Sport

Ein Spätstarter auf Rekordjagd

25.06.2022 • 23:00 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Josef Mennel hat seine Ziele im Blick. <span class="copyright">Stiplovsek</span>
Josef Mennel hat seine Ziele im Blick. Stiplovsek

Vor einem Monat hat Josef Mennel erstes Leichtathletik-Meeting bestritten.

Als Österreichs Topsprinter Markus Fuchs vor fast genau einem Jahr in Graz seinen siebten Staatsmeistertitel über 100 Meter feierte, hatte die Leichtathletik-Karriere von Josef Mennel noch nicht einmal begonnen. Gestern standen die beiden – Mennel ist nur elf Monate jünger als Fuchs – gemeinsam im Finale der Staatsmeisterschaften 2022 in St. Pölten. Am Ende trennten den Zweiten Mennel und Seriensieger Fuchs nur 0,30 Sekunden (siehe unten).
Die Geschichte von Mennels Aufstieg vom No-Name zum schnellsten Vorarlberger ist fast zu gut, um wahr zu sein. Sie beginnt vor rund zehn Jahren in der Bregenzerwälder Gemeinde Sulzberg. Der heute 25-Jährige überlegte sich, gemeinsam mit seiner Zwillingsschwester mit der Leichtathletik zu beginnen. Denn Mennel ist „immer schon gerne gesprintet“ und habe gewusst, dass es ihm liege. Allerdings ist es mühsam, für jedes einzelne Training ins Rheintal zu pendeln. „Ab 19 Uhr fährt kein Bus mehr, und wir wären nicht mehr nach Hause gekommen“, erinnert sich Mennel. Er entscheidet, zunächst individuell Sport zu betreiben. Zuvor hatte er in der Jugend des FC Sulzberg Fußball und parallel mehrere Jahre Tennis gespielt, anschließend fand er vorübergehende eine Heimat beim Karate.

Josef Mennel im Lustenauer Parkstadion. <span class="copyright">Stiplovsek</span>
Josef Mennel im Lustenauer Parkstadion. Stiplovsek

Zweiter Versuch

Im Herbst 2019 startet er einen neuen Anlauf. Mennel beginnt sein Studium an der FH Vorarlberg und zieht deshalb nach Dornbirn. Doch wieder ist es nicht der passende Moment. „Ich war vielleicht zwei Mal beim Training, aber es ist sich neben dem Studium einfach nicht ausgegangen.“ Denn der Elektrotechnik-Student hat noch noch ein weiteres Hobby, das zu diesem Zeitpunkt Priorität genießt. „Ich habe seit 2016 Kraftsport gemacht, das war damals das Wichtigste für mich.“ Gelaufen und gesprintet ist er aber auch damals schon – zum Spaß und „ohne Technik“, wie er lachend betont.

Der Rohdiamant. Zwei Jahre später ist es dann endlich soweit. Die zeitintensive Phase des Studiums hatte Mennel erfolgreich abgeschlossen, nun will er endlich wissen, ob die Leichtathletik nicht doch der richtige Sport für ihn sein könnte. Wie schnell er die 100 Meter rennen kann, weiß der Sulzberger zu diesem Zeitpunkt nicht. Auch in den ersten Trainings wird nicht gleich mit der Stoppuhr gelaufen. „Es hat sich aber schon gut angefühlt“, erzählt Mennel.
TS-Dornbirn-Trainer Hans Frei erkennt sehr schnell, dass es sich bei seinem neuen Schützling um einen Rohdiamanten handelt, der vieles mitbringt. Mennel hat eine enorme Beschleunigung, auf den ersten 30 Metern hängt er bereits alle Mitläufer ab. Im Startblock und auf den zweiten 50 Metern merkt man dem 25-Jährigen seine fehlende Erfahrung allerdings an. Zusätzlich kommt der Körper des Neo-Leichtathleten mit der ungewohnten Belastung nicht klar. Mennel kämpft mit Entzündungen an den Schienbeinen und muss sein Training deutlich zurückfahren.

