Sport

Eine Fusion mit Fragezeichen

15.04.2022 • 23:04 Uhr / 10 Minuten Lesezeit
Die VEU jubelte in der jüngeren Vergangenheit in der AHL, werden die Feldkircher nun zum EC Vorarlberg? <span class="copyright">Stiplovsek</span>
Die VEU jubelte in der jüngeren Vergangenheit in der AHL, werden die Feldkircher nun zum EC Vorarlberg? Stiplovsek

Der Dornbirner EC und die VEU Feldkirch haben gestern als Team Vorarlberg eine gemeinsame Nennung für die ICE Hockey League abgegeben. Die Hintergründe.

Es kann dem Eishockeystandort Vorarlberg nichts Besseres passieren, als das, was gestern um 17.30 Uhr vermeintlich offiziell bekannt wurde: Das Kirchturmdenken in Vorarlberg wird endlich begraben, die Bulldogs, der EHC Lustenau und die VEU Feldkirch bündeln ihre Kräfte und Ressourcen und wollen gemeinsam in der ICE Hockey League angreifen. Ein historischer Tag für Vorarlberg, und ein Beispiel, das hoffentlich Schule macht. Denn in dieser Konstellation ist ein Team Vorarlberg sicherlich mittelfristig fähig, zu einem Top-Klub in der ICE Hockey League aufzusteigen. Endlich wird im Vorarlberger Eishockey nicht mehr gegeneinander gearbeitet, endlich wird die Nachwuchsarbeit gemeinsam angegangen, endlich besinnt man sich auf das Gemeinsame.

Nicht gemeinsam

Doch wie viel „Vorarlberg“ steckt in diesem Team Vorarl­berg wirklich drin? Auffällig ist: Die erste Presseaussendung wurde nur von der VEU Feldkirch verschickt, die Verlautbarung enthält auch nur ein Zitat der beiden VEU-Macher Michael Lampert und Christian Groß: „Das Team Vorarlberg ist eine große Aufwertung für den Eishockeysport bei uns – und auch für ganz Eishockey-Österreich. Mit einer gemeinsamen ICE-Mannschaft an der Spitze schaffen wir ein perfektes Modell, um talentierte Spieler zu entwickeln, zu fördern und eine Perspektive zu geben.“
Weder Alexander Kutzer von den Bulldogs wird zitiert noch Herbert Oberscheider vom EHC Lusten­au. Die Pressemeldung der Dornbirner folgte eine Stunde später, auf der Homepage der Lustenauer gab und gibt es gar nichts über eine etwaige Allianz mit der VEU zu lesen. Und siehe da: Bei der ersten Presseaussendung, was im ersten Moment tatsächlich schnell überlesen wird, werden die Vereine, die diese Vorarlberger Allianz bilden, von der VEU gar nicht namentlich erwähnt. Es ist von „Vorarlbergs Eishockeyvereine“ die Rede. Es gibt auch kein gemeinsames Bild von Lampert, Kutzer und Oberscheider, dass diese Allianz bebildern würde – dabei wäre es so einfach gewesen, den drei Machern einen Stock in die Hand zu drücken und freudig in die Kamera blicken zu lassen.
Erst nach der Aussendung der Bulldogs war klar, dass die Lustenauer wohl eher nicht an Bord sind. Denn da steht zwar, es sei eine Allianz aus Vorarlberger Vereinen um den ICE-Teilnehmer Dornbirn Bulldogs. Aber während Groß und Lampert zu Wort kommen, wird Lustenau nicht erwähnt. Und bei zwei involvierten Vereinen kann man wohl kaum von „Vorarlbergs Eishockeyvereinen“ sprechen.

