Besser leben

Warum Waldbaden so gesund ist

16.08.2022 • 19:43 Uhr / 8 Minuten Lesezeit
Zu Beginn des Waldbadens wird eine Übung gemacht, um im Wald und der Gegenwart anzukommen. <span class="copyright">Stiplovsek</span>
Zu Beginn des Waldbadens wird eine Übung gemacht, um im Wald und der Gegenwart anzukommen. Stiplovsek

Waldbaden ist eine neue Aktivität. Langsam und mit offenen Sinnen wird dabei durch den Wald spaziert. Das soll die körperliche und seelische Gesundheit stärken. Eine Reportage vom Waldbad in Damüls.

Aus Japan kommend schwappt ein Trend nach Europa und auch nach Vorarlberg: Waldbaden. Dafür braucht es keinen Waldsee, keinen Bikini oder eine Badehose. Man badet in der Atmosphäre des Waldes, man spaziert langsam und mit geschärften Sinnen durch das Grün. Dorothea Nachbaur aus Muntlix führt seit drei Jahren Menschen in das Waldbaden ein; im Biosphärenpark im Großwalsertal etwa oder in Damüls, wo Damüls-Faschina-Tourismus die Aktivität ins Sommerprogramm aufgenommen hat.

Dorothea Nachbaur führt schon seit drei Jahren Menschen in das Waldbaden ein. <span class="copyright">Stiplovsek</span>
Dorothea Nachbaur führt schon seit drei Jahren Menschen in das Waldbaden ein. Stiplovsek

Treffpunkt für das Waldbad in Damüls ist in der Nähe des Skiliftes. Von hier gelangen die Wandernden in fünf Minuten in einen Wald und bald zu einem lauschigen Plätzchen inmitten von Bäumen. Dort stehen einige größere, mit Moos bewachsene Steine. „Wir machen die erste Übung, die sogenannte Sorgensteinübung“, sagt Dorothea Nachbaur. „Auf diesen Steinen lassen wir unseren Ballast zurück, denn wir möchten nicht mit einem Sorgenrucksack in den Wald gehen.“ Alle Teilnehmer suchen sich einen Stein, setzen sich dort bequem hin – und machen nichts. „Denkt nicht nach, sondern konzentriert euch darauf, was ihr spürt, hört und riecht“, erklärt Dorothea Nachbaur. Es ist ruhig im Wald, der Wind streichelt die Wangen, Vögel zwitschern und der Bach rauscht. Kontinuierlich plätschert das Wasser, mal lauter, mal leiser. Allein dieses Geräusch ist wie eine Meditation. Irgendwann holt Dorothea Nachbaur die Teilnehmenden zurück mit den Worten „Nun gehen wir weiter.“

Bei der ersten Übung lassen die Teilnehmer ihre Sorgen zurück. <span class="copyright">Stiplovsek</span>
Bei der ersten Übung lassen die Teilnehmer ihre Sorgen zurück. Stiplovsek

Zeit spielt beim Waldbaden keine Rolle. Leistung auch nicht. Es geht nicht darum, so viele Kilometer in so kurzer Zeit wie möglich zurückzulegen, sondern langsam und bewusst die Natur wahrzunehmen. Das kann die körperliche, geistige und seelische Gesundheit stärken. In Japan ist Waldbaden oder – wie es auch genannt wird – „Baden in der Waldluft“ eine anerkannte Gesundheitsvorsorge. „Dort wird es bei Burnout verschrieben oder bereits bevor jemand daran erkrankt“, erklärt Dorothea Nachbaur. Im Wald gebe es chemische Botenstoffe, Terpene genannt, führt die Frau aus Muntlix weiter fort. „Diese Terpene haben nachweislich positive Auswirkungen auf den menschlichen Körper, besonders auf das Nervensystem, die Psyche und das Immunsystem. Wenn jemand drei bis vier Stunden im Wald ist, sind die Terpene nach drei Tagen immer noch im Blut nachweisbar.“

Im Wald lassen sich viele essbare Pflanzen finden - unter anderem Sauerklee. <span class="copyright">Stiplovsek</span>
Im Wald lassen sich viele essbare Pflanzen finden - unter anderem Sauerklee. Stiplovsek

