem Halbgott, gespielt von Milva Stark, schwer. Schließlich muss der ausgebrannte Herkules wieder abziehen, der Misthaufen bleibt.

Der Mist in Kunststoffsäcken. <span class="copyright">Andreas Zimmermann</span>
Der Mist in Kunststoffsäcken. Andreas Zimmermann

Zwei Aspekte des Stücks hätten ihn besonders angesprochen, verrät Keller: So sei die Metapher des Ausmistens noch heute gültig. Dass ein Problem einer ganzen Gesellschaft nicht gelöst werden kann, da zahlreiche Partikularinteressen im Wege stehen, das sei auch heute bekannt. So sei es etwa in der Schweiz während der Coronapandemie gewesen, als die Regierung nötige Entscheidungen hinauszögerte, die für bestimmte Branchen Einbußen bedeutet hätten, nennt er ein Beispiel. Auch an den Klimawandel, dessen Eindämmung die Zusammenarbeit vieler Kräfte benötigt, könne man dabei denken, meint Keller.

Große Ent-Täuschung

Zweitens geht es laut dem Regisseur um die Demontage des männlichen Helden. Herkules wird von den Bürgern von Elis zuerst wie ein Popstar empfangen, kann dann aber als Einzelner diesen großen Mist doch nicht beseitigen. Die buchstäbliche Ent-Täuschung des Volkes ist groß. Was ist denn dieser Mist heute, und was ist der Mist in unseren Köpfen? Dies wären die Fragen, die man sich stellen könnte, so Keller.

Ankurbeln

Wie in einer Komödie üblich, seien die Figuren in dem Stück stark überzeichnet, es sei eine „großartige Farce“, meint Keller. Das von Dominik Steinmann entwickelte Bühnenbild lässt den Mist in Kunststoffsäcken erscheinen, die in einer großen Kiste versammelt sind. Rundherum gäbe es noch Platz für eine Entsorgung, aber die Bewohner könnten nicht ihren eingefahrenen Strukturen entkommen, erklärt der Regisseur. Musik und Videoprojektionen sind ebenfalls Teil des Spiels. Um eine Brücke zwischen dem Analogen und Digitalen zu schlagen, komme dabei eine handbetriebene Kurbel zum Einsatz.

Zum Stück

„Herkules und der Stall des Augias“. Eine Koproduktion des Vorarlberger Landestheaters und des Theater Marie. Premiere heute, Mittwoch, 19.30 Uhr, im Großen Haus im Landestheater, Bregenz. Weitere Termine am 27. und 29. Jänner, 1., 4., und 6. Februar. Publikumsgespräch am 4. Februar im Anschluss an die Vorstellung. Tickets: www.landestheater.org

Die Textfassung setze sich aus der Hörspiel-Urfassung, sowie der bearbeiteten Theaterversion von 1980 zusammen, erklärt Keller. Durch Kürzungen habe man versucht den Humor des Autors zu entstauben, und mit der zeitgemäßen Besetzung eine große Freiheit in der Figurenzeichnung erlangt. Mal sehen also, wie sich das Stück heute zeigt.