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Wenn Schulbücher keine Ferien haben

17.08.2022 • 22:24 Uhr / 8 Minuten Lesezeit
Damit die Schüler nach den Sommerferien nicht das Gefühl haben, nicht erholt zu sein, setzt Elisabeth Geier in der Smile Akademie auf Humor und spielerisches Lernen.<span class="copyright">Smile Akademie</span>
Damit die Schüler nach den Sommerferien nicht das Gefühl haben, nicht erholt zu sein, setzt Elisabeth Geier in der Smile Akademie auf Humor und spielerisches Lernen.Smile Akademie

Zahlreiche Schüler nehmen Nachhilfe in den Sommerferien in Anspruch. Die Lockdowns haben neue Baustellen eröffnet.

Eigentlich sollten die Sommerferien Erholung bedeuten. Einfach mal Freizeit genießen, Fußballspielen, das Schwimmbad besuchen oder Freunde treffen – so stellen sich viele Kinder und Jugendliche die schulfreien Sommermonate vor. Doch für manche bedeuten Ferien nicht nur Ausschlafen und Freizeit genießen. Sie nutzen die unterrichtfreie Zeit, um etwa Stoff nachzuholen, oder bereiten sich auf die Nachprüfung oder das kommende Schuljahr vor. Die Coronamaßnahmen sind nämlich an einigen Schülern nicht spurlos vorbeigegangen.

Hohe Nachfrage

Die Nachhilfeinstitute verzeichnen diesen Sommer in Vorarlberg eine hohe Nachfrage. Während beim Nachhilfeinstitut Smile Akademie die Schüleranzahl im Vergleich zum Vorjahr gleichgeblieben ist, sind die Buchungen beim Anbieter LernQuadrat gestiegen. Die Nachfrage sei bei der Smile Akademie schon in den vergangenen Jahren hoch gewesen. Mit den ungefähr 100 Schülern in den Sommerkursen an den verschiedenen Standorten wurden die Kapazitäten der Kleingruppen schon im vergangenen Jahr gut ausgelastet. Darunter sind hauptsächlich 10- bis 18-Jährige. Deshalb wäre auch kein merkbarer Anstieg der Buchungen bei der Smile Akademie möglich gewesen. Jedoch sei dieses Jahr auffällig gewesen, dass die Nachfrage schon ab der ersten Ferienwoche hoch gewesen sei, so Gründerin der Smile Akademie Elisabeth Geier. Bei der von der Stadt Feldkirch gemeinsam mit der Pädagogischen Hochschule Vorarlberg organisierten kostenlosen Lernwerkstatt an zwei Volksschulen ist die Teilnehmeranzahl im Vergleich zum Vorjahr von 30 auf 50 Schüler gestiegen. Die Umsätze des Lerninstituts LernQuadrat in Vorarlberg haben sich nach eigenen Angaben im Juli 2022 im Vergleich zum Juli 2021 verdoppelt. In den Corona-Jahren habe es nämlich ein eher zurückhaltendes Buchungsverhalten gegeben, beschreibt Unternehmenssprecherin Angela Schmidt. Gründe dafür seien unter anderem milde Beurteilungen und eine geringere Anzahl an Nachprüfungen gewesen, erklärt Schmidt. Derzeit hätten 210 Schüler den Ferien-Intensivkurs beim Nachhilfeinstitut LernQuadrat in Vorarlberg gebucht. Die Schülerhilfe Vorarlberg rechnet in den gerade laufenden Sommerferien mit insgesamt 400 bis 500 Anmeldungen. Der Hauptanteil bei der Schülerhilfe liegt bei den 10- bis 14-Jährigen. Eine endgültige Teilnehmerzahl kann die Geschäftsführerin Mirjam Müller der Schülerhilfe Vorarlberg noch nicht nennen. Sie berichtet von einem regelmäßigen Aufkommen neuer Anfragen. Diese würden vor allem Schüler betreffen, die nun erkennen, dass sie doch nicht alleine das Lernpensum für die Nachprüfung bewältigen könnten, so Müller. Das sei unabhängig von motivierten Vorsätzen zu Ferienbeginn. Auch Schmidt vom Institut LernQuadrat berichtet darüber, dass meist noch im August Buchungen durchgeführt werden oder manche Schüler ihren Kurs nach Bedarf um eine oder zwei Wochen verlängern.

