Kultur

Die Macht der Zauberin Armida

12.08.2022 • 18:46 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Der Regisseur Jörg Lichtenstein beim Interview im Kornmarkttheater. <span class="copyright">Paulitsch</span>
Der Regisseur Jörg Lichtenstein beim Interview im Kornmarkttheater. Paulitsch

Am Montag kommt die Opernstudioproduktion „Armida“ im Theater am Konrmarkt zur Premiere. Regisseur Jörg Lichtenstein spricht im Interview über das „heroische Drama“ von Joseph Haydn.

Armida handelt von einem Liebesdrama in Zeiten des Krieges und bizarrer Zauberei. Wie würden Sie das Stück beschreiben?

Jörg Lichtenstein: „Das ist gar nicht so leicht. Es beginnt mit heldischen Arien der Herren, geht weiter mit einer verzweifelt verlassenen Armida und begibt sich dann in die Gefilde von durch sie verzauberten, desorientierten Armeeangehörigen beider Seiten. Zu irgendeiner Schlacht mit Siegern und Besiegten kommt es im Verlaufe der Oper aber nicht. Haydn nimmt sich stattdessen viel Zeit für das Verhältnis zwischen Armida und Rinaldo und die Kompliziertheit ihrer Liebe. Da wartet man natürlich wieder auf Zaubereien Armidas, schließlich ist sie ja die übersinnlich Begabte, was ihr in der Liebe aber nicht hilft.“

Was macht die Figur der Armida so besonders?

Lichtenstein: „Mich faszinieren die Kraft dieser Frau, ihre Hartnäckigkeit im Kampf um Rinaldo und gegen die unsensiblen, kriegerischen Seiten ihres Geliebten, sowie die Tatsache, dass uns Haydn hier eine sagenumwobene Zauberin vorstellt, deren Faszination aber aus uns vertrauten Lebenskonflikten erwächst. Sie sehnt sich nach ihrem Partner, dringt aber nicht wirklich zu ihm durch und findet in den Kontroversen oft nicht die richtigen Worte. Das ist keine abgehobene Opernfigur, sondern eine in ihrer Suche und Verzweiflung starke Frau.“

Wie kommt Rinaldo mit dem Traum vom männlichen Heldentum zurecht?

Lichtenstein: „Bei Rinaldo ist das Spannende, wie oft er sich umentscheidet. Das hatte ich zu Anfang nur grotesk und kritikwürdig gefunden, ist mir aber inzwischen verständlich geworden. Soll er kämpfen für die Seite, von der ihn Armida überzeugt hatte, oder sich klarmachen, wie sehr Krieg und Gewalt den Menschen, die er liebt, also letztlich auch Armida und ihm selbst schaden? Haydn entkleidet Rinaldos Figur Stück für Stück ihres Heldentums und macht sie damit immer reicher und nahbarer. Da gibt es einen militärischen Popstar, den alle haben wollen. Dem will sich Rinaldo entziehen, was ihm aber nicht gelingt.“

Was war Ihnen in der Inszenierung wichtig?

Lichtenstein: „Vor allem, eine Erzählweise für unser großartiges junges Sängerensemble zu finden, das den Aspekt von Haupt- und Nebenfiguren möglichst vergessen lässt. Dazu brauchte es einen Einstieg in die Oper, der es möglich macht, alle Figuren zu verstehen und mit unseren Erfahrungswelten zu verbinden. Natürlich sind das Figuren aus einer historisierenden Fantasy-World, die uns an Kreuzritterromane oder „Game of Thrones“ erinnern. Sie sind uns aber auch nah in ihren Selbstzweifeln und Schwierigkeiten zwischen Kategorien wie Nachgiebigkeit, Empathie einerseits und Dominanz und Siegeswillen andererseits. Wir würden gern das Märchenhafte, die Zauberwelt, das Fantastische und auch die absurden Sprünge innerhalb der Oper behalten und unterstreichen, aber uns trotzdem in den Figuren wiedererkennen.“

Wie aktuell ist die Haydns Oper über den ersten Kreuzzug zur Befreiung Jerusalems in unserer heutigen Zeit?

Lichtenstein: „Ich finde die Schwierigkeit, eigene Positionen klar zu definieren, so aktuell. Wir haben Krieg nicht weit von uns entfernt, und viele von uns tun sich schwer damit, eine konsistente innere Haltung dazu zu finden. Wünschen wir uns militärische Erfolge der sich offensichtlich im Recht befindenden Seite oder ist das pazifistische Gedankensystem vielleicht doch nicht so antiquiert? Je mehr ich mich in unserer Welt, nicht nur in Europa umschaue, desto besser verstehe ich Rinaldos Dilemmata.