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Steigende Zahlen: Und jetzt die Sommerwelle

24.06.2022 • 18:50 Uhr / 9 Minuten Lesezeit
Der Unterschied zum Sommer 2021? Mildere Verläufe, verfügbarer Impfstoff. <span class="copyright">Shutterstock</span>
Der Unterschied zum Sommer 2021? Mildere Verläufe, verfügbarer Impfstoff. Shutterstock

Spitäler bereiten sich auf mehr Covid-Patienten vor, Land empfiehlt Maske zu tragen.

Der Sommer ist da, endlich kein Corona mehr, keine Maßnahmen, Pandemiepause. Doch die Zahlen sagen etwas Anderes. Die Sieben-Tage-Inzidenz in Vorarlberg stieg am Donnerstag auf 546. „Ja, wir sind schon mitten drin in der Sommerwelle“, bestätigt Gesundheitslandesrätin Martina Rüscher.

Für sie heißt das: Der Virus wird nicht mehr weggehen. Alle miteinander müssten wir lernen, damit zu leben. Und das heißt auch, dass Rüscher derzeit die Rückkehr von verpflichtenden Maßnahmen ausschließt. Szenarien wie Schulschließungen oder gar einen Lockdown, das werde es nicht mehr geben. „Betrachtet man die Verläufe bei Patienten, die ins Spital aufgenommen werden, ist das nicht notwendig“, begründet sie die aktuelle Vorgehensweise der Politik..

So lange es überwiegend milde Verläufe gibt, lautet die Devise also Eigenverantwortung. „Das bedeutet nicht, dass jeder den Hausverstand ausschaltet und alles erlaubt ist“, ergänzt Rüscher. Die dringende Empfehlung lautet, sich selbst und andere zu schützen. Maske in Innenräumen oder bei Menschenansammlungen zu tragen, Händehygiene, Abstand halten. Und nicht zuletzt den Impfstatus aktiv zu halten. Denn: „Es gibt Risikopatienten, Post-Covid und schwere Verläufe. Es ist kein Virus, mit dem man spaßen sollte. Gesunde und fitte Menschen haben schwere Verläufe“, gibt Rüscher zu bedenken.

„Ja, wir sind schon mitten drin in der Sommerwelle“, bestätigt Gesundheitslandesrätin Martina Rüscher. <span class="copyright">vlk</span>
„Ja, wir sind schon mitten drin in der Sommerwelle“, bestätigt Gesundheitslandesrätin Martina Rüscher. vlk

Masken und Spitäler

Masken sind die am wenigsten einschneidende Maßnahme. Die Wissenschaft ist sich über deren Effizienz in der Pandemiebewältigung einig. Dennoch sieht Rüscher die Rückkehr der Maskenpflicht eher im Herbst. Die Trage-Empfehlung gelte dennoch gerade jetzt, weil es eben aktuell keine Pflicht gebe. Wer Maske trägt, unterstütze auch die Spitalsmitarbeitenden. Je weniger schwere Verläufe, desto weniger Belastung für die Mitarbeitenden dort. Denn steigen die Zahlen, steigen auch die Krankenhausaufnahmen.


Aktuell bereiten sich die Spitäler erneut auf den Anstieg von Coronapatienten vor. Auch die Covidfälle unter dem Krankenhaus Personal steigt langsam an. Und so steht die Rückkehr von Beschränkung der Besuchsrechte wieder im Raum, um vulnerable Gruppen zu schützen. „Wenn derzeitige Prognosen eintreten, könnte das in den nächsten Wochen wieder in Kraft treten“, meint Rüscher. Ganz ohne Maßnahmen geht es dann doch nicht.


Man sei gut auf kommende Szenarien – wie die Herbstwelle – vorbereitet. Wöchentliche Risikozahlen (Spitalsbelegungen, Tests, Positivraten, Abwasserscreening, Prognosen) geben weitere Schritte vor. Mittlerweile wisse man, welche Instrumente wie und wie schnell wirken.


Nach dem Aus der Impfpflicht, soll in Kürze eine neue Impfempfehlung kommuniziert werden, teilt die Landesrätin außerdem mit. Drei Teilimpfungen, unabhängig vom Genesenenstatus. Vor einer Welle kann sich jeder boostern, was „für circa zehn Wochen den Schutz erhöht“. Das wird vor allem vulnerablen Personen empfohlen. Impfaktionen in Pflegeheimen starten in Kürze.

Großteil macht mit

Zurück zur Eigenverantwortung. Dies setzt eine gewisse Solidarität in der Bevölkerung voraus. „Es gibt eine Personengruppe, die das anders sieht und gegen alles ist. Deren Ansicht werden wir nicht ändern können. Aber das ist nur ein ganz kleiner Teil in der Bevölkerung. Es gibt keine Spaltung in der Gesellschaft, es ist nicht fifty-fifty. Die große Mehrheit trägt das mit“, betont die Landesrätin.

Covid-Beauftragter Robert Spiegel rät zur Komplettierung der Impfung. Außerdem wünscht er sich wieder mehr Rücksichtnahme bei Risikopatienen.<br><span class="copyright">Hartinger</span>
Covid-Beauftragter Robert Spiegel rät zur Komplettierung der Impfung. Außerdem wünscht er sich wieder mehr Rücksichtnahme bei Risikopatienen.
Hartinger

Schlecht vorbereitet: Impfquote bei 60 Prozent

Die Corona-Inzidenz ist erneut gestiegen, Covid macht diesen Sommer keine Pause. Und die Impfquote stagnierte seit geraumer Zeit. „Ja ich mache mir Sorgen“, sagt Robert Spiegel, Covid-Beauftragter der Ärztekammer. Laut Hochrechnungen ist mit einer beträchtlichen Sommerwelle ab Juli zu rechnen.
Laut Spiegel legen die Impfungen derzeit leicht zu. Das mag ihm zufolge daran liegen, dass in der ersten Juliwoche vermehrt Impfungen angeboten werden – im Hinblick auf Urlaubsreisen und ablaufender Impfzertifikate.

