Lokal

Bodenseepegel so niedrig wie selten

12.08.2022 • 19:47 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Am See steht das Wasser heuer tief. <span class="copyright">Stiplovsek</span>
Am See steht das Wasser heuer tief. Stiplovsek

Dritttiefster Pegel seit 150 Jahren. Das hat nicht nur mit den vergangenen, trockenen Wochen zu tun, sondern auch mit dem Wetter im Frühling.

Am 12. August 2003 lag der Pegel des Bodensees bei 302 Zentimetern. Das ist seit 1864 der niedrigste Wasserstand an einem 12. August. Am 12. August 2022, also gestern, war der Pegel bei 314. Das ist der drittniedrigste in der Messgeschichte. Der aktuelle Pegelstand entspricht dem Niveau, das normalerweise Ende Oktober erreicht wird. Im langjährigen Durchschnitt steht der Bodensee-Pegel am 12. August bei 406 Zentimeter – also um 92 Zentimeter höher als aktuell.
Dass so wenig Wasser im Bodensee ist, hat nicht nur mit den vergangenen, trockenen Wochen zu tun. Bereits im Mai und Juni führten die Flüsse nicht viel Wasser in den See: „Es gab keine starken Wasserführungen und keine Hochwasser. Sie füllen normalerweise den See“, erklärt Wolfram Hanefeld, stellvertretender Vorstand der Abteilung Wasserwirtschaft beim Land Vorarlberg.

314 Zentimeter Wasserstand wurde gestern bei den Ständern in Bregenz angezeigt. <span class="copyright">Rhomberg</span>
314 Zentimeter Wasserstand wurde gestern bei den Ständern in Bregenz angezeigt. Rhomberg

Niederschläge verschieben sich

Im heurigen Jahr gab es bisher um 30 Prozent weniger Niederschlag als im Mittel. Jedoch: „Bei den Jahresniederschlägen gibt es keine große Änderung. Die Niederschläge verschieben sich jedoch in den Winter“, erklärt Hanefeld. Künftig müsse man mit starkem Wasser im Winter oder Frühjahr rechnen. „Es ist auch denkbar, dass wir Winterhochwasser erleben werden“, so Hanefeld.
Was für den Bodensee zutrifft, gilt auch auf für andere Seen im Land: „Die meisten Pegel liegen unter dem üblichen Mittelwert“, sagt Hanefeld. Die Wasserführungen der Flüsse seien teils „extrem niedrig“, etwa bei der Dornbirner Ache und generell bei den tiefer gelegenen Bächen. „Für Tiere und Pflanzen bedeutet das Stress.“

Wolfram Hanefeld, stellvertretender Vorstand der Abteilung Wasserwirtschaft. <span class="copyright">Privat</span>
Wolfram Hanefeld, stellvertretender Vorstand der Abteilung Wasserwirtschaft. Privat

Würde es bald stark regnen, könnte sich der Wasserstand von Seen und Flüssen rasch erhöhen. Kurze und heftige Niederschläge, wie sie dieser Sommer bereits einige Male mit sich brachte, „leisten keinen Beitrag für die Gewässer. Wir brauchen einige Tage Regen“, sagt Hanefeld. Noch ist dieser nicht in Sicht. Die Langzeitprognose zeigt bis Ende der kommenden Woche Sonne an.

Schifffahrt

Zu größeren Einschränkungen führt der aktuelle Pegelstand noch nicht. Die Bodenseeschifffahrt in Vorarlberg und in Deutschland kann ihre Linien vorerst weiterhin ohne Probleme bedienen, am Schweizer Ufer wurde die Fahrt den Alten Rhein hinauf nach Rheineck schon am 19. Juli eingestellt. Die Schweizerische Schifffahrtsgesellschaft Untersee und Rhein AG (URh) verkehrt im Niedrigwasser-Fahrplan. Auch für die allermeisten Vorarlberger Freizeitkapitäne ist das Ausüben ihres Hobbys weiterhin möglich. Am Westufer des Sees mussten allerdings schon zahlreiche Boote ausgewassert werden.

Sehr gute Versorgung

Die Menschen müssen sich auf die Folgen der Klimaveränderung einstellen und darauf reagieren, auch in Punkto Wasser. Wolfram Hanefeld, stellvertretender Vorstand der Abteilung Wasserwirtschaft beim Land Vorarlberg, sagt: „Glücklicherweise haben wir in Vorarlberg eine sehr gute Versorgungssicherheit beim Wasser.“ Das Trinkwasser kommt zu zwei Dritteln aus dem Grundwasser und zu einem Drittel aus Quellen. Die Versorgung aus dem Grundwasser ist sehr sicher, es werden nur zehn Prozent der Ressourcen genutzt. Quellen jedoch können zurückgehen. Deshalb haben sich Gemeinden, die ihr Trinkwasser nur aus Quellen bezogen haben, in Wasserverbänden vernetzt. „In diesem Bereich ist viel Positives passiert. Das ist wesentlich für die Versorgungssicherheit“, sagt Hanefeld.

Alpen werden heuer früher heimkehren

Wie ist die Situation bezüglich Wasser in den Alpen? Christof Freuis, Geschäftsführer des Vorarlberger Alpwirtschaftsvereins, sagt: „Nicht so gut.“ Doch es müsse unterschieden werden zwischen Wasserversorgung und fehlendem Regen für das Gras. „Die Wasserversorgung ist an sich recht gut, weil man in den vergangenen Jahren investiert hat.“ Es wurden beispielsweise neue Quellfassungen errichtet, Anlagen zur Wasseraufbereitung angeschafft oder Alpen an die Gemeindewasserversorgung angeschlossen. „Das kommt einigen Alpen heuer zugute“, sagt Freuis.

Kühe finden heuer nicht so gutes und nicht so viel Gras. <span class="copyright">stiplovsek</span>
Kühe finden heuer nicht so gutes und nicht so viel Gras. stiplovsek

Probleme hingegen bereitet, dass das Futter – sprich Gras – immer weniger wird. Weil in den vergangenen Wochen so wenig Regen fiel, wächst es nicht gut. Doch auch die Situation vom Frühling spielt mit: Da er sehr warm war, wuchs das Grün schnell und war, bis die Kühe auf den Alpen waren, recht alt. Solches Gras fressen die Tiere nicht gerne. „Es ist auch weniger gut verdaulich und die Kühe geben weniger Milch“, erklärt Freuis.

Alpen bräuchten, damit das Gras gut wächst, mehrere Regentage hintereinander. Heuer gab es im Sommer keine einzige Regenwoche. Sollte noch eine kommen: Jetzt im August ist es zu spät. Teilweise sei schon gewiss, dass einige Alpen früher ins Tal ziehen werden als geplant, so Freuis. Aber: Die Alpzeit sei in Summe zum Teil genau gleich lang wie im vergangenen Jahr, weil man heuer früh in die Berge gezogen ist.

Abschließend erklärt der Alpexperte: „Es wird heuer weniger Alpprodukte geben verglichen mit den vergangenen drei Sommern.“ Diese seien aber auch sehr gut gewesen.

Du hast einen Tipp für die NEUE Redaktion? Schicke uns jetzt Hinweise und Bilder an redaktion@neue.at.