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Heißer Einsatz im Osten Deutschlands

13.08.2022 • 19:43 Uhr / 9 Minuten Lesezeit
Teilweise mussten die Einsatzkräfte auch mit dem Hubschrauber an den Einsatzort geflogen werden. <span class="copyright">@fire</span>
Teilweise mussten die Einsatzkräfte auch mit dem Hubschrauber an den Einsatzort geflogen werden. @fire

Der Vorarlberger Markus Stengele berichtet vom Kampf gegen den Waldbrand in der Sächsischen Schweiz im deutsch-tschechischen Grenzgebiet. Er war dort jedoch nicht der einzige Vorarlberger.

Seinen bisher herausforderndsten Einsatz als Feuerwehrmann bei einem Waldbrand hat Markus Stengele hinter sich. Insgesamt neun Tage war der Vorarlberger mit der gemeinnützigen Hilfsorganisation „@fire – Internationaler Katastrophenschutz Deutschland e.V.“ bei einem Vegetationsbrand im Nationalpark Sächsische Schweiz im Osten Deutschlands an der Grenze zu Tschechien im Einsatz. Das Feuer war am 25. Juli im tschechischen Teil des Nationalparks ausgebrochen und hat sich dann nach Sachsen ausgebreitet. Eine Fläche von bis zu 500 Fußballfeldern stand in Flammen. Die Situation hat sich in den vergangenen Tagen leicht entspannt, aber die Löscharbeiten dauern weiter an und auf beiden Seiten der Grenze kämpfen noch hunderte Einsatzkräfte gegen das Feuer. Vor allem immer wieder auflodernde Glutnester sind ein Problem.

Eine Situation, welche Stengele nur allzu gut kennt. Denn er und seine Kameradinnen und Kameraden von @fire – darunter mit Jessica Bily eine weitere Vorarlbergerin – haben den Waldbrand während ihres Einsatzes gemeinsam mit lokalen Feuerwehrkräften an vorderster Front bekämpft – nicht nur mit Wasser, denn dieses ist in dem unwegsamen Gelände oftmals Mangelware, sondern vor allem mit händischer Arbeit und Spezialgerät wie etwa Feuerpatschen, dem Gorgui oder dem Pulaski. Mit Ersterer lassen sich kleinere, oberflächliche Bodenfeuer eindämmen, indem diese erstickt werden. Gorgui und Pulaski ähneln in ihrem Aussehen einem Rechen beziehungsweise einer Hacke. Sie werden dazu verwendet, um den Boden aufzureißen und auf diese Weise Schneisen in den Wald zu schlagen. Auch an Glutnester unter der Oberfläche kann auf diese Weise gelangt werden, um diese dann mit Wasser zu löschen. Und selbst mit Feuer wird das Feuer bekämpft. Wenn es die Umstände zulassen, werden auch gezielt und kontrolliert auf gewissen Flächen Feuer gelegt. So wird das vorhandene brennbare Material beseitigt, damit sich der Waldbrand an dieser Stelle nicht mehr weiter ausbreiten kann.

Vor allem in den USA und auch in südeuropäischen Ländern wie Portugal werden die speziellen Techniken zur Waldbrandbekämpfung schon seit Langem angewendet. Die Mitglieder von @fire bilden sich daher regelmäßig dort fort. Erst vor zwei Monaten haben Stengele und Bily in Portugal an einer Schulung teilgenommen. Wissen, dass ihnen nun in der Sächsischen Schweiz zugutegekommen ist. @fire ist unter anderem auf die Bekämpfung von Waldbränden spezialisiert. Darum wurde die Organisation auch am 25. Juli von den sächsischen Behörden zu Hilfe gerufen.

Markus Stengele war mit @fire in Sachsen im Waldbrandeinsatz. <span class="copyright">@fire</span>
Markus Stengele war mit @fire in Sachsen im Waldbrandeinsatz. @fire

Motivation

12 bis 14 Stunden täglich waren Stengele und seine Kolleginnen und Kollegen in den ersten Tagen im Umfeld von Bad Schandau an der Elbe im Einsatz. Der Vorarlberger leitete dabei als Gruppenkommandant gemeinsam mit einem weiteren @fire-Experten ein zehn- bis zwölfköpfiges Team. In einem Gebiet von rund 100 mal 100 Metern wurde vorgerückt und das Feuer bekämpft. Es galt, Glutnester zu beseitigen und Schneisen zu schlagen. Mehrere Stunden waren die Feuerwehrleute mit solch einem Abschnitt beschäftigt, ehe zum nächsten vorgerückt wurde. „Diese Einteilung ist auch für die Motivation wichtig. Es braucht einen Anfang und ein Ziel, auf das man hinarbeitet. Denn im Wald sieht man sonst kilometerweit nichts als Bäume“, betont Stengele.

