Kultur

Leuchtendes Papier in bleigrauem See

21.07.2022 • 18:35 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Puccinis Oper „Madame Butterfly“ auf der Seebühne. <span class="copyright">Rhomberg</span>
Puccinis Oper „Madame Butterfly“ auf der Seebühne. Rhomberg

56 Minuten lang konnte die gestrige Premiere von Giacomo Puccinis Butterfly auf der neuen Seebühne gefeiert werden. Danach folgte der Umzug ins trockene Festspielhaus.

Was für ein Pech: Der erste Gewitterabend seit Langem in diesem heißen Sommer fiel auf den Premierenabend der Bregenzer Festspiele. Nachdem sich vorher schon manches entladen und ergossen hatte, begann der Festspielabend vor dramatischen Wolken, bleigrauem See und blinkender Hafenleuchte, und der Himmel führte eine gewisse Eigenregie – was durchaus packend sein kann! Nach 56 Minuten Spielzeit der Abbruch, denn die Bregenzer Bucht war „umzingelt“ von Gewitterzellen, die Besitzer von Hauskarten konnten noch trocken und stressfrei ihre Plätze einnehmen …

Draußen erlebte man Spannung und Atmosphäre durch das Wetter und den Einsatz von Licht und Video, die das Bühnenbild lebendig machen, drinnen kamen dagegen die musikalische Feinzeichnung durch die Wiener Symphoniker und Dirigent Enrique Mazzola und natürlich die Stimmen des Ensembles zum Tragen.

Tragische Klänge

Nach (coronabedingt) drei Jahren mit dem großen Clownskopf zu Philipp Stölzls „Rigoletto“-Inszenierung und viel Bewegung auf der Bühne schwebt nun also eine federleicht anmutende japanische Tuschezeichnung über dem See: Auf Verdis pulsierende Rhythmen folgen die süffigen, manchmal tragisch schicksalhaften, manchmal emotional aufwallenden Klänge von Puccinis „Madame Butterfly“ – ein Kammerspiel um den Zusammenprall der Kulturen.

Kein japanisches Häuschen mit verschiebbaren Wänden hat der Bühnenbildner Michael Levine da in den See gebaut, sondern ein zerknülltes Papier, so achtlos weggeworfen, wie auch B.F. Pinkerton, der amerikanische Marineleutnant, achtlos mit den Gefühlen der japanischen Geisha Cio-Cio-San spielt. In die japanische Welt bricht Pinkerton ein, reißt Löcher in das Papier, will seine 15-jährige Braut wie ein Spielzeug missbrauchen, bevor er eine „richtige“ amerikanische Frau heiratet.

Ein hoher Fahnenmast mit amerikanischer Flagge schiebt sich phallisch in den Himmel. Cio-Cio-San dagegen will zwar unbedingt alles Japanische aufgeben, entkommt aber doch nicht ihren Traditionen, Ahnengeistern und Verwandten, mag sie auch noch so sehr die Flagge wie einen Schutzmantel umlegen.

Dämonen und Geishas

Schon vor den ersten Takten scheinen sich weiß gekleidete Menschen aus dem Papier heraus zu materialisieren, bewegen sich in Zeitlupe, verwandeln sich zum Vorspiel in ein Tanzensemble von Dämonen. Tänzer und Statisterie sind reichlich eingesetzt, denn die große Bühne mit ihrem gewellten Vordergrund und der steil aufragenden Rückwand will gefüllt werden. Zum Auftritt von Cio-Cio-San schreiten sie als Geishas in rot-orange Gewänder gehüllt mit roten Papierschirmen an der oberen Kante entlang – ein wunderbares Bild, weil das „Papier“ durch die Lichtkunst von Franck Evin rot leuchtet.

Auf dem Blatt Papier wird mit Lichteffekten ein Gesicht gezaubert. <span class="copyright">RHomberg</span>
Auf dem Blatt Papier wird mit Lichteffekten ein Gesicht gezaubert. RHomberg

Aus einer „Mauer“ von roten Schirmen entsteigt Cio-Cio-San im Brautgewand. Die große Verwandtschaft der Braut wuselt in olivgrünen Gewändern über die Bühne, wenn der zornige Onkel Bonzo seine Stimme erhebt, verwandelt sich die Wand per Video (Luke Halls) in ein drohendes Gesicht (passend zum auffrischenden Wind und Regen!).

Regisseur Andreas Homoki gelingt es, auch über die großen Entfernungen Nähe zu erzeugen, sei es im eher sachlichen Gespräch zwischen Pinkerton und dem in senfgelb gekleideten Konsul Sharpless, sei es in der Annäherung zwischen Pinkerton und Cio-Cio-San zum großen Liebesduett unterm „Sternenzelt“. Ganz reizend ist das Spiel der Dienerin Suzuki, die die Trippelschritte und Verbeugungen wunderbar verinnerlicht hat, und des Kindes (Riku Seewald).

Sinnlicher Klang im Haus

Wie Homoki und sein Team die große Bühne im zweiten und dritten Akt noch bespielen und zum Leben erwecken, war nach dem Umzug ins Haus natürlich nur zu erahnen. Ein Modell des Tuschebilds wurde stimmungsvoll ausgeleuchtet und ging zuletzt in Flammen auf, die Sängerinnen und Sänger aber agierten halbszenisch vor dem Orchester. Auch wenn die Tontechnik den Orchesterklang mittlerweile perfekt nach draußen trägt, ist der von Mazzola angestrebte Klang im Haus um Vieles sinnlicher, zarter, modellierter. Man taucht ein in die großen Emotionen oder die filigranen Klänge des Summchors (die Choreinstudierung der Chöre aus Prag und Bregenz lag in den bewährten Händen von Lukas Vasilek und Benjamin Lack).

Die Stimmen der usbekischen Sopranistin Barno Ismatullaeva, die die Butterfly mit großer Hingabe, Präsenz, Leuchtkraft und Stimmkultur verkörpert, und des warm strahlenden litauischen Tenors Edgaras Montvidas als Pinkerton harmonieren sehr schön. Eindringlich gibt Brian Mulligan den Konsul Sharpless, der den sorglosen Pinkerton vergeblich warnt, Annalisa Stroppa ist in Ausstrahlung und Stimme eine wunderbare Partnerin als Dienerin Suzuki.
Der nächste Versuch, das Gesamtkunstwerk von See, Bühne, Licht, den farbkräftigen Kos­tümen und der prächtigen Musik zu erleben, ist heute Abend, dann wird bis 21. August bei hoffentlich mehr Wetterglück gespielt.

www.bregenzerfestspiele.com

Von Katharina von Glasenapp