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Bei Getzner Textil sind nicht nur Stoffe bunt

30.07.2022 • 17:17 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Im täglichen Morgenkreis wird das Äußern von Bedürfnissen geübt. Jedes Kind wird mit Namen begrüßt, damit es sich gesehen fühlt. <span class="copyright">Hartinger</span>
Im täglichen Morgenkreis wird das Äußern von Bedürfnissen geübt. Jedes Kind wird mit Namen begrüßt, damit es sich gesehen fühlt. Hartinger

Für die Kinder in der Betreuung beginnt der Tag gleich wie für ihre Eltern bei Getzner Textil: mit einstempeln. Die Betreuung Buntstiftle ermög­licht Eltern, beruflich tätig zu sein und Kindern, voneinander zu lernen.

Eines hat der Tagesablauf der Ein- bis Vierjährigen in der Kinderbetreuung Buntstiftle mit dem Tageseinstieg ihrer Eltern gemeinsam. Die Kleinen stempeln morgens ein, damit die Pädagoginnen wissen, wer anwesend ist. Die Kinder hängen dabei ihr zugeteiltes Tiersymbol neben die Eingangstür. Für den dreijährigen Magnus steht das Tiersymbol Braunbär. Mit diesem ist beispielsweise auch sein Wasserbecher markiert, aus dem die Kinder schon früh trinken lernen.

Magnus kann mit seinem Bären-Anhänger "einstempeln". <span class="copyright">Hartinger</span>
Magnus kann mit seinem Bären-Anhänger "einstempeln". Hartinger

Während die Eltern bei Getzner Textil ihrem Beruf nachgehen, üben die Kinder im Sitzkreis neuen Wortschatz. Beim freien Spielen im Freien lernen sie Dreiradfahren oder wie man einen so genannten „Tee“, den man sonst fürs Golfspielen verwendet, in ein Styroporbrett hämmert. Es soll auf einem sicheren Weg den Umgang mit einem Nagel lehren.

Vereinbarkeit von Familie und Beruf wird beim Bludenzer Textilhersteller großgeschrieben. Auch Perrine Getzner stand einst vor der Entscheidung zwischen Karriere und dem Mamadasein. Aus dieser Notsituation entstand dann eine Kinderbetreuung. Dazu meint die Verantwortliche für die Kinderbetreuung: „Es sollte kein entweder oder sein.“ Sie sei nicht nur Mama, sondern auch eine Frau. Neben der Altersarmut war dies auch ein Grund, warum sie sich für einen frühen Wiedereinstieg in den Beruf entschieden hat. Die Gründerin ist auch Namensgeberin. Bunt soll für die Vielfalt der Stoffe und auch in der Kinderbetreuung stehen. Mit Stiftle lehnt sie an den früheren Begriff für Lehrlinge an. „Das sind die zukünftigen Lehrlinge von Getzner Textil“, meint sie lachend.

Der Kindergarten soll Mütter bei der Vereinbarung von Kindern und Beruf helfen. <span class="copyright">Hartinger</span>
Der Kindergarten soll Mütter bei der Vereinbarung von Kindern und Beruf helfen. Hartinger

Für ihre älteste Tochter Marie wählte sie, als diese ein Jahr alt war, den Weg der Kinderbetreuung und ließ sich auch von negativen Reaktionen von anderen nicht beeinflussen. „Ich will den Frauen Mut machen, dass es den Kindern in der Betreuung gut geht“, so die zweifache Mutter, die zu 50 Prozent arbeitet. Zusätzlich spricht sie den hohen Frauenanteil von rund 40 Prozent bei den Beschäftigten in der Textilindustrie an.

Inklusion auf mehreren Ebenen

Unter den 24 Kindern, die über mehrere Gruppen verteilt sind, sind Einjähgrige bis Vierjährige. Die Anmeldung ist auch während des Jahres möglich, da sich in diesem jungen Alter noch keine starre Gruppenbildung herauskristallisiert. Das Aufnahmeverfahren erfolgt nach einem bestimmten Punktesystem. So hat eine alleinerziehende Mutter beispielsweise bessere Chancen auf einen Platz. „Wir wollen so groß werden, damit wir dieses System nicht mehr brauchen“, dazu Leiterin Silke Wachter über die Expansionspläne. Begonnen mit sechs Kindern vor sechs Jahren, sind nun die Räumlichkeiten zu eng geworden.

