Österreich

„Wir sind überall sehr aktiv“

28.06.2022 • 19:11 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Martin Polaschek im Interview. <span class="copyright">Paulitsch</span>
Martin Polaschek im Interview. Paulitsch

Bildungsminis­ter Martin Polaschek (ÖVP) spricht im NEUE-Interview über die Kritik an der ­Lehrerausbildung.

In Vorarlberg gibt es seit längerem den Konsens für eine Modellregion der gemeinsamen Schule. Umgesetzt wurde bisher nichts. Wie stehen die Chancen, dass das noch kommt?

Das ist eine Diskussion, die in Vorarlberg zu führen ist. Ich denke aber, wir haben im Moment ohnehin andere Dinge im Bildungsbereich, um die wir uns kümmern müssen: Wir haben eine Pandemie und werden uns im Herbst wieder mit Corona auseinandersetzen müssen. Wir haben außerdem über 11.000 ukrainische Schülerinnen und Schüler zusätzlich im Bildungssystem.

Das sind Herausforderungen, denen wir uns stellen müssen. Wir müssen uns auch damit beschäftigen, wie Kinder ihre Lernrückstände, die sie zum Teil in der Pandemie aufgebaut haben, bewältigen können. Gerade die jüngeren konnten zuhause nicht so viel lernen, wie es oft notwendig gewesen wäre und haben Aufholbedarf. Es gibt zusätzlich psychologische und soziale Defizite, daher haben wir auch die Zahl der Schulsozialarbeiterinnen und -arbeiter weiter aufgestockt und ein Sofortmaßnahmenpaket geschnürt. Grundsatzdiskussionen über das Schulsystem haben in der jetzigen Situation keine Priorität.

<span class="copyright">Paulitsch</span>Polaschek wurde im Dezember zum Minister ernannt.
PaulitschPolaschek wurde im Dezember zum Minister ernannt.

In Vorarlberg gibt es auch den Wunsch, den verpflichtenden Master für Volksschullehrer auszusetzen.
Man wird sich die gesamte Lehrerinnen- und Lehrerausbildung noch einmal im Hinblick auf Verbesserungspotenziale ansehen müssen. Wir sind hier seit Monaten in intensiven Gesprächen mit den Pädagogischen Hochschulen und den Universitäten, an denen die Ausbildung angeboten wird. Die Meinungen zu dieser Frage gehen auseinander. Einige treten für eine Verkürzung ein. Es gibt aber auch andere, die davor warnen. Ich bin hier auch in Kontakt mit den Bildungsreferentinnen und -referenten der Länder. Wir warten zunächst aber noch die Evaluierung der Lehrerausbildung ab, die der Qualitätssicherungsrat vornimmt.

„Damit bringt man die Absolventinnen und Absolventen schneller ins Feld.“

Martin Polaschek

Diese wurde vor knapp zwei Jahren begonnen, die Ergebnisse werden im Sommer vorliegen. Wenn wir diese auf dem Tisch haben, werden wir konkrete Schlüsse daraus ziehen. An der PH Niederösterreich läuft derzeit ein Pilotprojekt, bei dem das Lehrangebot so umgestellt wird, dass die theoretischen Teile in die ersten drei Jahre verschoben werden und die Praxis dann stärker im vierten Jahr in der Schule stattfindet, wo auch die Bachelor- und Masterarbeiten gemacht werden können. Damit bringt man die Absolventinnen und Absolventen schneller ins Feld.

<span class="copyright">Paulitsch</span>Vor seiner Politikkarriere war Martin Polaschek Unirektor in Graz.
PaulitschVor seiner Politikkarriere war Martin Polaschek Unirektor in Graz.

Macht man damit nicht ein altes Fass auf? Früher wurde doch immer kritisiert, dass die angehenden Lehrer zu spät in der Klasse stehen.
Wie wir es machen, ist es falsch. Das neue System hatte eigentlich das Ziel, eine verschränkte Ausbildung anzubieten, die Praxisanteile früher einzuführen und die Fachdidaktik mit der Praxis zu verzahnen. Jetzt haben wir aber vorübergehend einen deutlich höheren Bedarf an Lehrkräften, sodass die jungen Leute schneller in die Schulen müssen. Daher müssen wir pragmatisch agieren. Sobald aber die Evaluierungsergebnisse da sind, werden wir über die Art und Dauer der Ausbildung diskutieren. Ich halte es aber für einen Fehler zu sagen: Wir verzichten ganz auf den Master. Dass die Lehrerinnen und Lehrer in den Volksschulen akademisch voll ausgebildet sind, ist ein wichtiges Qualitätskriterium. Man wird das aber besser berufsbegleitend anbieten müssen.
Schon als Rektor der Uni Graz war ich in Überlegungen eingebunden, den Sekundarstufenmaster weitgehend online anzubieten. Wir arbeiten intensiv und werden in diesem Bereich Lösungen finden.

Vorarlberg ist ein kleines Bundesland. Was sich im tertiären Bildungssektor abspielt wird hauptsächlich vom Land erhalten. Tut der Bund hier genug?

Ja, ich denke schon. Die Pädagogische Hochschule ist beispielsweise eine Bundeseinrichtung. Auch bei den Fachhochschulen gibt es Beiträge des Bundes. Wir arbeiten gerade am Fachhochschulentwicklungsplan für die nächsten Jahre und schauen uns an, wo es Bedarf gibt. Wir sind überall sehr aktiv.

<span class="copyright">Paulitsch</span>Polaschek lehrte als Rechtshistoriker an der Universität.
PaulitschPolaschek lehrte als Rechtshistoriker an der Universität.

Es gibt scharfe Kritik an den Plänen für die neue Technische Universität in Linz, etwa an der rechtlichen Konstruktion oder daran, dass da ein allgemeiner Topf für alle Universitäten geplündert wird. Müssen Sie da etwas ausbaden, das vor Ihrer Zeit als Minister entschieden wurde?

Das stimmt nicht. Im Grunde waren alle Unigründungen der letzten Jahrzehnte, wie in Klagenfurt, Linz oder Krems, zunächst über ein Sondergesetz erfolgt. Hätte man sie sofort ins Universitätsgesetz eingebettet, hätte man von einer Sekunde auf die andere alle Strukturen gebraucht. Das geht aber nicht, wenn man die Leute dafür noch nicht hat. Mittelfristig soll auch die TU Linz ins Universitätsgesetz eingegliedert werden. Was die Finanzierung betrifft war immer klar: Das ist zusätzliches Geld, das für diese neue Universität zur Verfügung gestellt wird. Da wird den bestehenden Universitäten nichts weggenommen. Das ist zusätzliches, frisches Geld.