Österreich

Löhne rauf, Arbeitszeit runter

17.05.2022 • 11:55 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Einschnitte treffen Wirte und Hoteliers, bezahlen müssen die Gäste
Einschnitte treffen Wirte und Hoteliers, bezahlen müssen die Gäste APA/HERBERT PFARRHOFER

Diesen Sommer fehlen in Gastronomie und Hotellerie für bis zu 35.000 Stellen die Mitarbeiter.

Schwemme: Dieses Wort tauchte in den 1980er- und 1990er-Jahren im Kontext diverser Berufsbilder auf. Einmal waren es die Ärzte, dann die Lehrer. Der Warnruf vor der “Schwemme” begleitete ganze Generationen. Österreich wusste sich zu helfen und schuf für den Überhang an Auszubildenden schlichte Listen. Jahre- oder gar jahrzehntelange Wartezeiten waren die Folge.

Demografischer Wandel ließ Schwemmen verebben. Heute werden Berufe mit dem Beiwort “Not” oder “Mangel” versehen: Mit am akutesten ist die Not in Gastronomie und Hotellerie. 230.000 Menschen verdienten vor der Pandemie ihren Lebensunterhalt in Hotels, Pensionen, Gasthäuser oder Restaurants.

Schon damals litt die Branche unter ihren “Mangelberufen”. Die Pandemie wirkte als Katalysator, Serien an Lockdowns trafen Gastronomie und Hotellerie schwerer als alle anderen: Ein Kurzarbeitergeld, das sich am Gehalt ohne Trinkgeld orientierte, deckte die Lebenshaltungskosten nicht annähernd, dazu maximale Unsicherheiten.

Tourismusmotor brummt

Tourismus und Gastronomie, zum Zusperren verdammt, luden zur Selbstbedienung ein. Industrie und andere von Lockdowns verschonte Branchen griffen zu: Sie lockten mit Fixeinkommen, kalkulierbaren Arbeitszeiten und Jobsicherheit. So kamen der Dienstleistungsbranche schlechthin scharenweise Dienstleister abhanden.

Im dritten Coronasommer brummt der Tourismusmotor. Die Gäste sind zurück, doch die Mitarbeiter fehlen vielerorts. Die Situation spitzt sich weiter zu, denn mehr Arbeitsvolumen auf weniger Rücken zu verteilen ist keine so gute Idee.

Minus 24 in sechs Wochen

Selbst auf die Hoffnungsträger, die Auszubildenden, steigt der Druck. Nur mehr 154 Lehrlinge waren Anfang April im Tourismusland Kärnten im ersten Lehrjahr gemeldet. Ein Tiefststand. Sechs Wochen später sind es gar nur mehr 130.

Der Grund könnte in einem Detail, einer Beobachtung, liegen: Bis zu sechs Anfragen von Unternehmern trudeln beim Berufsschuldirektor ein – täglich. Deren Begehr: Ihr Lehrling möge bitte im Betrieb hakeln, statt zur Schule zu gehen. In Feiertagsreden ist die Republik stolz auf die duale Ausbildung. Doch manche Unternehmer opfern, wenn’s denn sein muss, die Lehre am Altar des Mammons.

Abkürzungen gibt es nicht

Das Drehen an ein paar Stellschrauben wird wohl nicht reichen, Tourismus und Gastronomie müssen sich neu erfinden: Löhne kräftig rauf, Arbeitszeiten deutlich runter, dazu verlässliche, planbare und familientaugliche Job-Bedingungen. Das verbessert das Image der Branche, macht sie attraktiver. Abkürzungen gibt es nicht.

Solche Einschnitte treffen Wirte und Hoteliers, bezahlen müssen die Gäste: Essen, Trinken und Übernachten werden (noch) teurer, Öffnungszeiten knapper kalkuliert, Zeit-Slots im Lokal ersetzen die Flexibilität. Nur wer null Service will, fährt günstiger. Eine aus dem Lot geratene Arbeitswelt muss ins Gleichgewicht, Listen werden nicht reichen. Es braucht eine neue Balance – die Unternehmer sind gefordert, Schieflagen zu beseitigen.