Gesundes aus dem Wald

Nach der ersten Übung wandern die Teilnehmenden auf einem schma­len Waldpfad nach oben. Der Boden federt unter den Füßen, Sonnenlicht fällt an einigen Stellen in den Wald und taucht die Sträucher und Pflanzen dort in strahlendes Hellgrün. Niemand spricht. Bis Dorothea Nachbaur bei einer Tanne stehenbleibt und an eine Stelle der Rinde zeigt: Hier ist eine Mulde im Stamm, und dort klebt Harz. Das ist eine Wunde des Baumes, das Harz schützt ihn vor Bakterien. „Harz wirkt auch beim Menschen antibakteriell und ist durchblutungsfördernd. Früher gab es in jedem Haus eine Harzsalbe“, erklärt Dorothea Nachbaur. Ein paar Schritte weiter bückt sich die Waldexpertin, pflückt ein paar Kleeblätter und drückt danach jedem Teilnehmenden eines in die Hand. „Das ist Sauerklee. Man kann ihn essen, im Topfen oder Salat etwa schmeckt er sehr gut.“ Während die Waldbadenden an ihrem Klee kauen, erklärt Dorothea Nachbaur: „Im Wald ist viel mehr essbar, als die Menschen glauben. Im Frühling zum Beispiel können Buchenblätter gesammelt und in den Salat gemischt werden. Das schmeckt einmalig.“

Dorothea Nachbaur ist seit Kindesbeinen viel im Wald. Vor zehn Jahren absolvierte sie die Jagdprüfung, einige Jahre später die Ausbildung zur Waldpädagogin. Vor drei Jahren entdeckte sie in Südtirol, dass dort die Fortbildung „Waldbaden“ angeboten wurde, und sie machte sie. Mittlerweile gibt es auch in Vorarlberg einen Zertifikatslehrgang „Waldbaden“, zur Verfügung gestellt wird er über das Ländliche Fortbildungsinstitut Vorarlberg.

Die meisten Interessierten sind Urlauber und Frauen. <span class="copyright">Stiplovsek</span>
Die meisten Interessierten sind Urlauber und Frauen. Stiplovsek

Mehr Frauen als Männer

Pro Waldbad nehmen zwischen vier bis zwölf Interessierte teil, so Dorothea Nachbaur. Zwei Drittel sind Frauen. „Männer sind zu Beginn oft skeptisch. Viele denken ‚Wandern und nicht schwitzen? Das ist nichts für mich‘. Danach sind sie aber begeistert, weil sie endlich einmal zur Ruhe kommen“, erzählt Dorothea Nachbaur. Hauptsächlich sind es Urlauber, die mit ihr waldbaden. Viele Vorarlberger haben den Wald mehr oder weniger vor der Haustüre und baden deshalb automatisch bei Abend- oder Wochenendspaziergängen darin. Die Menschen aus dem Ländle, die auf ein Waldbad mit Dorothea Nachbaur gehen, sind neugierig, was Waldbaden ist.

Die Übung „Bodyscan“ soll die Sinne schärfen.<span class="copyright">Stiplovsek</span>
Die Übung „Bodyscan“ soll die Sinne schärfen.Stiplovsek

Denn es ist schon anders, wie wenn man allein in den Wald geht. Abgesehen davon, dass Dorothea Nachbaur Interessantes über diesen Lebensraum erzählt, schärft sie durch Übungen die Sinne und die Achtsamkeit der Teilnehmenden. Etwa bei der Übung „Bodyscan“, die zudem – wie die anderen Übungen auch – meditativ ist. Dabei ist zu erfahren, dass an den Fingerspitzen am zweitmeisten Gefühlsrezeptoren sind und dass der Mensch im 360-Grad-Radius hören kann. „Wenn alle fünf Sinne aktiviert sind, bleibt der Wald-Aufenthalt besser im Gedächtnis“, erklärt Dorothea Nachbaur. So wecken beispielsweise Düfte Erinnerungen genauso gut oder sogar besser als Bilder. Und damit auch der Geschmack-Sinn einbezogen wird, werden während der Wanderung nicht nur Erdbeeren oder Kleeblätter gegessen, sondern am Schluss Kostproben des Getränks „Oxymel“ verteilt. Dorothea Nachbaur hat es selbst hergestellt: Es besteht aus Bienenhonig, Essig und klein geschnittenen Tannennadeln. Es schmeckt sauer-süß – und nach Wald. Ein Geschmack, der noch lange nach dem Waldbad in guter Erinnerung bleibt.

waldbaden

Ein Waldbad dauert etwa drei Stunden, benötigt wird dem Wetter entsprechende Wanderkleidung, festes Schuhwerk und eine Wasserflasche.

Waldbaden in Damüls: jeweils am Dienstag, 10 bis 13 Uhr. Letzter Termin: 27. September. Anmeldung erforderlich unter Tel. 05510 391

Waldbaden im Biospährenpark in Sonntag: jeweils am Freitag, 10 bis 30 Uhr. Letzter Termin: 26. August. Anmeldung erforderlich unter Tel. 05554 5150

Auch die Waldschule Bodensee bietet Waldbaden an. Infos: ww.waldschule-bodensee.at

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