Kultur

Ironische Distanz zu Körper und Konsum

18.08.2022 • 19:11 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Manfred Erjautz umgeben von seinen Installationen im Bildraum Bodensee. <br><span class="copyright">petra rainer</span>
Manfred Erjautz umgeben von seinen Installationen im Bildraum Bodensee.
petra rainer

Der Bildraum Bodensee präsentiert mit der ersten Einzelausstellung von Manfred Erjautz „Heavy sun“ Kunst auf internationalem Niveau.

Der Bildraum Bodensee zeigt unter der Federführung von Carmen Zanetti diesen Sommer große Kunst. Der international renommierte, in Wien lebende Steirer Manfred Erjautz hat im Raum mit Seeblick eine ungewöhnlich opulente, dichte Ausstellung auf höchstem Niveau aufgebaut.

Stellungnahme

Erlauben Sie mir zu Beginn dieser Rezension eine kurze Stellungnahme in eigener Sache. Unlängst wurde ich in dieser Zeitung von einem Leserbriefschreiber frontal angegriffen, der in manchem, aber längst nicht in allem, nicht ganz unrecht hat. Wer sich öffentlich kritisch äußert, hat grundsätzlich öffentliche Kritik auszuhalten. Ich stehe aber zu meiner Kritik. Kunstauffassung ist immer die Kunstauffassung von jemandem. Die Kunst muss jedenfalls berühren, nur dann ist sie gut. Letztlich geht es in der Kunst um die Qualität der Gefühle.
Der Gründungsdirektor des Kunsthaus Bregenz, Edelbert Köb, schreibt: „Bei Helmut Federle wie bei Peter Zumthor wird die Frage nach der Kunst (…) eigentlich immer zur Frage nach der Qualität der Empfindungen.“ Echte Einsichten ins Sein sind die unvergleichlich bessere Grundlage für gute Kunst als bloßes Spiel mit Formen.

Künstlerische Reflexion

Nun aber zu Manfred Erjautz: Auf einem Vortrag an einer Uni hat der sympathische Otto-Mauer-Preisträger und multimedial arbeitende Bildhauer Manfred Erjautz gesagt: „Ich bin meine eigene Gruppenausstellung.“ Und tatsächlich: Der Künstler hat keinen wieder erkennbaren Duktus oder gar einen Stil, der als Marke funktionieren könnte wie zum Beispiel der Porsche und die Signatur bei Gottfried Bechtold. Manfred Erjautz ist ein Konzeptkünstler. Er geht von einer Idee aus und sucht sich dazu das nötige Material. „Das Atelier ist mein Kopf“, wie er prägnant im Gespräch mit der NEUEN Vorarlberger Tageszeitung formuliert.
Seit 1992 führt er seine Skizzenbücher als sehr private Tagebücher. Da kann es schon passieren, dass eine Idee von 1996 adaptiert wird und 2001 als „gar nicht so schlecht“ verwirklicht wird.

Der Künstler ist bekannt für Schaufensterpuppen. Auch in dieser Ausstellung findet sich eine. <span class="copyright">petra rainer</span>
Der Künstler ist bekannt für Schaufensterpuppen. Auch in dieser Ausstellung findet sich eine. petra rainer

Schaufensterpuppen

Manfred Erjautz ist „Der mit den Modepuppen“. Auch in der Österreichischen Galerie im Oberen Belvedere liegt eine solche Puppe. Somit ist er wahrscheinlich der einzige lebende Künstler, dem die Ehre zu Teil wurde, im Belvedere in der ständigen Sammlung ausgestellt zu sein. Die Modepuppe in der Ausstellung in Bregenz hat eine völlig unübliche Haltung: Sie steht da und scheint dem (männlichen) Erzeuger ihres Babys das an einem Bergsteigerseil aus der Plastikvagina hängt zu sagen: „He, was willst Du überhaupt?“
Es geht Manfred Erjautz mit den Modepuppen um einen gesellschaftskritischen Ansatz. Schaufenster oder TikTok – es ist der männliche Blick, der das Problem ist. Erjautz verweist auf den Mythos von Pygmalion, dem nichts Niedliches anhaftet hat wie im bekannten Musical „My Fair Lady“, sondern in der der männliche Künstler sich sein weibliches Geschöpf erschafft und einsperrt – um es ungestört benutzen zu können.

Mithilfe der Augmented Reality diskutiert Manfred Erjautz auch den Begriff der klassischen Skulptur und des tradierten Raumgefühls auf spielerische und witzige Art und Weise. Was bedeutet es eine Skulptur im Raum zu sehen? Welche anthropologischen Grundkonstanten wiederholen sich da? Wie weit kann man als Künstler gehen, damit ein Werk noch als bildhauerische Arbeit wahrgenommen wird? Als Bildhauer bezeichnet Manfred Erjautz übrigens die Welt, den Planeten Erde, als größten plastischen Körper.

Konsumkritisch

Ein zusammengepresster Einkaufswagen markiert die Konsumkritik Manfred Erjautz. Ein Bezug zu Gottfried Bechtolds in der Müllpresse zusammengedrückten Porsche besteht natürlich. Weiters zu sehen sind intime Fotoarbeiten, Fotos von Kunstreliquien, eine Version seiner Arbeit „Me“, die schon im Innsbrucker Dom für Aufsehen sorgte und eine humorvolle Umsetzung des Kurzwortes FAQ (Frequent Asked Questions, Häufig gestellte Fragen). Der Buchstabe A besteht etwa aus einem Zirkel und einem menschlichen Knochen als Querbalken.

Heavy sun“: Bis 1. September.

Von Wolfgang Ölz