Doch nicht nur auf die Motivation des Teams galt es zu achten, sondern auch auf die Sicherheit: „Es ist wichtig, dass jeder gesund mit der Arbeit anfängt und am Ende des Tages auch wieder gesund aufhört“, bringt es der Vorarlberger auf den Punkt. Gefahren gab es im Einsatzgebiet jedoch zuhauf. Problematisch ist in dem Nationalpark vor allem die Tatsache, dass die Natur weitgehend sich selbst überlassen wurde. Totholz wurde nicht aus dem Wald gebracht, sondern liegen gelassen. Das viele Pflanzenmaterial war für das Feuer willkommene Nahrung. Auch die Bodenbeschaffenheit war eine Herausforderung. So findet sich im Nationalpark eine dicke, torfartige Humusschicht, welche sehr gut brennt. Das Feuer konnte sich dadurch auch unterirdisch ausbreiten und teilweise immer wieder an unerwarteten Stellen aufflammen. Zudem waren die Glutnester an der Oberfläche oft nur schwer zu erkennen, erklärt der Feuerwehrmann. Ein falscher Schritt kann dazu führen, dass man einbricht und sich schwer verbrennt. Auch zahlreiche sogenannte „Witwenmacher“ erschwerten den Waldbrandbekämpfern die Arbeit. Es handelt sich dabei um Bäume, deren Wurzeln durch das Feuer verbrannt sind. Durch den fehlenden Halt im Boden können diese jederzeit ohne Vorwarnung umkippen. Nicht zuletzt ist das Gelände im Nationalpark sehr unwegsam und teilweise gibt es steil abfallende Felswände oder tiefe Spalten.

Die Löscharbeit im Wald birgt viele Gefahren. <span class="copyright">@fire</span>
Die Löscharbeit im Wald birgt viele Gefahren. @fire

Wasserrucksack

Zu den Gefahren kamen noch die körperlichen Strapazen. Denn die Einsatzkräfte leisten bei der Brandbekämpfung nicht nur schwere Arbeit, sondern tragen auch einiges an Ausrüstung mit sich. Zwar wird darauf geachtet, dass diese möglichst leicht ist, jedoch kommen schon zwischen 15 und 20 Kilogramm Gewicht zusammen. Atemschutzgeräte sind für die stundenlange schwere Arbeit im Wald ungeeignet. Daher wird darauf verzichtet. Stattdessen verwenden die Feuerwehrleute Gesichtsschutzmasken mit integrierten FFP2-Masken und Schutzbrillen. Das Wasser für die Löscharbeiten wird mittels Hubschrauber in einem großen Tank abgesetzt, der vom Heli später immer wieder aufgefüllt wird. Für Löscharbeiten an weniger gut zugänglichen Stellen verfügen die Einsatzkräfte auch über Wasserrucksäcke mit einem Fassungsvermögen von 20 Litern. Wie anstrengend es ist, die Last kilometerweit durch unwegsames Gelände zu tragen, weiß Stengele nur allzu gut. Gemeinsam mit Landsfrau Jessica Bily hat er bei einem Einsatz drei Rucksäcke – also insgesamt 60 Liter Wasser – als Nachschub geholt. An so manch steiler Stelle ging es nur mit gegenseitiger Unterstützung voran. Doch genau das macht für den Feuerwehrmann das Engagement bei @fire und den Einsatz in Katastrophengebieten aus. Alle Beteiligten ziehen an einem Strang und geben alles für die gute Sache. Das gilt selbst für Stengeles Arbeitgeber – das Liechtensteiner Unternehmen Hilti. Der Bautechnologiekonzern ermöglicht eine zeitnahe Freistellung bei Einsätzen und unterstützt @fire unter anderem mit Geräten für die Hilfseinsätze.

Wasser ist Mangelware, oft muss auf andere Techniken zurückgegriffen werden. <span class="copyright">@fire </span>
Wasser ist Mangelware, oft muss auf andere Techniken zurückgegriffen werden. @fire

Zeichnung

Großer Zusammenhalt herrschte auch im Städtchen Bad Schandau, wo nicht nur die Einsatzleitung ihren Sitz hatte, sondern wo auch die Helfer untergebracht waren. Die Bevölkerung habe alles getan, um die Einsatzkräfte zu unterstützen, berichtet Stengele. Sei es mit Essen, Trinken oder gutem Zuspruch. Selbst die Kinder aus der Stadt haben ihren Beitrag geleistet – in Form von zahlreichen Zeichnungen zur Würdigung der vielen freiwilligen Helfer, die nach Bad Schandau gekommen waren. Im Feuerwehrhaus des Städtchens wurden die Zeichnungen aufgehängt. Eine davon hat ihren Weg auch ins Ländle gefunden. Stengele durfte das Bild als Andenken mitnehmen. Denn diese Form der Würdigung des gemeinsamen Einsatzes der Mitglieder von @fire ist für ihn der größte Lohn.

über @fire

Die gemeinnützige Hilfsorganisation „@fire – Internationaler Katastrophenschutz Deutschland e.V.“ wurde vor 20 Jahren in Deutschland gegründet. Über 300 Mitglieder sind ehrenamtlich engagiert und leisten weltweit in Katastrophenfällen wie bei Waldbränden oder nach Erdbeben unentgeltlich Hilfe. Im vergangenen Jahr waren die Helfer etwa nach der Flutkatastrophe im deutschen Ahrtal im Einsatz. Auch Markus Stengele war dabei.

Weitere Infos: https://at-fire.de