Vorarlberg

Wirtschaft Größtenteils auf Vorkrisenniveau

05.07.2022 • 19:38 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Die Baubranche konnte nach einem Einbruch im Vorjahr wieder ein Plus verzeichnen <span class="copyright">Harald Schneider</span>
Die Baubranche konnte nach einem Einbruch im Vorjahr wieder ein Plus verzeichnen Harald Schneider

Baugewerbe konnte nach Einbruch im Vorjahr wieder starkes Wachstum verzeichnen.

Die politischen Verantwortlichen blickten gestern bei der Präsentation des Vorarlberger Wirtschaftsberichts 2021/2022 nur vorsichtig optimistisch in die Zukunft. So konnte zwar in fast allen Bereichen 2021 wieder das Vorkrisenniveau erreicht werden, trotzdem betont Wirtschaftslandesrat Marco Tittler: „Die positiven Tendenzen für das Jahr 2021 mit einem doch optimistischen Wachstumskurs werden jetzt 2022 erneut auf einen Prüfstand gestellt.“ Das aufgenommene Wachstumstempo wurde 2022 sogleich durch den Ukraine-Krieg, die anhaltenden Lieferengpässe, die Teuerung und Inflation stark eingebremst. Auch was die Pandemie-Lage im Herbst mit sich bringe, sei noch ungewiss. Für Landesstatthalterin Barbara Schöbi-Fink ist jedoch klar: „Die Vorarlberger Wirtschaft ist ‚äußerst resilient‘ und hat sich trotz schwierigen Rahmenbedingungen hervorragend entwickelt.“

Marco Tittler, Barbara Schöbi-Fink und Wilfried Hopfner. (v.l.n.r.)<span class="copyright"> Land Vorarlberg</span>
Marco Tittler, Barbara Schöbi-Fink und Wilfried Hopfner. (v.l.n.r.) Land Vorarlberg

Vorkrisenniveau übertroffen

Das Wirtschaftswachstum in Vorarl­berg lag 2021 bei 4,5 Prozent und somit hinter dem Österreich­durchschnitt von 4,8 Prozent. Sowohl die Industrie- als auch die Baubranche (+16,2 Prozent) konnten die günstigeren Rahmenbedingungen nutzen und sich spürbar besser erholen als manch andere Branche. Auch Gewerbe und Handwerk zeigten nach dem negativen Trend 2020 wieder eine Aufwärtsdynamik. Die Sachgüterproduktion konnte im Vergleich zum Vorjahr um 13,1 Prozent gesteigert werden und die Industrieproduktion um 17,3 Prozent. Im Einzelhandel wurde das Vorkrisenniveau sogar um 5,4 Prozent übertroffen. Hierbei müsse man aber anmerken, dass der Lebensmittelhandel beispielsweise stärker davon profitiert habe, als etwa der Modehandel, gibt Marco Tittler zu bedenken.

Weniger Gäste als 2019

Dem Dienstleistungssektor und Tourismus hingegen war es nicht möglich, sich dieser Dynamik anzuschließen und das Niveau vor der Coronakrise zu erreichen. Die Sommersaison 2021 übertraf die des Vorjahres zwar deutlich um 23,3 Prozent bei den Ankünften und 22,7 Prozent bei den Nächtigungen, gegenüber 2019 waren es jedoch 16,1 Prozent weniger Gäste und 7,3 Prozent weniger Übernachtungen. Auch im Winter konnten die Vorarlberger Tourismusbetriebe die Nächtigungen und Ankünfte steigern, aber nicht an das Vorkrisenniveau anknüpfen.

Erfreut zeigt sich Tittler hingegen, was die Arbeitslosenquote angeht. Diese liege seit langen unter fünf Prozent. In manchen Bereichen führe dies sogar schon dazu, dass händeringend Mitarbeiter gesucht werden würden. Ebenso erfreulich habe sich hingegen der Außenhandel entwickelt. Trotz Pandemie habe dieser im ersten Halbjahr 2021 stark zugenommen.

“Die positiven Tendenzen für das Jahr 2021, mit optimistischem Wachstumskurs werden erneut auf den Prüfstand gestellt.”

Marco Tittler, Wirtschaftslandesrat

Die Exporte seien um 25,9 Prozent auf eine Summe von über 6,1 Milliarden Euro gestiegen, die Importe um 19,9 Prozent auf 4,4 Milliarden Euro. Damit hätten sowohl Aus- als auch Einfuhren ein Allzeit-Hoch erreicht, heißt es. Zwei Drittel der Exporte und der Importe werden mit den Mitgliedsstaaten der EU abgewickelt. Deutschland ist dabei der wichtigste Wirtschaftspartner Vorarlberg. Die EFTA mit den Nachbarländern Schweiz und Lichtenstein der Zweitwichtigste.

Auch WK-Präsident Wilfried Hopfner lobt wie Schöbi-Fink die Anpassungsfähigkeit der Vorarlberger Wirtschaft. Gerade in den letzten Jahren der Pandemie habe sich diese gezeigt. Dies sei eine Stärke, die man jetzt wieder brauchen werden. Eine aktuelle Umfrage zeige nämlich, das 68 Prozent der Befragten Unternehmen in Vorarlberg für 2020 mit schlechterem Wirtschaftsklima rechnen.
Für Hopfner liegt die größte Unsicherheit hier bei Energie und Gasversorgung. Seitens der Bundesregierung sei eine klarere Kommunikation zu möglichen Szenarien und den entsprechenden Planungen gefragt.

Blick in die Zukunft

Trotz angespannter Situation wird fürs Jahr 2022 erneut ein Wirtschaftswachstum im Bereich von 4,6 Prozent erwartet. Der Großteeil des Wachstums dürfte aus den Bereichen Tourismus und Freizeit zu erwarten sein. Die Industrie bleibt ein wichtiger Wachstumsfaktor, während man für die Bauwirtschaft kein bis nur kaum ein Anstieg der realen Wertschöpfung erwartet. Dies geht aus dem Wirtschaftsbericht 2021/2022 hervor.
„Die aktuelle Situation ist geprägt von großen Unsicherheiten. Ich glaube, die Wirtschaft sieht sich derzeit mit so vielen Herausforderungen konfrontiert, wie das in der Vergangenheit selten der Fall war. Vorarlberg begegnet diesen aus einer Position der Stärke, wir müssen agieren, denn der Wettbewerb wird härter,“ betont der Wirtschaftslandesrat.

Man müsse den aktuellen Themen wie Energie und Teuerung entgegentreten. Gerade in den ersten Monaten 2022 kam es zu erheblichen Preissteigerungen für Treibstoff, Strom und Gas sowie für Lebensmittel. Rohstoffverknappung und Lieferengpässe sind spürbar und die Inflation stieg auf über acht Prozent. Das Leben in Österreich habe sich seit Ausbruch der Krise so stark verteuert wie seit 40 Jahren nicht mehr, heißt es im aktuellen Wirtschaftsbericht. Für Leistungen im Wert von 100 Euro, die man 1990 in eine Wohnung investiert hat, müsste man im Mai 2022 beispielsweise 280 Euro ausgeben. Der Baukostenindex stieg zwischen April und Mai dieses Jahres so stark an wie zwischen den Jahren 2018 und 2020.