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Wie sehr die Teuerung bemerkbar ist

20.05.2022 • 16:00 Uhr / 8 Minuten Lesezeit
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Symbolbild Apa/Gindl

Steigen Vorarlberger wegen Teuerung auf Öffis um? Sind sie knausriger beim Trinkgeld? NEUE hat nachgefragt.

Es wird eingekehrt

Kerstin Biedermann-Smith, Geschäftsführerin der Sparte Gastronomie in der Wirtschaftskammer, sagt: „Wir bemerken, dass junge Menschen weniger ausgehen und auch weniger Trinkgeld geben.“

Ansonsten halte die Teuerung die Menschen nicht ab, einzukehren und sich danach beim Kellner mit einem Trinkgeld zu bedanken. „Die Menschen haben auch großes Verständnis für die Preisanpassungen, weil sie wissen, weshalb das so ist und weil die Anpassungen noch nicht massiv sind“, sagt Biedermann-Smith. Noch würden sie nicht auf den Wirtshausbesuch verzichten wollen. Vielleicht deshalb, weil sie pandemiebedingt so lange darauf warten mussten, mutmaßt die Sparten-Geschäftsführerin.
Die Stimmung unter den Gastronomen sei „verhalten optimistisch“. Für den Sommer erwarte man eine gute Nachfrage, doch der Blick in Richtung Herbst beunruhige. Die Branche fordere: „Kein Lockdown mehr“. Die Schweizer Nachbarn hätten dies gezeigt. Außerdem hätten sich die Gäste hier immer an die Regeln gehalten und es habe in der Gastronomie keine Cluster gegeben.

Bei jungen Menschen ist bemerkbar, dass sie weniger ausgehen und weniger Trinkgeld geben. Bei allen anderen ist das nicht der Fall.<span class="copyright">Fohren Center Bludenz / Stephan Winder</span>
Bei jungen Menschen ist bemerkbar, dass sie weniger ausgehen und weniger Trinkgeld geben. Bei allen anderen ist das nicht der Fall.Fohren Center Bludenz / Stephan Winder

Viele jammern wegen der Preise

Patrick Deuring ist stellvertretender Obmann der Fachgruppe für Tankstellen und Betreiber der Deuring Tankstelle in Hörbranz. Dass weniger getankt wird, weil die Menschen wegen der hohen Preise auf Öffis umsteigen, ist bei ihm nicht spürbar. Hörbranz sei ein wenig abgelegen und die Menschen seien deshalb auf das Auto angewiesen. Es würden sich aber viele über die teuren Preise beklagen. Mehr Sorgen als die Teuerung bereitet Deuring die deutsche Energiesteuer, die Benzin und Diesel ab 1. Juni um 30 Cent verbilligt; vorerst für drei Monate. „Dann kommen keine Deutschen mehr zu uns zum Tanken.“ Dabei habe er dafür Infrastruktur geschaffen. Von seinen 22 Zapfstellen würden in Zukunft viele leer bleiben. Im Verkaufsgeschäft seiner Tankstelle sind die Auswirkungen der Teuerung bereits angekommen: Der Verkauf lässt nach, zudem würden die Preisspannen kleiner. Der Preis, der derzeit auf seinen Tanktafeln steht, ist derselbe, zu dem Deuring den Treibstoff gekauft hat. Der Grund dafür: Wegen der Pandemie war er bei Bestellungen vorsichtiger, was ihm nun „doppelt und dreifach wehtut“. Die Gehälter oder Stromkosten zahle er zurzeit aus früheren Gewinnen. Zwischen Einkauf und Verkauf liegen normalerweise „ein paar Cent“ – von den jetzigen Preisen würden nur Tankstellenkonzerne profitieren.

Patrick Deuring von der Deuring-Tankstelle in Hörbranz. <span class="copyright">Hartinger</span>
Patrick Deuring von der Deuring-Tankstelle in Hörbranz. Hartinger

Menschen wollen reisen

Durch die Teuerung scheinen sich die Vorarlberger die Lust am Reisen nicht vereiteln zu lassen. Bis jetzt jedenfalls. Es könne durchaus sein, dass die Teuerung dann bei Last-Minute-Reisen zu bemerken ist und weniger Menschen buchen. Das berichtet Ralf Loacker, Geschäftsführer vom Reisebüro Loacker Tours und stellvertretender Obmann der Fachgruppe Reisebüros in der Wirtschaftskammer. Dass die Menschen noch reisefreudig sind, führt Loacker auch darauf zurück, dass viele ihren Sommerurlaub schon vor März gebucht haben. Zudem ist die Reiselust nach den Corona-Schwierigkeiten der vergangenen beiden Jahre groß.
Die Buchungslage sei viel besser als vor zwei Jahren und besser als vor einem Jahr, so Loacker. Die Zahlen, die es vor der Pandemie gab, würden aber nicht erreicht werden. Es sei auch das Angebot knapper, da die Fluggesellschaften nicht auf dem Stand von 2019 seien – unter anderem, weil auch dort Mitarbeitermangel herrscht. Weniger Angebot führt zu höheren Preisen. Diese gibt es übrigens auch schon im Städtetourismus. „Das wird so bleiben und wird sich vielleicht sogar verschärfen“, sagt Loacker.

