International

Was Ukraine-Krieg in Schweden auslöste

28.05.2022 • 20:33 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Auf der schwedischen Insel Gotland finden seit Anfang Mai spezielle militärische Übungen statt.<span class="copyright"> apa/Nackstrand</span>
Auf der schwedischen Insel Gotland finden seit Anfang Mai spezielle militärische Übungen statt. apa/Nackstrand

Wegen Lage und Geschichte fühlt sich Schweden bedrohter als Österreich. Ein Vorarlberger in Stockholm berichtet.

Schweden hat so manche Ähnlichkeit mit Österreich: Die Einwohnerzahl ist in etwa gleich, beide Länder waren früher Großmächte und jetzt nicht mehr, beide waren – bisher – neutral. Und doch unterscheidet sich das nordische Land auch in vielem von der Alpenrepublik, sodass der Krieg in der Ukraine andere Reaktionen und Ängste als bei uns ausgelöst hat. Darüber berichtet Andreas Heim, ein gebürtiger Lauter­acher, der seit 22 Jahren in Stockholm lebt.

Andreas Heim, ein gebürtiger Lauteracher, lebt seit 22 Jahren in Stockholm. <span class="copyright">privat</span>
Andreas Heim, ein gebürtiger Lauteracher, lebt seit 22 Jahren in Stockholm. privat

Vielen Menschen sei durch den Ukraine-Krieg bewusst geworden, dass Schweden ein potenzielles Ziel Russlands sein könnte. Das manifestiert sich gerade im Beitrittsgesuch an die Nato. Dennoch beeinflusse diese Situation das Alltagsleben der Bevölkerung nicht zu sehr: „Die Menschen denken eher an das schwedische ‚Deutschland sucht den Superstar‘ oder an das nächste Fußballspiel. In alltäglichen Diskussionen ist selten davon die Rede, dass man sich in Gefahr fühlt“, erzählt Andreas Heim. Es habe von der Regierung auch keine Empfehlungen für Verhaltensweisen oder Ähnliches gegeben.
Aber: Die Zivilbevölkerung sei sich der Problemstellung für Krisen und Krieg bewusst. Nachdem 2017 ein Terroranschlag in Stockholm verübt wurde, gab es Initiativen, die die Bevölkerung für Notfälle rüsten sollten. Dabei ging es nicht vordergründig um Krieg, sondern um Internetangriffe, das Zusammenbrechen der Stromversorgung oder das Verhalten bei Naturkatastrophen. Jeder Haushalt erhielt per Post die Broschüre „Wenn Krisen oder Krieg kommen“ (siehe Bild unten).

Broschüre „Wenn Krisen oder Krieg kommen“. <span class="copyright">privat</span>
Broschüre „Wenn Krisen oder Krieg kommen“. privat

Darin enthalten ist: „Wie sollst du vorbereitet sein, was solltest du zu Hause haben, wo ist der nächste Luftschutzbunker?“, zählt Andreas Heim auf. Auf einer Seite ist zum Beispiel aufgelistet, welche Lebensmittel man haben sollte und welche Gegenstände, um Licht zu schaffen und sich vor Kälte zu schützen. Das alles ist schön übersichtlich dargestellt, und jeder Punkt kann abgehakt werden. Aktualisiert wurde diese Broschüre wegen des Ukraine-Krieges nicht. Die Bevölkerung wurde aber auf das existierende Krisenmanagement aufmerksam gemacht.

Kurse als Vorbereitung auf Krise

Zum Thema Notfallversorgung werden in Schweden von Behörden auch Kurse angeboten. Andreas Heim besuchte vor einigen Jahren einen. Dort wurden verschiedene Aspekte diskutiert und aufgezeigt, wie man sich auf eine Krise vorbereitet. In Stockholm verfügt beinahe jedes Gebäude über einen Schutzraum (siehe Bild unten). Sie sind als solche gekennzeichnet, werden jedoch oft als Fahrrad- oder sonstiger Abstellplatz verwendet. Das ist in Ordnung so, die Räume müssen aber innerhalb von 48 Stunden geräumt sein können.

