Österreich

“Ich bin Bauernsohn, kein Bobo”

21.05.2022 • 21:22 Uhr / 8 Minuten Lesezeit
Norbert Totschnig: Man kann sich vieles wünschen, aber was ist, wenn das niemand kauft, weil es teurer ist?
Norbert Totschnig: Man kann sich vieles wünschen, aber was ist, wenn das niemand kauft, weil es teurer ist? Georg Aufreiter

Er ist Osttiroler und Wiener und wurde mit Corona-Verspätung Agrarminister. Norbert Totschnig über die Entfremdung von Stadt und Land und den Spagat zwischen Teuerung, Billigfleisch und sicherer Versorgung.

Sie sind der erste Minister, dessen Angelobung wegen einer Corona-Infektion verschoben werden musste. Schon erholt?

NORBERT TOTSCHNIG: Ja, ich hatte zum Glück einen leichten Verlauf.

Ihr Name wurde keine 24 Stunden nach dem Rücktritt Ihrer Vorgängerin publik. Wie viel Entscheidungszeit hatten Sie?

Karl Nehammer hat mich ins Kanzleramt gebeten, ich habe nicht lang überlegt. Als Bauernsohn bin ich gewohnt: Wo Arbeit anfällt, packt man an.

Wie unterscheidet sich Ihre Funktion als Bauernbund-Direktor von der neuen als Minister?

Bisher war ich in Vermittlerrolle zwischen Bauern und Institutionen. Als Minister sind Entscheidungen gefragt. Gleich bleibt: Bauern begleiten bei den großen Herausforderungen, die anstehen.

Ist das mit dem verschlankten Ministerium leichter? Früher waren ja vom Tourismus bis zum Zivildienst auch andere Interessengruppen dabei.

Russlands Krieg in der Ukraine hat das Thema Versorgungssicherheit in den Mittelpunkt gerückt. Darum ist es vernünftig, dass wir uns auf die Landwirtschaft fokussieren.

Können Sie also als Lobbyist des Bauernbundes im Ministerium auftreten und anders als Ihre Vorgängerin für die Herkunftskennzeichnung auch in der Gastro eintreten?

Ich bin nicht Lobbyist des Bauernbundes, ich bin Lobbyist der Bäuerinnen und Bauern. Aber: Nur weil der Tourismus nicht mehr im Ressort ist, heißt das nicht, dass ich mit den Leuten nicht rede. Ich will zusammenarbeiten, Bündnisse schaffen.

Ist der Lebensmittelhandel Partner oder Gegner?

Er ist ein wichtiger Partner, wiewohl wir andere Aufgaben haben. Da gibt es unterschiedliche Meinungen und die Härte des Marktes. Ich werde einen guten Kontakt pflegen. Gibt es etwas anzusprechen, werde ich das tun.

Die Teuerung trifft die Bauern voll. Wie weit ist das mehrfach angekündigte Antiteuerungspaket für Bauern gediehen?

Wir sind kurz vor der Fertigstellung. Steigende Preise für Futtermittel, Dünger und Energie bringen unsere Bauern unter Druck, genau da soll es Entlastungen geben.

Die Teuerung trifft nun auch Kunden voll. Ist die Zeit billiger Lebensmittel bald vorbei?

Das hat man auch 2008 geglaubt, dann sind die Preise bald wieder gefallen. Vorerst ist ein Anziehen zu erwarten. Die Lebensmittelversorgung ist gesichert, das ist nicht zuletzt ein Verdienst der klein strukturierten Landwirtschaft.

Bei vielen Auftritten Ihrer Vorgängerin gab es Protestgruppen, die Kritik an der Schweinehaltung übten. Hat diese in jetziger Form Zukunft?

Tierwohl ist ein gesellschaftliches Thema. Man kann sich vieles wünschen, aber was ist, wenn das niemand kauft, weil es teurer ist? Und dann erst wieder die Importe ansteigen aus Ländern, wo es den Tieren schlechter geht? Wir haben im internationalen Vergleich einen der höchsten Standards.

Ein 110-Kilo-Schwein hat hier, wie in anderen Ländern auch, 0,7 Quadratmeter Platz, künftig 0,8. Gleichzeitig wollen viele Jungbauern in Tierwohl investieren, haben aber Angst, dass das niemand zahlt. Wo ist der Ausweg?

Wir haben mit der Schweinebranche neue Verbesserungsmaßnahmen entwickelt. Aber parallel dazu müssen wir auch den Markt entwickeln. Gleichzeitig sieht man mit der Teuerung, dass die Kunden preissensibler werden, und statt zum Premiumprodukt eher zum günstigen greifen.

Werden Sie auch das Gespräch mit den Gegnern der Schweinehaltung suchen, die vor Ihrem Haus demonstrieren?