<span class="copyright">Symbolbild/Shutterstock</span>
Symbolbild/Shutterstock

Herausforderung Mathematik

Unter den Buchungen kristallisiert sich ein Fach als besonders beliebt heraus. Das größte Sorgenkind unter den Schulfächern ist nach wie vor Mathematik. So machen zwei Drittel der Nachhilfekurse beim Institut LernQuadrat Mathematik-Kurse aus. Gefolgt wird dies von den Hauptfächern Englisch und Deutsch. Die Fächerauswahl bei den Nachhilfeinstituten ist somit sowohl beim LernQuadrat als auch bei der Schülerhilfe Vorarlberg und bei der Smile Akademie ähnlich. Dies habe sich auch im Vergleich zu den Jahren vor Einsetzen der Corona-Pandemie nicht verändert, so Müller.

Generell ist ein Hauptgrund für den Besuch von Nachhilfestunden in den Sommerferien die Vorbereitung von Nachprüfungen. „Wer zeitgerecht kommt und mit dem Lernen beginnt, hat gute Chancen die Nachprüfung zu bestehen“, bekräftigt Schmidt. Außerdem würden viele die Nachhilfe im Sommer in Anspruch nehmen, weil sie Schwierigkeiten in einem bestimmten Fach haben und ihre Noten verbessern wollen, so Schmidt. Bei der Lernwerkstatt in zwei Volksschulen in Feldkirch wird vor allem der Fokus auf den Ausgleich von sprachlichen Defiziten gelegt, da diese eng mit Rückständen im Lehrstoff zusammenhängen. Dabei haben sich auch durch ukrainische Kinder neue Bedürfnisse gezeigt.

Doch nicht nur Schüler mit schlechten Noten besuchen im Sommer Nachhilfekurse – auch erfolgreiche Schüler, die Spaß am Lernen haben, nehmen das Angebot wahr. Ein Großteil der Schüler wolle über den Sommer „am Ball bleiben“, so Müller. „Ihnen ist klar, dass Gelerntes in den de facto drei Monaten des Nichtstuns über den Sommer schnell vergessen wird“, erläutert sie. Dabei geht es nicht nur um bereits Gelerntes, sondern es spielt auch die Vorbereitung auf neue Unterrichtsfächer eine Rolle – bei Fremdsprachen wie Französisch beispielsweise. „Mit Vorkenntnissen macht es dann von Anfang an mehr Freude“, erklärt Geier.

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Letzte Minute

Nicht nur Nachprüfung und Vorbereitung sind ein Thema. Auch Corona hat vermehrt die Schüler in die Nachhilfeinstitute geführt. Diese Schüler besuchen meist auch schon während des Jahres Nachhilfekurse. Diese Zahl steigt laut Angaben von Müller stetig. „Leider kommen viele erst, wenn der Leidensdruck schon sehr groß und es bereits fünf vor 12 ist“, sagt Müller. Aber auch im Sommer bringen die Folgen der Lockdowns und des Distance Learnings Schüler in die Nachhilfekurse. Corona sei mit ein Grund, warum heuer viele einen Intensivkurs gebucht haben, bestätigt Schmidt. Durch Online-Unterricht und die Möglichkeit mit einem Nicht Genügend im Zeugnis eine Stufe aufsteigen zu dürfen, gebe es jetzt fachliche Defizite, beschreibt Geier die aktuelle Situation. Nicht nur die schulischen Kompetenzen, auch das Selbstvertrauen habe unter den fehlenden sozialen Kontakten durch den Online-Unterricht gelitten, erzählt Geier. „Wir sehen immer mehr Kinder mit mangelnder Ausdauer, niedriger Frustrationstoleranz, Schulangst, Überforderung und mangelnder sozialer Kompetenz“, schildert Müller die Lage. Da viele Schüler nie den Schulalltag kennenlernen konnten, seien sie dem „Normalbetrieb“ nun nicht gewachsen. Ein Beheben der fachlichen Defizite sei nur selten alleine möglich, so Müller. Sie weist auf fehlende finanzielle Förderungen aufgrund von zusätzlich anfallenden Kosten für die Eltern etwa durch ein verlorenes Jahr und verspätetem Berufseinstieg hin. Auch Geier fordert mehr Fördergelder, um Defizite aufzuholen. Die Nachhilfeinstitute würden viel abfangen, was das Schulsystem durch Überforderung während der Pandemie nicht geschafft habe. Nachhilfe sei aber nicht für alle leistbar. „Wir sind weit von Chancengleichheit entfernt, wenn Eltern den Ausgleich des Lerndefizits, der durch Corona entstanden ist, privat finanzieren müssen“, so Geier. Da gehe die Bildungsschere auseinander. „Nachhilfe darf kein Luxusprodukt sein“, kritisiert Geier.