Besser leben

Das Tinder für Rinder

02.07.2022 • 20:09 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Künstliche Besamung in der Rinderhaltung ist Standard. Beim Zuchtverband Vorarlberg Rind kann Stier-Sperma aus allerwelt geordert werden. Die Experten beraten auch, um das passende Match zu finden. <span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
Künstliche Besamung in der Rinderhaltung ist Standard. Beim Zuchtverband Vorarlberg Rind kann Stier-Sperma aus allerwelt geordert werden. Die Experten beraten auch, um das passende Match zu finden. Klaus Hartinger

Zuchtverband Vorarlberg Rind: Stier-Sperma kann geordert werden.

Nebel kriecht über die Seitenwände einer hüfthohen Tonne, die auf der Ladefläche eines blauen Lieferwagens fixiert ist. Vorsicht, Verbrennungsgefahr! Flüssiger Stickstoff gefriert die gelagerte Ware auf minus 196 Grad Celsius. Im Inneren: Gebündelte Röhrchen in Regenbogenfarben. Hunderte Stier-Sperma-Portionen sind fertig für die Übergabe. Es ist Ausgabe- beziehungsweise Auslieferungstag im Samendepot des Zuchtverbands „Vorarlberg Rind“. Verbands­obmann Gerhard Fruhauf und Auslieferer Christian Natter bestücken den Bus, auf dem großzügig Eizellen und Spermien prangen. Verortet ist das Lager in Dornbirn Schoren, gleich neben der Versteigerungshalle am Viehmarktplatz. Ansonsten ist das Depot, was es ist. Ein Lager eben – unspektakulär. Viel spannender ist das, was sich abspielt, bevor der Laster mit den Rinder-Sperma-Portionen ausrückt.

Ein Mini-Röhrchen fasst 20 Millionen Rinder-Spermien. Das Besamen: Eine Geschicklichkeitsübung.<span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
Ein Mini-Röhrchen fasst 20 Millionen Rinder-Spermien. Das Besamen: Eine Geschicklichkeitsübung.Klaus Hartinger


Ein dickes Heft, welches aufgeschlagen auf einem Tisch im Depot liegt, gibt einen Einblick in das Prozedere. Spermakatalog, aktuelle 4. Ausgabe, Herbst 2021. Sie heißen: Bonfire, Facetime, Garfield, Hotgun, William, Robin Red, Hokuspokus, IQ, Spartakus oder Bachelor. Kommen aus Vorarlberg, Österreich, Deutschland, Italien, der Schweiz, Dänemark, Kanada oder den USA. Das Profil eines jeden stattlichen Stiers zeigt sein Foto, daneben eine Liste mit Vererbungstendenzen: Milch, Fitness, Fleisch, Exterieur (Körperbau, Anm.). Die Auswahl hat der Landwirt. „Über 90 Prozent der Vorarlberger Betriebe setzten auf künstliche Besamung, das ist quasi Standard“, klärt der Verbandsobmann auf. Der Natursprung (Paarung auf natürlichem Weg, Anm.) hingegen macht nur noch einen kleinen Teil aus.

Einmal im Jahr erscheint der Spermakatalog mit den potenziellen Zucht-Stieren.<br><span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
Einmal im Jahr erscheint der Spermakatalog mit den potenziellen Zucht-Stieren.
Klaus Hartinger

Besamungsvorschläge

Der Zucht­verband „Vorarlberg Rind“ ist (unter anderem) die Servicestelle für Samen-Beschaffung, aber eben auch in Sachen Beratung. Fruhauf sucht anhand des Stierangebots Besamungsvorschläge für die weiblichen Tiere im Betrieb der Landwirtinnen und Landwirte. Mitunter wird dazu auch ein digitales Anpaarungsprogramm eingesetzt, welches nach optimalen Treffern sucht. Fast erinnert das Verfahren an Dating-Plattformen, wobei Personen-Merkmale matchen oder eben nicht. Allerdings trifft man sich hier nicht mit dem oder der Auserwählten zum Date, sondern die ausgewählte Samenportion wird geordert, geliefert und mithilfe einer Pipette der Kuh zugeführt. So funktioniert Rinderzucht heute.