Wenn der Beschäftigte bei den Caritas nicht gerade verkleidet den Nikolaus darstellt, spielt er mit ihnen Ball. <span class="copyright">Hartinger</span>
Wenn der Beschäftigte bei den Caritas nicht gerade verkleidet den Nikolaus darstellt, spielt er mit ihnen Ball. Hartinger

Den Standort teilen die Buntstiftle mit der Caritas Werkstätte. Um zur Kinderbetreuung zu gelangen, müssen Eltern mit den Kindern die Caritas-Räumlichkeiten durchqueren. Dies habe positive Auswirkungen auf Kinder und Eltern, so Getzner. Durch die tägliche Konfrontation mit Menschen mit Beeinträchtigung seien die Familien viel offener diesen gegenüber. Die Kinder dürfen auch den Garten der Caritas mitnützen. Dort spielen sie auch mal mit den Beschäftigten der Caritaseinrichtung Ball.

Nicht nur durch den Umgang mit den Menschen mit Behinderung lernen die Kinder. Auch durch den Umgang untereinander profitieren sie. Getzner Textil verzeichnet einen hohen Migrationsanteil unter den Beschäftigten – darunter sind über 20 Nationen. So prallen viele Sprachen in der Kinderbetreuung aufeinander. Dies sei im jungen Alter kein Problem, so Wachter. Die Kinder würden sich viel nonverbal durch Zeichen verständigen. Die Pädagogin integriert Kindergebärdensprache in den Alltag. Zudem wird im Morgenkreis der gesprochenen Wortschatz geübt.

Die Kästen erfüllen das Bedürfnis der Kinder nach Ordnung und Begrenzung. Alles ist mit einem Symbol beschriftet. <span class="copyright">Hartinger</span>
Die Kästen erfüllen das Bedürfnis der Kinder nach Ordnung und Begrenzung. Alles ist mit einem Symbol beschriftet. Hartinger

Das Konzept evaluiert Wachter jedes Jahr neu. Darin hat sie verschiedensten pädagogische Richtungen integriert. „Ich habe aus jedem Ansatz das gewählt, was mir gefällt“, erklärt Wachter. Die freie Spielzeit und die freie Bewegungsentwicklung stammt etwa aus der Pikler Pädagogik. Auch der Ordnungssinn der Kinder wird berücksichtigt. „Kleine Kinder sind kleine Ästheten“, meint Wachter. Deswegen sind die Spielsachen in Kästen geordnet und alles ist mit Symbolen beschriftet. Neben Klax ist die Montessori Pädagogik Teil des Konzepts. Wachter verfolgt den Grundsatz, dass Kinder selbst aus dem Bauch heraus entscheiden sollen. Sie überredet kein Kind dazu, dass sie im Winter Handschuhe tragen müssen. Diese würden es schnell selbst merken, dass sie an den Händen frieren, so Wachter.

Das Kindergarten vereint verschiedene pädagogische Ansätze. <span class="copyright">Hartinger</span>
Das Kindergarten vereint verschiedene pädagogische Ansätze. Hartinger

Vereinbarung mit der Stadt

Die Finanzierung der Kinderbetreuung liegt bei den Eltern selbst, doch Getzner Textil steuert einen Teil bei. Die Kinder müssen zumindest drei Tage in der Woche die Betreuung besuchen, jedoch kann zwischen drei unterschiedlichen zeitlichen Modulen gewählt werden. Am Morgen beginnt die Betreuung um 6.45 Uhr und das letzte Modul endet um 17.15 Uhr. Dabei kommt die Firma den Eltern von Kindern im Alter bis zu 10 Jahren bei der Gestaltung der Arbeitszeiten entgegen. Diese kann nach Absprache auf die Kinderbetreuung abgestimmt werden. Die Betreuung ist ganzjährig mit Ausnahme des Betriebsurlaubs der Firma geöffnet. Zu Randzeiten dürfen auch externe Kinder in die Kinderbetreuung, falls ein freier Platz verfügbar ist. Mit vier Jahren wechseln die Kinder dann in den Kindergarten. Diesbezüglich hat Getzner Textil eine Vereinbarung mit der Stadt Bludenz. Wenn eines der Kinder einer Familie, die nicht in Bludenz lebt, die Buntstiftle besucht, dürfen die älteren Kinder der Familie gleichzeitig einen Kindergarten oder eine Schule in Bludenz besuchen. So wird den Eltern der morgendliche Weg erleichtert. So müssen sie nicht unterschiedliche Orte anfahren.