Kultur

Mit heldischem Glanz in eine andere Welt

16.08.2022 • 19:36 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Das Bühnenbild von „Armida“ präsentiert sich als Dachboden.<span class="copyright">paulitsch</span>
Das Bühnenbild von „Armida“ präsentiert sich als Dachboden.paulitsch

Bei der Premiere von Armida begeistern die Sänger des Opernstudio der Bregenzer Festspiele das Publikum im Theater am Kornmarkt. Der Regisseur Jörg Lichtenstein setzt auf Collegeuniformen und „heutige“ Zauberer.

Immer diese Entscheidungen! Für oder gegen die Liebe, für oder gegen den Krieg, das Rittertum, die Pflichten, die Ehre – Ritter Rinaldo ist hin- und hergerissen und Armida, die Zauberin und Geliebte, tut alles, um ihn noch mehr zu verwirren.

Kampf der Emotionen

Joseph Haydns Oper „Armida“, 1784 im eigenen Opernhaus des musikliebenden Fürsten Nikolaus Esterházy uraufgeführt, greift wie so viele andere auf den Stoff aus Torquato Tassos „Das befreite Jerusalem“ zurück, doch um Kreuzritter und Krieg geht es nur am Rande. Es sind die wechselvollen Emotionen und Affekte, die sich so trefflich in Musik umsetzen lassen, in denen Sängerinnen und Sänger brillieren können und das Orchester charaktervoll innere und äußere Kämpfe untermalt.

Es ist großartige Musik mit hohem Anspruch für die Sängerinnen und Sänger und das Opernstudio der Bregenzer Festspiele hat einem tollen Ensemble die Möglichkeit gegeben, sich hier mit musikalischem Können und darstellerischer Phantasie einzubringen. Nach Rossinis quietschbunter „Italienerin in Algier“, die aus der vergangenen Saison wiederaufgenommen worden war, steht der italienische Dirigent Jonathan Brandani im kleinen Theater am Kornmarkt innerhalb weniger Wochen erneut am Pult des flexiblen Symphonieorchesters Vorarlberg, Regisseur Jörg Lichtenstein und sein Ausstatter Nikolaus Webern setzen ebenfalls ihre erfolgreiche Zusammenarbeit mit dem Opernstudio der Bregenzer Festspiele fort.

Einblicke in das Stück. <span class="copyright">Paulitsch</span>
Einblicke in das Stück. Paulitsch

Rasende Koloraturen

Allein zwei große und eine kürzere Tenorrollen, zwei virtuose Sopranpartien und einen Bariton galt es zu besetzen und die jungen Sängerinnen und Sänger, die an anderen Häusern kleinere Nebenrollen gestalten, sind hier mit großen Partien gefordert. Denn die erwähnten Gewissenskonflikte drückt Haydn mit rasenden Koloraturen, großen Sprüngen, auch lyrischem Zauber aus. Da wimmelt es in den Arien von expressiven Verzierungen und Kadenzen, da führt die brillante Schweizer Sopranistin Nicole Wacker, um ihre Zauberkräfte zu demonstrieren, ihre Stimme auch mal an die Grenzen der Register.

Der deutsch-britische Tenor Kieran Carrel beeindruckt als Rinaldo mit heldischem Glanz und mühelosen Koloraturen, hat aber auch Raum für zärtlich innige Töne. Auch die zweite Tenorpartie des fränkischen Ritters Ubaldo ist mit dem koreanischen Tenor Hyunduk Kim glänzend besetzt. Bariton Gabriel Rollinson als König Idreno strahlt mit warmer Stimme Autorität aus. Die Schweizerin Kathrin Hottiger und der walisische Tenor Dafydd Jones gestalten die kleineren Partien gleichfalls überzeugend.

Das schlank besetzte Symphonieorchester Vorarlberg prunkt unter der Leitung von Jonathan Brandani mit plastischer Artikulation, beweglichen Streichern und schönen Bläserstimmen – Klarinetten, Trompeten und Trommel werden auch mal zur „Militärmusik“ auf die Bühne geschickt. Brandani gelingt es, dass der Orchesterklang im akustisch schwierigen Kornmarkttheater gut abgemischt ist und nicht knallt, er führt das Orchester auch in den zahlreichen Rezitativen zu ausdrucksstarker Rhetorik. Besonders hervorgehoben sei die Gestaltung der Rezitative am Hammerklavier durch Maria Fitzgerald.

Einblicke in das Stück. <span class="copyright">Paulitsch</span>
Einblicke in das Stück. Paulitsch

Szenische Interpretation

Wie nun lassen sich Haydns Verwicklungen und Seelenqualen szenisch darstellen? Jörg Lichtenstein weckt den Spieltrieb in seinem Ensemble, indem er auf „heutige“ Zauberer der Fantasy-Welt setzt. Nikolaus Webern hat einen hohen spitzgiebeligen Speicher mit allerlei Accessoires, Kleidern, Instrumenten, Büchern, Schränken auf die Bühne gestellt. Hier vertieft sich ein kleines Mädchen – vielleicht eine junge Armida? – in ein Buch, dann feiern Studenten in Collegeuniformen eine alkoholselige Party, aus der sich die Geschichte von Armida und Rinaldo entwickelt. Immer mehr tauchen sie mit Schwertern, Hellebarden, Kostümen und Perücken in die andere Welt ein, durch Armidas Zauberkräfte entwickeln die Dinge eine spukhafte Eigendynamik.

Einblicke in das Stück. <span class="copyright">Paulitsch</span>
Einblicke in das Stück. Paulitsch

Das wirkt zunächst überdreht aktionistisch, zentriert sich jedoch immer mehr. Das enge Dach hebt sich, die Phantasie wird beflügelt. Im dritten Akt, wenn Rinaldo den magischen Myrthenbaum fällen soll, steht nur noch das Gerippe des Dachstuhls, die Natur hat sich ausgebreitet und betört, auch musikalisch glanzvoll, die Sinne des Kriegers. Wenn hier weißgekleidete Nymphen mit langen weißen Haaren auftreten und „Joints“ kreisen lassen, wirkt das, als hätten die Geister aus der „Butterfly“ mal eben die Bühne gewechselt… Schließlich kehrt die College-Welt zurück, nur Armida und Rinaldo bleiben in ihrer Bilderbuchritterwelt.
Die umjubelte Opernstudioproduktion findet noch zweimal – heute Abend und am Freitag jeweils um 19.30 Uhr – im Bregenzer Kornmarkttheater statt, Restkarten gibt es noch.


www.bregenzerfestspiele.com

Von Katharina von Glasenapp