Doch reicht das aus?
„Bei einer Impfquote von knapp 60 Prozent sind wir jedoch schlecht vorbereitet auf die nächste Welle“, betont Spiegel. Und weiter: „Die Bevölkerung ist des Themas leid, die Bereitschaft zum social distancing völlig verschwunden.“ Für den Mediziner ist der „vernünftige Weg“ eine Komplettierung der herkömmlichen Impfung – also drei Impfungen auch für Genesene noch vor den Sommerferien. Dazu eine vierte herkömmliche Impfung für Risikopatienten und über 60-Jährige schon im Sommer. Und sobald verfügbar, eine Auffrischung für alle im Herbst mit einem angepassten Impfstoff.

Dass die angekündigten neuen, an die Varianten angepassten Impfstoffe die Nachfrage generell heben, bezweifelt er jedoch. „Wichtig wäre, dass alle, genesen oder nicht, die Grundimpfung – also drei Impfungen komplettieren. Dann macht auch eine Auffrischung, also vierte Impfung, einen Sinn“, verdeutlicht der Mediziner noch einmal.
Das Impfzentrum in Dornbirn wird jedenfalls weiterhin in Betrieb bleiben und auch die mobilen Impfstraßen. Neben den beiden mRNA-Präparaten von Biontech/Pfizer und Moderna ist auch der Impfstoff von Novavax erhältlich.

Rückkehr Maskenpflicht

Neben der Aufforderung zum Impfen wünscht sich Spiegel wieder ein vorsichtigeres miteinander Umgehen bei sozialen Kontakten, besonders mit Risikopersonen und in Pflegeheimen. Auch eine rechtzeitige Rückkehr zur Maskenpflicht im Herbst hält er für wichtig.

Landessanitätsdirektor Wolfgang Grabher meint, wir müssen mit Corona leben und uns bestmöglich schützen. <span class="copyright">vlk</span>
Landessanitätsdirektor Wolfgang Grabher meint, wir müssen mit Corona leben und uns bestmöglich schützen. vlk

„Virus verabschiedet sich nicht mehr“

Sorgen Sie sich wegen des aktuellen Anstiegs der Corona-Fälle?
Wolfgang Grabher:
Es gibt einen Anstieg der Fallzahlen. Lag die Sieben-Tagesinzidenz in Vorarlberg am 30. Mai noch bei 143 pro 100.000, so liegt sie mit Stand KW 24 bei 377. Dies ist auch in anderen Bundeländern festzustellen und muss beobachtet werden.

In Portugal sind die Fälle durch die Corona-Untervariante BA.5 massiv gestiegen. Müssen wir uns um diesen Subtyp sorgen?
Grabher:
BA.4 sowie BA.5 scheinen ansteckender als BA.2. Die bisherigen Daten lassen aber nicht darauf schließen, dass diese Infektionen schwerere Krankheitsverläufe oder anteilig mehr Todesfälle verursachen als BA.1 und BA.2 Infektionen.

In Portugal gibt es jedoch wieder mehr Fälle in den Krankenhäusern und Tote.
Grabher:
Auch wenn die Krankheitsverläufe bei den Subtypen nicht schwerer sind, führen mehr Fälle zu vermehrten Krankenhausaufnahmen und zu mehr Todesfällen.

Wirken sich eine durchgemachte BA.2-Infektionen positiv auf eine Ansteckung mit BA.5 aus?
Grabher:
Die Infektion mit BA.1/2 schützt vor einer Reinfektion mit derselben Variante, aber führt zu einem geringeren Schutz vor BA.4/5, weshalb eine erneute Erkrankung mit einer anderen Variante auch schnell hintereinander möglich ist.

Wie verbreitet ist BA.5?
Grabher:
In Österreich ist BA.4/5 seit der KW 15 nachweisbar. In der ersten Juniwoche betrug der Anteil 14,68 Prozent, in der Woche davor 8,04 Prozent. In Vorarlberg ist wöchentliche Verdoppelung noch nicht feststellbar. Derzeit liegt der Anteil bei zwei bis fünf Prozent, je nach Woche.

Müssen wir mit immer wiederkehrenden Wellen rechnen?
Grabher:
Aktuelle Simulations-Szenarien weisen auf eine Sommer- und Herbstwelle hin. Der Virus verabschiedet sich nicht mehr. Wir müssen lernen, damit zu leben und uns bestmöglich zu schützen.

Für wann sind in Österreich die neuen Impfstoffe angekündigt und welche? Können diese besser gegen Infektionen helfen?
Grabher:
Zwei Varianten-Impfstoffe sind in Vorbereitung, wobei eine Firma bereits um Zulassung angesucht hat. Wann die Impfstoffe verfügbar sind, ist nicht bekannt. Da sie aber im Wirkprinzip vergleichbar mit den bisherigen Impfstoffen sind, werden sie auch vor schweren und tödlichen Verläufen, aber nicht vor Infektionen schützen.

Ist die Bevölkerung gut auf den Herbst vorbereitet?
Grabher:
Untersuchungen zum Impfstatus zeigen, dass viele Personen die Impfserie mit drei Impfungen noch nicht abgeschlossen haben. Alle diese Personen sollen sich deshalb jetzt das dritte Mal impfen lassen, unabhängig vom Genesungsstatus.