Kultur

Flexible Werte und die Grenzen des Friedens

19.08.2022 • 20:01 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
Der sprechende Chor in Kasimirs Inszenierung. <span class="copyright">Caro Stark</span>
Der sprechende Chor in Kasimirs Inszenierung. Caro Stark

Am Donnerstag feierte das Ensembles für unpopuläre Freizeitgestaltung Premiere von Köcks „antigone. ein requiem“.

Was soll man mit den Toten tun? Eine Zumutung. Thomas Köcks „Antigone. Ein Requiem“ bringt die Toten vor die Stadt, an den Strand von Theben. Eine auf Leichen gebaute Demokratie wird nun von Leichen heimgesucht. „Do liegen sie“, die Toten, die niemanden etwas angehen und am wenigsten Kreon (Ronald Kuste), den Herrscher, der sich in seinem türkisenen Bagger verschanzt und mit einer unglaublichen Vehemenz alle Rechenschaften von sich weist.

In der Verantwortung

„Die Toten gehen niemanden etwas an“, spricht auch der Chor der Bürger vor einem Berg voll Kleidung. Wie Sophokles „Antigone“ behandelt auch Köcks Stück das „Gesetz“ einer Nation. Es geht um die Werte, die dem Gesellschaftswillen unterworfen werden. Der Frieden soll bewahrt bleiben, indem man ihm Grenzen setzt.

Einzig und allein Kreons Nicht Antigone (Jeanne-Marie Bertram) ist aufgebracht, über das gesammelte Hinwegschauen der unübersehbaren Leichen. Sie hinterfragt die Ausflüchte vor der Verantwortung und sieht die Mitschuld. Eben diese paar (Hundert?) Toten zu beerdigen und sie damit anzuerkennen und sich dem Leid stellen, das will Antigone. Sie wirkt als gerechtfertigte Warnung, als moralischer Widerstand und als Appel der eigenen Werte, während das Problem mit den Toten von ihrer Schwester Ismene (Julia Carina Wachsmann) eher ins Lächerliche gezogen wird.

Verteidigung der Werte

Jemand hat die Toten in die Stadt geschleift. Eine Botin spricht zu Kreon „die schlimmen Worte“. Eine Diskussion in Versen entfacht. Ein unnachgiebiger Kreon streitet mit der Heldin. Ein klagender Chor hält ein Plädoyer über die Haltbarkeit der Werte. „Wertneutral und wertfrei“ propagiert Kreon seine Politik in demokratischer Praxis: „Ein flexibles System, das mehr auf unsere Bedürfnisse zugeschnitten ist“. „Wenigstens hier Frieden“, wie Kreon sagt, schafft man nur durch den „möglichsten Frieden“, einen Frieden, der durch das Gesetz begrenz ist.

Köcks gedichtete Kunstsprache experimentiert mit Wörtern in verschiedenen Konstellationen zusammengesetzt. Das Stück basiert auf der Sophokles-Übersetzung nach Hölderlin, und behandelt auf sehr ironische Weise den heutigen politischen Diskurs über den Europäischen Umgang mit dem Leid vor den Grenzen der Union und der eigenen Verantwortung. Stefan Kasimirs Inszenierung findet einen guten Mittelweg zwischen Zynismus und Ernsthaftigkeit. Peter Badstübner spielt eine hervorragende Version der Figur Teiresisas.

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