Kultur

Freiheit, Demokratie und Humanität

20.07.2022 • 19:48 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Die Eröffnung im Festspielhaus mit den Wiener Symphonikern.<span class="copyright">Rhomberg</span>
Die Eröffnung im Festspielhaus mit den Wiener Symphonikern.Rhomberg

Bei der Eröffnung der Bregenzer Festspiele standen Freiheit und Demokratie im Fokus der Reden. Bundespräsident Van der Bellen kritisierte den Krieg aufs Schärfste.

Die Eröffnung der 76-jährigen Festspiele erlaubte ein kurzes Eintauchen in die vielfältigen und auch tiefgründigen Welten der Festspielproduktionen, in welchen Freiheit und Liebe gelebt werden und die Hoffnung unendlich scheint. Aber auch starke Emotionen wie Hass, Bosheit und Schmerz mischen sich in die Stücke.
Die zirka 1800 Gäste zeigten sich begeistert von den musikalischen Eindrücken aus dem Programm, aber schon bald war die Eröffnung spürbar überschattet von der politischen und wirtschaftlichen Unsicherheit in Europa, die der Krieg in der Ukraine und all seine Folgen mit sich bringt.

Moderator und Puppenspieler Nikolaus Habjan.<span class="copyright">Stiplovsek </span>
Moderator und Puppenspieler Nikolaus Habjan.Stiplovsek

Gefährdete Versorgung

Bevor Bundespräsident Alexander van der Bellen die Festspiele für „eröffnet“ erklärte, nutzte er die Eröffnungsrede für eine dem Anlass etwas ungewohnte, aber umso eindringlichere Ansprache. Die Zeit der „Entbehrungen“ sei für ihn noch nicht vorbei. Er warnte, vor dem „massiven Energieproblem“, das uns spätestens im Winter, wenn die Festspiele längst vorbei sein werden, bevorstehe, „wenn wir jetzt nicht handeln.“

Nicht nur „unsere Freiheit, unsere Demokratie“, sondern auch die „Versorgungssicherheit und die Sicherheit insgesamt“ seien gefährdet, sagt Van der Bellen und nennt auch den Grund: „Weil ein Diktator von der Widergeburt eines russischen Imperiums träumt“ und es „nicht ertragen kann, dass „Menschen in Europa in individueller Freiheit und Unabhängigkeit leben“.
Er kritisiert Putins Angriffskrieg aufs Schärfste und erinnert an die Familien in der Ukraine, welche in katastrophalen Verhältnissen leben, er erinnert auch an die Millionen geflüchteten Menschen und an die Zehntausenden an Toten.

Alexander Van der Bellen spricht in seiner Rede über den Krieg im Osten. <span class="copyright">Stiplovsek </span>
Alexander Van der Bellen spricht in seiner Rede über den Krieg im Osten. Stiplovsek 

“Weil einige 100 Kilometer östlich von hier ein Diktator sitzt, der es nicht ertragen kann, dass Menschen in Europa in individueller Freiheit und Unabhängigkeit leben.”

Alexander Van der Bellen, Bundespräsident

Die derzeitige Abhängigkeit von russischem Gas bezeichnete er als „unerträglich“, „aber es ist auch unerträglich, auch nur mit dem Gedanken zu spielen, sich zum unterwürfigen Verbündeten eines Diktators zu machen. Zu all dem Unrecht zu schweigen. Wir sind nicht Putins Vasallen.“, sagte der Bundespräsident und räumt im Hinblick auf diese Abhängigkeit auch Fehler der Politik ein.
Die Energiekrise und die daraus entstehende Inflation und Armutsgefahr bezeichnet Van der Bellen als „bewusst herbeigeführter, kriegerischer Akt“ und blickt den Tatsachen ins Auge: „Nichts wird mehr so wie früher“. Während er zu gegenseitigen Unterstützung und zur Solidarität auffordert, spricht er sich gegen Neuwahlen aus, da er seine Verantwortung darin sieht, „die größtmögliche Stabilität zu garantieren“.

Freiheit

Der Festspielpräsident Jürgen Metzler sprach in seiner Rede von dem Freiheitsverständnis der Oper Sibirien und davon wie „Freiheit, Demokratie und Humanität“ als „Ziel und Zweck“ der Kunst fungieren. Besonders in einer Zeit in der „auch unsere Leben aus dem gewohnten bequemen Zusammenhang gerissen“ wurde und Menschen im „grausamen Vernichtungskrieg“ ihre Freiheit und Existenz verlieren.

In Bezug auf die Forderungen nach einer vermehrt privaten Finanzierung Kunst- und Kulturschaffender, verwies er auf das „gut funktionierende, verantwortungsvoll umgesetzte Fördersystem“. Es sei „zentrale Aufgabe des demokratischen Staates, Kunst und Kultur in ihrer Freiheit nicht nur zu schützen und zu sichern, sondern ebenso wie die Bildung grundsätzlich und bewusst zu fördern.“

Ambur Braid und Alexander Mikhailov. <span class="copyright">Rhomberg</span>
Ambur Braid und Alexander Mikhailov. Rhomberg

Drei Jahre Ungewissheit

Inspiriert von den facettenreichen Figuren von „Armida“, „Sibirien“ und „Madame Butterfly“ sieht Staatssekretärin Andrea Mayer in ihnen eine Forderung zur Selbstreflexion. Sie stellt die Geschichte von Madame Butterfly, in der Cio-Cio San von Einsamkeit und nicht erwiderter Liebe drei Jahre lang voller Hoffnung wartet, unserer aktuellen ungewissen Lebenswelt gegenüber. „Jeder von uns“ habe in den drei Jahren, die von Alarmmeldungen über Pandemie, Klimakrise und Krieg geprägt waren, eine „Höllenfahrt der Gefühle“ erlebt.

Mayer beschreibt die derzeitigen Umbrüche als „Zeitenwende“ und prognostiziert düstere Aussichten im Blick auf die Zukunft: „Die Welt wird nie wieder so sein, wie sie war.“ Und doch schöpft sie Hoffnung aus dem Zusammenhalt eines „vereinten Kontinents“, wie sie sagt und gibt sich überzeugt, dass „die Kunst uns dabei helfen kann“, „scheinbare Unausweichlichkeit zu überwinden“.
Nach der feierlichen Eröffnung mit der Bundeshymne gaben die Wiener Symphoniker Auszüge aus Peter Tschaikowski’s „Der Sturm“ zum Besten. Die Darbietung der Solistin Elena Guseva bot mit der Arie „Un bel di vedremo) einen Vorgeschmack auf Madame Butterfly und Ambur Braid und Alexander Mikhailov gaben gesangliche Eindrücke von der Kraft der Oper Sibirien.

Mitreißend und humorvoll moderierte auch dieses Jahr wieder Nikolaus Habjan, der mit seiner Puppe Jonathan, das Publikum zum Lachen brachte. Videoeinblendungen zeigten Hintergründe zu den Produktionen „Der Sturm“ und „Kapitän Nemos Bibliothek“. Zudem gaben die Wiener Symphoniker unter anderem musikalische Kostprobe von „Armida“ und „Melencolia“ und spielten zum Abschluss die Europahymne.


www. bregenzerfestspiele.com