Vorarlberg

Als der Bregenzerwald ans Telefonnetz kam

22.05.2022 • 10:00 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
<span class="copyright">NEUE</span>
NEUE

In den 70ern herrschte in Vorarlberg „Telefonnotstand“: Tausende warteten auf einen Anschluss.

Während sich die jüngere Generation nicht mehr an Wählscheiben- oder Vierteltelefone erinnern kann und die Jüngsten nicht einmal mehr Festnetzanschlüsse kennen, war in der Jugendzeit der NEUE noch nicht einmal ganz Vorarlberg ans Telefonnetz angeschlossen.

Vorarlberger Telefonnotstand

In einer Zeit, als Post- und Fernmeldewesen noch nicht getrennt und weder ausgegliedert noch Teilprivatisiert waren, wartete der Bregenzerwald weiter sehnsüchtig auf den Anschluss an die große weite Welt – man schrieb wohlgemerkt bereits das Jahr 1975. Zum Vergleich: In Dornbirn hatte Kaiser Franz Joseph bereits 1881 feierlich das erste Telefon in Betrieb gesetzt.

Im Wald gab es zwar Telefone, aber die Verbindungen waren oft nur zwischenörtlich. Man konnte also beispielsweise von Hittisau nach Sibratsgfäll und Krumbach telefonieren. Außerdem waren die Verbindungen nicht stark genug, um alle Haushalte ans Netz anzuschließen. Außerdem trübten „miserable Qualitätsverbindungen“ das Fernmeldevergnügen, wie 1975 im Vorarlberger Landtag bemängelt wurde. Der Abgeordnete Konrad Blank (ÖVP) beklagte im Landtag, dass es „um die Telefonversorgung in den ländlichen Gebieten sehr schlecht bestellt“ sei. Gleichzeitig betonte er die Notwendigkeit die teuren Anschlüsse besonders für Landwirte zu subventionieren. Der Abgeordnete Hermann Gohm (ÖVP), Bürgermeister von Röns, beklagte den generellen Technologierückstand im Ländle: Wenn man die Telefondichte Vorarlbergs, und zwar abgestimmt auf den Bevölkerungsanteil, mit dem Bundesdurchschnitt vergleicht, so stellt man fest, daß der Bundesdurchschnitt um etwa ein Drittel höher ist als in unserem Land.“

Tausende ohne Anschluss

Im Jahr 1974 gab es in Vorarlberg noch immer 8781 Haushalte, die nicht ans Telefonnetz angeschlossen werden konnten. Etwa je die Hälfte davon blieb ohne eigenes Telefon, weil es an freien Leitungen oder Wählern mangelte. Damals konnte nur eine begrenzte Anzahl an Gesprächen über dieselbe Leitung geführt werden, daher gab es auch Viertelanschlüsse, die sich Nachbarn teilten. Menschen, die überhaupt auf einen Anschluss warten mussten, nannte man damals „Telefonwerber“.

Neben der maroden Infrastruktur stellte der Personalmangel im Fernmeldewesen ein weiteres Problem dar: Von 500 in Vorarlberg vorgesehenen Stellen bei der Post war 1975 lediglich die Hälfte besetzt. Der Bund zahlte schon damals verhältnismäßig niedrigere Gehälter, für die sich die Vorarlberger oft nicht hergeben wollten. Viele Beamte stammten daher aus Innerösterreich. Besonders für die Verspleißung, also die physische Verbindung der Kabel fehlten die Fachkräfte. Die Unfähigkeit der Post, das notwendige Personal zu finden, stieß im Ländle auch deshalb auf wenig Verständnis, weil das Telefongeschäft als besonders ertragsreich galt. Immerhin gab es nur einen Anbieter und der war in staatlicher Hand.

Dennoch blieb der Ausbau des Leitungsnetzes lange hinter den Erwartungen zurück. Der Abgeordnete Gohm bemängelte, dass „gerade in den verschiedenen Tälern und Bergregionen unseres Landes katastrophale Verhältnisse in der Telefonversorgung“ bestünden. Vom „Telefonnotstand“ besonders betroffen war der Bregenzerwald. Der Landtagsabgeordnete Elmar Rümmele wiederum befürchtete, die Beseitigung der Mängel im Netz werde noch lange auf sich warten lassen: „Denn wenn wir die Entwicklung auf dem derzeitigen Stand verfolgen, können wir uns ausrechnen, daß wir in 20 Jahren noch genauso eine Telefonmisere haben, wie sie heute ist.“

Telefon für den Wald

Allerdings machte man sich dann doch bald daran, den Rest des Waldes an das bundesweite Telefonnetz anzuschließen. Die Postverwaltung verkündete noch 1975, dass der Ausbau innert der nächsten zwei Jahre abgeschlossen sein werde. Dafür werde man 100 Millionen Schilling aufwenden, inflationsbereinigt wären das heute knapp 26 Millionen Euro. Von Egg aus wurde ein Netzgruppenkabel über Bezau, Mellau und Au bis nach Damüls verlegt. In Egg musste zudem das „Wähl- und Verbundamt“ erweitert werden. In Hittisau, Mellau, Au, Bezau und Alberschwende wurden zudem neue Wählämter errichtet.

„Praktisch ein komplett neues Leitungsnetz erhält der Vorderwald“ berichtete die NEUE am 21. Juni 1975. Die bestehenden Strukturen sollten „durch die Verlegung von Luftkabel wesentlich verstärkt“ werden. „Eine gleichartige Verbindung wird auch zwischen Alberschwende und Buch hergestellt.“
Nicht nur die Redaktion hoffte damals auf eine rasche Besserung. Vor allem „für die weitere Entwicklung des Fremdenverkehrs“ sei „die Beendigung des derzeitigen Telefon-Notstandes in absehbarer Zeit von allergrößter Bedeutung.