Viele Häuser in Stockholm haben einen Schutzraum (Skyddsrum). <span class="copyright">privat</span>
Viele Häuser in Stockholm haben einen Schutzraum (Skyddsrum). privat

Die ängstlichere Haltung Schwedens gegenüber Russland ist einerseits durch die Nähe zu Finnland bedingt, das eine etwa 1340 Kilometer lange Grenze zum größten Land Europas hat. Andererseits sei sie historisch gewachsen, erklärt Andreas Heim: Seit mehr als 200 Jahren war Schweden zwar an keinem Krieg mehr beteiligt, doch zuvor war es auch in Kampfhandlungen mit der russischen Zarenarmee verstrickt; einmal rückte sie unweit vor die Tore Stockholms vor. Auch danach war Russland kriegerisch nahe: beim Nachbar Finnland, z.B. im Zweiten Weltkrieg. Während des Kalten Krieges baute das neutrale Schweden eine – wie Andreas Heim sagt – verhältnismäßig große Kriegsmacht auf. Man wollte gerüstet sein. „Die Sowjetunion stellte die größte Gefahr dar, auch wenn man das nicht so ausgedrückt hat. Man dachte, die Russen kommen.“ Als der Kalte Krieg beendet worden war, rüstete Schweden ab. Doch über die Sinnhaftigkeit dieser Maßnahme wurde diskutiert. „Denn im Unterbewusstsein war die Gefahr immer noch vorhanden“, sagt der gebürtige Lauteracher.

Schockiert, aber nicht überrascht

Als Russland Ende Februar in die Ukraine einmarschierte und den Krieg begann, seien viele Menschen zwar schockiert, aber nach dem „Säbelrasseln von Putin“ in den vergangenen Jahren nicht wirklich verwundert gewesen. „Jetzt weiß man: Wir müssen zurück zur Situation während des Kalten Krieges.“ Denn es sei unklar, was noch passiere. „Putin spricht von Atomwaffen. Schweden ist ein passendes Ziel für ihn, wenn er weiter in Richtung Westen will.“

Es wurde nicht darüber diskutiert, was Schweden durch einen Nato-Beitritt verliert.

Andreas Heim, Auslandsvorarlberger in Schweden

Die Politik des nordischen Landes hat darauf reagiert und Mitte Mai um Mitgliedschaft bei der Nato angesucht – und das, obwohl Schweden schon so lange neutral und bündnisfrei ist und das eigentlich auch bleiben wollte. Andreas Heim ist verwundert über die Geschwindigkeit, mit der das passiert ist. „Schweden hatte immer schon eine starke Zusammenarbeit mit der Nato, den USA und dem Westen. Deshalb stellt sich die Frage: Warum brauchen wir das?“ Es habe auch keine Diskussionen gegeben über: „Was verlieren wir durch einen Beitritt? Schweden hatte in Friedensverhandlungen immer eine neutrale, wichtige Position inne. Wird das künftig auch noch so sein? Mit einem schwedischen Pass wird man auch nie als Angreifer gesehen“, erklärt Andreas Heim.
Seine schwedische Frau Anna, die während des WhatsApp-Videogesprächs mit der NEUE am Sonntag im Hintergrund ist und die Vorarlbergerisch versteht, hakt ein: Dass es mit dem Nato-Beitritt so schnell gegangen sei, liege an Finnland, das diesen Schritt vor Schweden gemacht hat und sich wegen der langen Grenze zu Russland bedroht fühlt. „Finnlands Sache ist unsere Sache“, sagt sie.

Zur Person

Andreas Heim, Jahrgang 1973, gebürtig und aufgewachsen in Lauterach. Hat an der TU Wien studiert. War als Austauschstudent 1998 in Schweden und zog 2000 fix nach Stockholm. Andreas Heim ist mit einer Schwedin verheiratet. Er arbeitet als Disponent bei einer schwedischen Spedition. Zuvor hatte er einen Job bei der schwedischen Verkehrsbehörde.