Viele Reiselustige haben schon vor März 2022 gebucht. <span class="copyright">Hartinger </span>
Viele Reiselustige haben schon vor März 2022 gebucht. Hartinger

Mit Kundenfrequenz zufrieden

Für Butter ist zurzeit fast 26 Prozent mehr zu bezahlen als im Mai 2021. Auch die Preise anderer Lebensmittel sind bei einer Gesamtinflation von 7,2 Prozent im April in die Höhe geschossen. So kosteten Brot und Getreide im April rund 8,2 Prozent mehr als im Vorjahr, die Preise für Gemüse stiegen um 10,1 Prozent. Das legt den Schluss nahe, dass viele Menschen derzeit in Lebensmittelgeschäften im Tiefpreissegment einkaufen. Auf Nachfrage bei Hofer Österreich ist von der Pressestelle dazu nur zu erfahren: „Wir sind mit der Kundenfrequenz in unseren Filialen zufrieden.“ Weiters meldet die Pressestelle: Bevor Preise der Artikel erhöht würden, würden alle Möglichkeiten geprüft, Mehrkosten anderweitig – auch durch Reduktion der Marge – aufzufangen. Außerdem arbeite die Lebensmittelkette zurzeit mit einer deutlich niedrigeren Gewinnspanne. Dennoch müsse auch Hofer die höheren Preise teilweise an die Kunden weitergeben.

Lebensmittelpreise sind in die Höhe geschossen.<span class="copyright">ap/zak</span>
Lebensmittelpreise sind in die Höhe geschossen.ap/zak

Erste Umstiegswelle

Dass die Menschen wegen der Teuerung mit ihrem Geld haushalten, scheint beim Verkehrsverbund Vorarlberg (VVV) angekommen zu sein. Dort wird von einer „ersten Umstiegswelle“ gesprochen. Denn im März stiegen die Jahreskartenverkäufe im Vergleich zum Vorjahr um 19,6 Prozent, im April im Vergleich zum Vorjahr um 35,8 Prozent. „Auch bei den Bus-Fahrgastzahlen ist im März 2022 ein Wachstum bemerkbar“, teilt Astrid Felsner, Pressesprecherin des VVV, mit. Während diese Zahl im März 2021 bei 1.949.664 Fahrgästen lag, betrug sie im heurigen März 2.805.063. Seit dem 11. April bietet der VVV für Menschen, die einen Umstieg auf Bus und Bahn in Erwägung ziehen, ein Umstiegsangebot an. Mit dem Steig-um-Ticket können Fahrgäste einen Monat lang zum Preis einer Wochenkarte (40 Euro) mit allen Öffis im gesamten Verkehrsverbund Vorarlberg fahren.

Im heurigen April wurden im Vergleich zum Vorjahr um 35,8 Prozent mehr Jahreskarten verkauft. <span class="copyright">Hartinger</span>
Im heurigen April wurden im Vergleich zum Vorjahr um 35,8 Prozent mehr Jahreskarten verkauft. Hartinger

Zwickmühle Fixpreise

Was die Baubranche aufgrund der Pandemie und der damit verbundenen Maßnahmen durchstehen musste, ist mit der derzeitigen Situation – speziell seit Beginn der Kriegshandlungen in der Ukraine – nicht zu vergleichen“ sagt Hilmar Müller, Fachgruppengeschäftsführer der Bauinnung. „Die Auftragsbücher sind derzeit noch gefüllt, aber es fehlt an Material – teilweise werden Waren bereits kontingentiert. Die früher in der Branche üblichen Fixpreisangebote werden aufgrund der instabilen Preissituation gar nicht mehr angeboten.“
Erst wenn das Bauvorhaben fertig gestellt sei, könne man real sagen, was es gekostet hat. Die damit verbundene Unkalkulierbarkeit mache es gerade für Bauträger schwer, da teilweise mit der Liquidität der Käufer gearbeitet werde. „Die Baubranche arbeitet nicht von heute auf morgen. Beginnend mit der Entwicklung über die Planung, die Bewilligung bis hin zur Fertigstellung vergeht einiges an Zeit. Vom Abschluss des Bauvertrages bis zur Fertigstellung des Gebäudes, dauert es ein- bis eineinhalb Jahre“, erklärt Müller. „Befindet sich ein Bauvorhaben im Bau und es entstehen derartige Irritationen wie jetzt, befindet sich der Bauträger in der Zwickmühle. Einerseits sollten dem Kunden/Käufer Fixpreise angeboten werden, andererseits sind das Material und der Energiebezug wesentlich teurer geworden als ursprünglich kalkuliert.“
Es werde nach wie vor gebaut, sagt Müller. „Wie sich die Situation weiter entwickelt hängt maßgeblich von den globalen Rahmenbedingungen ab, wenn die derzeitige Situation länger so bleibt, wird das Bauvolumen voraussichtlich abnehmen.“ Allerdings sei zu hoffen, dass die Kriegshandlungen zeitnah beendet würden oder über diplomatische Lösungen wieder eine gewisse Planbarkeit erreicht werden könne.

Die Auftragsbücher von Handwerkern und Baufirmen sind noch gut gefüllt, es fehlt am Material. <span class="copyright">Berchtold</span>
Die Auftragsbücher von Handwerkern und Baufirmen sind noch gut gefüllt, es fehlt am Material. Berchtold