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Pflegerin: “Angehörige sind fordender”

06.08.2022 • 22:18 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Gabriele Fellner ist Pflegedienstleiterin im Antoniushaus in Feldkirch..<span class="copyright"> Stiplovsek</span>
Gabriele Fellner ist Pflegedienstleiterin im Antoniushaus in Feldkirch.. Stiplovsek

Gabriele Fellner über Höhen und Tiefen des Pflegeberufs.


Sie sind seit vielen Jahren in der Pflege tätig. Eine psychisch und physisch sehr herausfordernde Tätigkeit. Können Sie den Beruf jungen Leuten guten Gewissens empfehlen?
Gabriele Fellner: Jemandem, der sich dafür interessiert, muss ich nichts empfehlen. Der kommt freiwillig zu uns. Klar ist: Man muss den jungen Menschen den Pflegeberuf näherbringen. Da ist sicher zu wenig passiert, vor allem in den Schulen.

Nehmen wir an, ich wäre 16 oder 17 Jahre alt und würde Sie fragen, was mich im Pflegeberuf erwartet. Was würden Sie mir sagen?
Fellner: Ich würde Ihnen erklären, dass wir es mit alten und kranken Menschen zu tun haben, Sie in Sachen Dienstzeiten flexibel sein sollten, und dass es vielleicht nicht das Richtige für Sie ist, wenn Sie Berührungsängs­te haben. Ich würde Ihnen auch sagen, dass Ihnen in der Pflege mittlerweile viele Möglichkeiten offenstehen. Als ich jung war, war das nicht so.

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Wie war ihr Weg in die Pflege?
Fellner: Ich habe schon in der Volksschule gewusst, dass ich Krankenschwester werden will. Ich habe mit 17, das war vor mehr als 40 Jahren, mit der Krankenpflegeschule angefangen. Es war teilweise sehr ernüchternd. Für mich war immer der Mensch das Wichtige und nicht die Erkrankung. Damals hat es aber geheißen: der Blinddarm in Zimmer 114. Ich kann mich erinnern, dass ich mich als Schülerin einmal mit einer älteren Patientin unterhalten habe. Daraufhin habe ich einen Riesenanschiss von der Lehrschwester bekommen. Sie machte mir klar, dass ich keine privaten Gespräche zu führen habe. Ich habe dann schnell erkannt, dass die Arbeit in einem Akutspital nichts für mich ist, und wechselte in den psychiatrischen Bereich.

Wie hat sich die Altenpflege in den letzten 30 Jahren verändert?
Fellner: Die Menschen, die wir vor 20, 30 Jahren in den Heimen hatten, waren ganz anders. Sie kamen früher und bewusster. Heute sind die Bewohner wesentlich älter und kränker. Ein 75- oder 80-Jähriger ist für mich jung. Früher konnte man mit ganz vielen Bewohnern Gespräche führen. Mittlerweile ist dazu kognitiv kaum noch jemand in der Lage.

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Der Umgang mit den Angehörigen wird wahrscheinlich auch nicht einfacher geworden sein.
Fellner: Da haben sie recht. Angehörige sind fordernder geworden. Teilweise sind sie sehr fordernd. Manche plagt das schlechte Gewissen, was wir dann wiederum zu spüren bekommen. Wir führen viele Gespräche mit Angehörigen. Aber ich nehme mir mittlerweile kein Blatt mehr vor den Mund. Wem es bei uns überhaupt nicht gefällt, der kann sich gerne ein anderes Pflegeheim suchen. Das steht jedem frei.

Es gibt aber sicherlich auch jene, die Ihre Arbeit schätzen und dankbar sind.
Fellner: Ja, natürlich. Das sind so schöne Momente, wenn man die Dankbarkeit von Angehörigen und Bewohnern spürt. Diese Wertschätzung trägt uns über schwierigere Zeiten hinweg.

Oft heißt es, Pflegekräfte müssten besser bezahlt werden. Wäre das die Lösung der Pflegekrise?
Fellner: Wir sind sicher keine Schlechtverdiener, aber ich würde mir schon wünschen, dass die Arbeit, die wir leisten, besser bezahlt wird. Ins Gewicht fallen bei uns die Zulagen für Nacht- und Wochenenddienste. Es müsste aber unbedingt der Grundlohn angehoben werden, weil sich der auf die Pension auswirkt.

