International

Wie die Russen längst auch im Weltall taktieren

28.07.2022 • 12:51 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Wie die Russen längst auch im Weltall taktieren
2031 soll die ISS wieder zurück auf die Erde geholt werden. REUTERS

Es herrscht Verwirrung, ob und wie lange sich die Russen weiter am Fortbetrieb der betagten Internationalen Raumstation beteiligen. Zuerst hieß es 2024, jetzt 2028 – am Ablaufdatum der ISS ändert es wenig.

Die Ankündigung kam offenbar auch für NASA-Chef Bill Nelson aus heiterem Himmel: “Die NASA ist nicht auf Entscheidungen von irgendeinem der Partner hingewiesen worden”, kommentierte er den anvisierten Ausstieg der Russen aus dem Betrieb der Internationalen Raumstation ISS nach dem Jahr 2024. Die Tragweite wäre enorm gewesen: Die russische Weltraumbehörde führte seit 1998 mehr als 30 “Sojus”- und mehr als 50 “Progress”-Flüge zur ISS durch, trug einen beträchtlichen Teil der geschätzten ISS-Gesamtkosten von weit über 150 Milliarden Euro.

“Natürlich werden wir alle unsere Verpflichtungen gegenüber unseren Partnern erfüllen, aber die Entscheidung über den Ausstieg aus dieser Station nach 2024 ist gefallen”, hatte der neue Roskosmos-Chef Juri Borissow festgehalten. Dass es dabei Zusammenhänge mit dem Ukraine-Krieg und der beispiellosen Entfremdung Russlands von der westlichen Welt gibt, ist kaum von der Hand zu weisen. Nun gibt es neue Nachrichten aus Russland: Dort werde man sich laut NASA doch bis mindestens 2028 weiter an der ISS beteiligen. Dies habe man von den russischen Kollegen erfahren, sagte die hochrangige NASA-Managerin Kathy Lueders.

Die ISS und die Schlüsselübergabe von Kosmonaut Shkaplerov an US-Astronaut Marshburn
Die ISS und die Schlüsselübergabe von Kosmonaut Shkaplerov an US-Astronaut MarshburnImago

Die Frage ist, welchen Effekt eine Beendigung der Partnerschaft auf den Fortbetrieb der ISS hätte. Prinzipiell war geplant, den einzigen dauerhaft es besetzten menschlichen Außenposten im Weltall bis Ende 2030 in Betrieb zu halten, worauf nun auch die NASA pocht. Die Technik der ISS, seit bald 8000 Tagen bemannt und seit 8700 Tage in ihrer Umlaufbahn, kam gehörig in die Jahre. Im Jänner 2031 wollte die NASA die seit 1998 aufgebaute Raumstation – der “Grundstein” im All war übrigens einst das von Russland gebaute Fracht- und Antriebsmodul Sarja – aus dem Weltall zurück zur Erde holen (“Deorbiting”) und im Meer versenken. Könnte das Ende vorzeitig kommen?

Markus Landgraf, “Exploration System Architect” der ESA, erklärt gegenüber der Kleinen Zeitung die Bedeutung der ISS: “Grob erklärt hat die ISS zwei Segmente – ein ‘russisches’ und ein ‘amerikanisches’. Das russische Modul wird für die Lage- und Bahnkontrolle benötigt. Ohne dieses wäre die ISS nur mit Schwierigkeiten auf der Bahn und in der richtigen Orientierung zu halten, unmöglich wäre es aber nicht.”

Arnold Hanslmeier, Professor für Astrophysik an der Karl-Franzens-Universität Graz, sieht die Sache gegenüber der Kleinen Zeitung relativ: “Die ISS ist in die Jahre gekommen. Es wird ohnehin diskutiert, ob man sie die nächsten zehn Jahre noch wird betreiben können, zumal sich in den letzten Jahren immer wieder kleinere Pannen ereigneten. Das nächste Ziel ist sicher eine Wiederholung der Mondlandungen bzw. eine bemannte Mondbasis für weitere Raumflüge, die von Mond aus leichter durchführbar wären.”

Im All(tag) erfolgt die Wachablöse vorerst nach Plan: Erst im März übergab Kosmonaut Anton Shkaplerov die Schlüssel zur ISS an den NASA-Astronauten Thomas Marshburn – und kehrte mit einem Landsmann und einem NASA-Astronauten zur Erde zurück.

Du hast einen Tipp für die NEUE Redaktion? Schicke uns jetzt Hinweise und Bilder an redaktion@neue.at.