So viele Fragen

Wie geht es in Dornbirn weiter? <span class="copyright">Hartinger</span>
Wie geht es in Dornbirn weiter? Hartinger

Das alles wirft Fragen auf. Wenn es keinen einheitlichen Auftritt, keine einheitliche Aussendung und kein gemeinsames Bild gibt: Ist es dann wirklich ein gemeinsames Projekt? Hätte man die historische Geburtsstunde eines Team Vorarlbergs nicht bei einer Pressekonferenz gemeinsam vorgestellt und dabei nicht nur die Werbetrommel für diese Allianz gerührt, sondern vielleicht auch schon ein gemeinsames Logo und, man darf ja träumen, einen Entwurf für ein gemeinsames Dress präsentiert?
Auf einer solchen Pressekonferenz hätte man die vielen Fragen beantworten können, die zwangsläufig auftauchen. Wer bildet die Allianz, wie reagieren die nicht involvierten heimischen Vereine, seit wann ist das Projekt in Planung, wer übernimmt die Geschäftsführung, wer wird General Manager, wo wird gespielt, auf wie viele Jahre wurde die Zusammenarbeit vereinbart? Und vor allem: Was passiert mit den Vereinen VEU und Dornbirner EC? Denn bei einem Team Vorarlberg können diese Klubs sinnigerweise ja nicht in der Alps Hockey League als eigenständige Vereine auftreten. Ein Team Vorarl­berg ist nämlich nur dann ein Team Vorarlberg, wenn spätestens ab der U18 alles Trennende unter den teilnehmenden Vereinen aufgelöst wird. Ein Team Vorarlberg bedeutet also, dass es die Marken DEC und VEU nur noch im Nachwuchsbereich gibt, eigentlich müsste es eine gemeinsame Akademie geben.
Und das, bei allem guten Willen, gibt weder die Aussendung der Feldkircher noch die der Dornbirner her. Es ist zwar richtig, dass die Zeit drängte, da gestern, mal wieder, Nennschluss war in der ICE Hockey League. Aber dieser Zeitdruck hätte ja nicht verhindert, dass man gemeinsam vor die Presse tritt und die Pläne skizziert; auch auf die Gefahr hin, manche Fragen noch nicht beantworten zu können. Das hätten alle verstanden.
Ein weiterer Fingerzeig ist die Aussendung der ICE-Liga. In der wird nicht jubiliert, dass in Vorarlberg endlich die Kräfte gebündelt werden, was sich viele Ligavertreter seit Jahren wünschen. Sondern da heißt es nur: „Bis zum Meldeschluss am heutigen Freitag haben 14 Vereine für die Saison 2022/23 in der win2day ICE Hockey League genannt. Sämtliche Nennungen werden nun von den Liga-Gremien geprüft. Zudem haben zwei weitere Mannschaften ihr Interesse an einem zeitnahen Einstieg in die multinationale Liga bekundet.“

Pläne in Altach

Was ist also dran an diesem Team Vorarlberg? Im Herbst 2018 entstand die Idee für einen EC Vorarlberg, damals trieben Feldkirch und Lustenau eine Fusion voran und überzeugten schließlich auch die Bulldogs von einem EC Vorarlberg, was durchaus bekannt war in Vorarl­bergs Eishockeyszene. Es gab bereits konkrete Pläne, ja gar ausgearbeitete Baupläne, in Altach neben der Cashpoint-Arena eine hochmoderne Eishockey-Arena zu errichten, das Gelände sollte zum Nabel der Vorarlberger Sportwelt werden, die Gespräche mit den Altachern waren auf der Zielgeraden. Bis die VEU Feldkirch im Jänner 2019 eine eigenständige ICE-Bewerbung abgab, die Bewerbung scheiterte, weil das Geld fehlte. In gut informierten Kreisen wusste man über die Pläne für einen EC Vorarlberg Bescheid. Ebenso über die Hallen-Pläne. Ehe VEU-Präsident Pit Gleim bei einer Pressekonferenz am 22. Juli 2019 diese Fusionspläne sogar vage bestätigte.
DEC-Boss Kutzer und EHC-Boss Oberscheider waren im Anschluss nicht bereit, diese Aussagen zu kommentieren, denn nach dem Feldkircher Bewerbungs-Alleingang wollten die beiden nichts mehr von einer Zusammenarbeit mit der VEU wissen. Oberscheider sagte damals sogar kurzfristig ein bereits zugesagtes Interview mit der NEUE ab, weil er wusste, dass er Fragen zu den gescheiterten EC-Vorarlberg-Plänen bekommen würde.