ZUR PERSON

Gabriele Fellner

Pflegedienstleiterin im Alten- Wohn- und Pflegeheim Antoniushaus Feldkirch

Ausbildung: Krankenpflegeschule Feldkirch, psychiatrische Krankenpflege, diverse Fortbildungen, Master-Lehrgang Pflegemanagement, Case-Managerin

Alter: 57 Jahre

Wohnort: Mäder

Familienstand: In Partnerschaft lebend, zwei Kinder (25 und 34 Jahre)

Hobbys: Wandern, Stricken, Lesen.

Braucht es mehr Männer in der Altenpflege?
Fellner: Ja, unbedingt. Reine Frauenteams sind nicht ideal. Es braucht Männer und Frauen. Zudem gibt es Bewohner, die ein bestimmtes Geschlecht vorziehen. Im Akutspital sind mehr Männer im Pflegeberuf zu finden.

Was halten Sie denn vom Einsatz von Robotern?
Fellner: Maschinen, die einem Dinge reichen oder gewisse Arbeiten übernehmen, können in der häuslichen Pflege durchaus Sinn machen. Bei uns in der Langzeitpflege sehe ich keine Verwendung dafür. Ich sehe das kritisch. Kann ein Blechapparat denn in Beziehung mit Menschen treten? Ich zumindest möchte nicht von einem Roboter gewaschen oder bedient werden. Was ist, wenn der Roboter nicht recht funktioniert und mich verletzt?

Das Antonius der Kreuzschwestern ist das größte Pflegeheim im Bezirk Feldkirch. <span class="copyright">Stiplovsek</span>
Das Antonius der Kreuzschwestern ist das größte Pflegeheim im Bezirk Feldkirch. Stiplovsek

Wie stehen Sie zur Akademisierung in der Pflege?
Fellner: Wir brauchen Menschen, die am Bett arbeiten, nicht nur Bachelors und Masters. Wir haben zurzeit eine junge Frau in der Ausbildung, die Teilleistungsschwächen hat. Für die Mitarbeitenden ist das sicher nicht immer einfach, aber es ist unglaublich, wie liebevoll und individuell sie auf die Bewohner eingeht. Ich sage Ihnen ganz ehrlich: Ich würde lieber von ihr gepflegt werden als von einer diplomierten Pflegefachkraft, die die Weisheit mit dem Löffel gefressen hat. Das Wissen kann ich mir aneignen, eine einfühlsame Grundhaltung nicht.

Sie sind ja auch eine Verfechterin der Pflegelehre, die ab Herbst 2023 startet. Es gibt aber viele kritische Stimmen. Man befürchtet eine Überforderung der Lehrlinge.
Fellner: Ich habe fast 15 Jahre in der Schweiz gearbeitet, wo es die Pflegelehre ja schon länger gibt. In meiner Zeit als Lehrlingsausbildnerin habe ich nur gute Erfahrungen gemacht. Ich weiß, es funktioniert. Keiner meiner Lehrlinge hat die Ausbildung wegen Überforderung abgebrochen.

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Die Ausbildung von Lehrlingen bindet Personalressourcen, die in der Pflege ohnehin schon knapp sind. Beißt sich da die Katze nicht in den Schwanz?
Fellner: Praxisanleitungen brauchen Zeit, das stimmt. Aber wir können nicht darauf verzichten. Seit ich im Antoniushaus arbeite, bemühen wir uns, für alle Ausbildungswege offen zu sein, egal ob es sich um Implacement, Praktika oder die Ausbildungskombination Betriebsdienstleistungslehre und Pflegeassistenz handelt. Hätten wir das nicht so gehandhabt, müssten wir jetzt vielleicht auch Betten schließen wie andere Heime.

Warum sind Sie dem Pflegeberuf über all der Jahre treu geblieben?
Fellner: Ich habe nach wie vor Spaß an meiner Arbeit. Jeder Tag ist anders, und ich kann hier gestalten. Und ich habe ein super Team.