Ich bin jemand, der den Dialog sucht. Aber nur, wenn ein sachlich-konstruktiver Austausch möglich ist.

"Ich bin Bauernsohn, kein Bobo"
Kleine Zeitung

Molkereichefs warnen, dass es keine Milch gibt, wenn sie im Fall eines Gas-Stopps nicht vorgereiht werden. Werden Sie dazu ein Gespräch mit Energieministerin Gewessler suchen?

Wir haben erst am Donnerstag wichtige Beschlüsse zur Gas-Bevorratung gefasst. Ministerin Gewessler wird mir nicht nur in dieser Frage eine wichtige Gesprächspartnerin sein, sondern auch bei den erneuerbaren Energien.

Wollen Sie wie beim Gas auch Lebensmittelvorräte anlegen?

Es gibt die Diskussion und wir werden das prüfen.

Es gibt immer mehr Rufe, auch vom Bauernbund, den Green Deal zu pausieren, um die Versorgung zu sichern. Das führt zum Aufschrei der NGOs. Welchen Weg schlagen Sie ein?

Die Klimaziele sind unumstritten. Auch der Green Deal der EU an sich steht außer Frage. Es gibt aber die Forderung, der Versorgungssicherheit mehr Gewicht zu geben bei all den Maßnahmen, die geplant sind.

Drohen leere Regale?

Wie es in ein paar Monaten aussieht, hängt von der Entwicklung des Kriegs ab. Für Österreich ist die Versorgung derzeit gesichert. Wir haben hohe Eigenversorgungsquoten, meine Aufgabe ist es, dass das so bleibt. Dazu haben wir im Haus den Krisenstab.

Die EU will den Anteil erneuerbarer Energien von 20 auf 45 Prozent steigern. Wo gibt es noch Potenzial? Für mehr Biogas braucht es ja mehr Mais, der dann als Futter oder Lebensmittel fehlt?

Es muss bei Biogas klar Richtung Verwertung von Reststoffen gehen, damit wir keine Konkurrenz zwischen Tank, Trog und Teller haben. Da muss man auch die Kommunen stark ins Boot holen.

Sind Sie ein Türkiser oder ein Schwarzer?

Es geht hier nicht um Farben, sondern um die Wertebasis. Durch meine Herkunft als Bauernsohn, als Osttiroler mit christlich-sozialen Wurzeln habe ich große Affinität zu Joschi Rieglers ökosozialer Marktwirtschaft.

Wie viel Osttiroler steckt noch in Ihnen, wie viel Wahlwiener sind Sie schon?

Ich habe meine Wurzeln in Osttirol, ich fahre gerne heim zu “meine Leit”. Gleichzeitig habe ich gelernt, die Stadt zu genießen. Insofern sehe ich mich auch als Brückenbauer.

Ob Kuh-Urteil, Alm-Konflikte oder Wolf: Die Welten zwischen Stadt und Land driften auseinander. Sie kennen beide Seiten, wie führen Sie sie zusammen?

Wie man im 7. Bezirk in Wien tickt, das weiß ich. Es geht hier stark um Kommunikation. Man kann nicht mehr voraussetzen, dass die Lebenswelt der Landwirtschaft allen bekannt ist. Das muss man erklären.

Sie sind also Bobo und Bauer?

Ich bin Bauernsohn, ich bin kein Bobo. Aber ich verstehe die Welt der Stadt sehr gut.

Verstehen Sie dann auch, warum beim Wolf die Emotionen so hochgehen?

Der Wolf ist ein Großraubtier. Er wird zurückkommen, in Österreich bleiben. Die Frage ist, wie geht man damit um. Ich bin gegen die Romantisierung, sondern für Naturschutz mit Hausverstand. Wenn die Tiere durch wiederholtes Reißen von Nutztieren oder Eindringen in Siedlungsgebiete problematisch werden, muss es möglich sein, dass Problemtiere entnommen werden. Mit Herdenschutz allein wird es nicht funktionieren. Wo sollen all die Hirten herkommen, wer bezahlt sie?

Hätten Sie auch unter Kanzler Sebastian Kurz ihren Job zugesagt?

Die Frage stellt sich nicht. Aber ich kann sagen, dass wir mit Sebastian Kurz sehr viel für Bauern umgesetzt haben.

Trauern Sie ihm nach?

Ich bin seit 20 Jahren in der Politik. Es ist ein hartes, dynamisches Geschäft. Mein Blick geht nach vorne.

Wurde Kurz Unrecht getan?

Das entscheiden unabhängige Gerichte. Die mediale Vorverurteilung ist schade. Er sagt, er hat nichts Unrechtes getan. Ich glaube ihm.