Auf dem Altacher Schnabelholz-Gelände war eine Eishalle geplant. <span class="copyright">Gepa/Lerch</span>
Auf dem Altacher Schnabelholz-Gelände war eine Eishalle geplant. Gepa/Lerch

Spielort

Nun also kommt es doch zu dem EC Vorarlberg. Ob so viel „Vorarlberg“ drinsteckt wie draufsteht, werden schon bald einige Faktoren zeigen: Mit welchem Namen, welchem Logo und welchen Farben will der Verein in der ICE spielen – und nicht zuletzt: Wo sollen die Spiele stattfinden? In Dornbirn wurde im Vorjahr die Haupttribüne neu gebaut, Planungsfehler beim Podest hin oder her: Das Messestadion ist aktuell sicherlich die modernste und attraktivste Eishalle Vorarlbergs, alle Strukturen sind vorhanden. Somit wäre das Messestadion die einzig logische Heimat eines EC Vorarl­bergs.
Daran ändert auch nichts, dass in Feldkirch in der Vorarlberghalle dieser Tage die Lichtanlage umgerüstet wird. Um die Energiekosten zu senken, aber auf der VEU-Website heißt es auch: „Diese Modernisierung ist ein essenzielles Kriterium für die Durchführung von Erstliga-Spielen, im Falle einer Aufnahme in die win2day ICE Hockey League.“ Was die Vermutung nahe legt, dass die Allianz der beiden Eishockeyvereine zumindest sehr, sehr kurzfristig zustande kam.

Lizenz. Für Klarheit, wer und was hinter dem Team Vorarlberg steckt, wird letztlich sorgen, wie die ICE-Liga die Nennung vom Team Vorarlberg behandelt. Spielt man mit der Lizenz von Dornbirn weiter, kann es eigentlich keine Probleme bei der Nennung geben, dann wäre auch keine Aufnahmegebühr fällig – und dann sollte eigentlich auch keine Abstimmung über die Aufnahme notwendig sein.
Mit der Lizenz von Dornbirn spielt man aber wiederum nur dann weiter, wenn der DEC eine gewichtige Rolle bei dieser Allianz spielt. Ob dem so ist, wenn die Dornbirner der VEU bei der Kommunikation den Vortritt lassen und Alexander Kutzer telefonisch nicht erreichbar ist, ist zumindest unklar. Der nunmehrige Ex-DEC-Trainer Kai Suikkanen hatte gegenüber der NEUE schon vor Wochen angedeutet, dass es klubintern zu Änderungen kommen könnte.

Ungereimtheiten. Bei der Liga trauen sie der Sache jedenfalls nicht so recht über den Weg. Die anderen Klubbosse sind ja nicht auf den Kopf gefallen, nach NEUE-Informationen gibt es zudem rechtlich relevante Ungereimtheiten bei der Nennung, die man seitens der Liga klären will. Dort vermutet man einen VEU-Einstieg durch die Hintertür – als eigenständiger Verein wäre die VEU Feldkirch nämlich nicht aufgenommen worden. Es bleibt zu hoffen, dass sich all die offenen Fragen in Luft auflösen, die Bewerbung wasserdicht ist und seitens der Liga als „Team Vorarlberg“ akzeptiert wird. Nur dann war das gestern wirklich ein historischer Tag in der heimischen Sportgeschichte. Ansonsten, und das ist die akute Gefahr, könnte dem Vorarlberger Eishockey das Team Vorarlberg auf den Kopf fallen. Eher früher als später.