Veterinär Gerhard Fruhauf ist Obmann des Verbands und Experte in Sachen Anpaarung – welche Tiere ergeben ein optimales Match. <span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
Veterinär Gerhard Fruhauf ist Obmann des Verbands und Experte in Sachen Anpaarung – welche Tiere ergeben ein optimales Match. Klaus Hartinger


Die Hälfte aller Besamungen in Vorarlberg wird von Tierärzten durchgeführt, die andere Hälfte von Landwirten als Eigenbestandsbesamer erledigt. Die künstliche Besamung ist eine Geschicklichkeitsübung und wird während der Ausbildung in einem Kurs gelehrt. Auf dem Hof wartet das Stier-Sperma im Stickstoffcontainer dann, bis die Kuh stiert, also fruchtbar ist. Halten, würde es ewig, im Gegensatz zu Pferde- oder Schweine-Sperma. „Aufgetaut und einsatzfähig ist die Ware dann in 25 Sekunden. Durchschnittlich braucht es zwei Portionen für eine Trächtigkeit“, erläutert Fruhauf. Eine Portion von 0,25 Millilitern enthält 20 Millionen Spermien – alles passt in ein buntes Plastikröhrchen, so dünn wie ein Zahnstocher.

Super-Stier-Sperma-Preise

Natürlich enthält der Katalog auch Preise. Die Samen-Portion eines Super-Stiers kostet zwischen acht und 150 Euro – für die aktuell 1400 Verbandsmitglieder. Preistendenz: konstant. Gewonnen wird das Sperma übrigens in Besamungsstationen. Dort werden die angekauften und zigfach untersuchten Zuchtstiere gehalten und laut Fruhauf regelrecht verhätschelt. Das gewonnene Sperma wird untersucht, verdünnt, portioniert und anschließend tiefgefroren, ohne dass die Befruchtungsfähigkeit dadurch verloren geht. Mit einer Absamung bekommt man ein paar Hundert Portionen.

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Klaus Hartinger

Besamung vs. Natursprung

Fruhauf hat selbst zwei Jahre in einer Besamungsstation in seiner Heimat Niederösterreich gearbeitet und betreibt heute nebenerwerblich einen kleinen Aufzuchtbetrieb mit Fleckviehrindern in Dünserberg. Der 43-Jährige ist Veterinär, Hausmann und Vater und arbeitete für ein paar Jahre in einer Gemeinschaftspraxis in Schlins. Tierärztlich betreut er heute noch fünf Gemeinden im Klos­tertal.


Er erzählt, dass sich die künstliche Besamung beim Rind in den 1970er-Jahren etabliert hat. Fruhauf zufolge bringt das einige Vorteile mit sich. Erkrankungen durch sogenannte Deckseuchen können verhindert werden. Auch Verletzungen, die beim Natursprung auftreten können, lassen sich eindämmen. Der Umgang mit Bullen ist für Mensch und Tier nicht immer ungefährlich. Und schließlich trägt die künstliche Besamung zum Zuchterfolg bei. So lässt sich der Samen eines Stieres, der gute Töchter zeugt, gezielt und in größeren Mengen verbreiten. „Das ist die Erfolgsgeschichte dahinter“, sagt er.
Ein weiterer Vorteil laut Veterinär: Mittlerweile analysiert man bereits das Erbgut von Kälbern über Blut- und Gewebeproben. So kann das Generationsintervall massiv verkürzt werden.


Und doch bleibt es am Ende ein Stück weit Zufall. Die Sicherheit der Vererbungstendenz liegt zwischen 60 (beim Jungstier) und 96 oder 100 Prozent bei älteren Tieren. Und alles ist nicht möglich, wie etwa eine TBC-Resistenz heranzuzüchten. Es heißt zwar genomische Untersuchung, hat aber nichts mit Gentechnik zu tun.

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Hornlos & Co2-Bilanz

Doch wie sieht denn nun das ideale Rind aus? Das lässt sich nicht pauschal beantworten. Jeder hat eigene Ansprüche an sein Vieh. „In jedem Fall ist es nicht ausschließlich die viel verschriene Milchleistung. Aktuell sind die Zuchtwerte sehr fitnesslastig: „Langlebigkeit, Melkbarkeit, Gesundheit, Fruchtbarkeit, Kalbeverlauf und Vitalität spielen eine Rolle, genauso wie Unterschiede in der Käse-Ausbeute oder Verträglichkeit für die menschliche Verdauung“, erklärt der Experte. Auch die natürliche Hornlosigkeit ist ein Thema, wirkt übrigens dominant und erspart dem Tier den Enthornungs-Eingriff.

In Zukunft wird der Fokus auf einer Grünlandverwertung liegen, ist sich Fruhauf sicher. „Das werden wir mit den Wiederkäuern bewerkstelligen müssen, ohne Rinder kommen wir nicht aus“, ist er sich sicher. „Bei der Herstellung veganer Lebensmittel wird ‚Grünabfall‘ produziert, der für den Menschen nicht verwertbar ist. Der muss über Tiere veredelt werden. Bei steigender Bevölkerung und immer weniger produktiven Flächen ist es unmöglich, auf den tierischen Sektor zu verzichten“, so Fruhauf weiter.

s gibt also viel zu tun. Der neuen Sperma-Katalog erscheint dann im kommenden Herbst. Denn im Winter ist Hochsaison im Besamungsbusiness.