Mit langer Hose

An Christi Himmelfahrt (26. Mai) ist es endlich soweit. Rund neun Monate nach seinem ersten Training bei der TS Dornbirn soll der Sulzberger in Lauterach beim Harald-Wakolbinger-Gedächtnis-Meeting seinen ersten Wettkampf bestreiten. Spikeschuhe, die im Sprint unverzichtbar sind, hat er davor „ein oder zwei Mal“ im Training ausprobiert.
Für Mennel ist die Welt der Meetings eine völlig neue. Vor dem 60-Meter-Sprint überlegt er sich, was er anziehen soll – an den Start geht er schlussendlich im T-Shirt und mit einer langen Trainingshose. „Ich habe gedacht, ich schlüpfe in eine Hose, die nicht zu locker ist und fest anliegt. Danach hat man mir gesagt, optimal wäre schon etwas Kurzes“, sagt der 25-Jährige und lacht.
Als der Startschuss für den 60-Meter-Sprint fällt, vergeht der Konkurrenz dagegen das Lachen. Mennel läuft allen auf und davon, der Zweite David Vollmar verliert 0,33 Sekunden auf den Sulzberger. Als Siegerzeit stehen 6,82 Sekunden auf der Anzeigetafel. Noch nie ist ein Vorarlberger im Freien schneller über diese Distanz gelaufen als der völlig unbekannte 25-jährige Neuling bei seinem Debüt mit langer Hose. „Danach sind einige zu mir gekommen und haben gefragt, was ich denn zuvor gemacht habe. Und dass ich wohl nicht nur auf der Couch gesessen sei“, erzählt Mennel in seiner gewohnt trockenen Art.
Über 100 Meter knallte der FH-Student mit 10,74 Sekunden eine weitere Topzeit auf die Bahn und katapultierte sich direkt auf den dritten Rang der Vorarlberger Bes­tenliste. Rekordhalter Thomas Griesser war vor 30 Jahren in Frauenfeld (Schweiz) 0,15 Sekunden schneller gelaufen.

Mit langer Hose lief Josef Mennel zu seinem ersten Sieg. <span class="copyright">TS Lauterach</span>
Mit langer Hose lief Josef Mennel zu seinem ersten Sieg. TS Lauterach

Mehr kann man nicht erwarten

Aus dem Nichts hatte Mennel nicht nur den Sieg beim Lauteracher Sprintmeeting eingefahren und sich zum Gesprächsthema Nummer eins in der Vorarlberger Leichtathletikszene gemacht, sondern auch das Limit für die Staatsmeisterschaften erreicht.
Gut eine Woche später sollte Mennel sein Potenzial ein weiteres Mal zeigen. Beim internationalen Sprintermeeting am USI Innsbruck ist Mennel wieder der Schnellste. Die 100 Meter absolviert er in einer Fabelzeit von 10,46 Sekunden, zu starker Rückenwind (2,1 Meter pro Sekunde) verhindert jedoch einen Eintrag in die Rekordbücher. Die Konkurrenz aus Tschechien, Italien und Deutschland hatte jedoch das Nachsehen gegen den Leichtathletik-Spätstarter. „Der Lauf war viel besser als jener in Lauterach. Beim zweiten Wettkampf kann man nicht viel mehr erwarten.“

Die Zukunft

Was ist möglich für Mennel? Über 100 Meter will der Sulzberger mittelfristig eine Zeit um 10.30 Sekunden erreichen. Etwas schwieriger gestaltet es sich aufgrund des Kurvenlaufens über die 200 Meter. Auch ein Start im Weitsprung könnte zur Option werden. „Das würde mir sicher auch taugen“, glaubt Mennel.
International ist die Teilnahme am 60-Meter-Sprint bei einer Hallen-EM der erste große Traum des Sprinter, der ja eigentlich noch „Anfänger“ ist.