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„Niemand konnte den Starkregen vorhersehen“

23.08.2022 • 19:43 Uhr / 9 Minuten Lesezeit
Überflutete Schrebergärten in Altach. <span class="copyright">stiplovsek</span>
Überflutete Schrebergärten in Altach. stiplovsek

Vorarlberg habe Glück im Unglück gehabt: Große Flüsse waren nicht betroffen und Starkregen ging nicht im ganzen Land nieder. Hochwasserschutz-Maßnahmen halfen zudem.

Wasser ist einerseits der größte Bodenschatz, den Vorarlberg hat, andererseits das größte Gefahrenpotenzial. Das sagte Landesrat Christian Gantner gestern beim Pressefoyer, nachdem die Landesregierung offiziell ihre Arbeit nach der Sommerpause wieder aufgenommen hat. Beim Pressefoyer wurden Bilanz nach und Schlüsse aus dem Starkregen vom vergangenen Freitag gezogen.
Alle vier Redner – neben Gantner waren es Landesstatthalterin Barbara Schöbi-Fink, Thomas Blank von der Abteilung Wasserwirtschaft und Landesfeuerwehrinspektor Herbert Österle – dankten den Einsatzkräften, der Zivilgesellschaft für ihre Mithilfe und den Institutionen, die im Bereich Wasser, Hochwasser- und Katastrophenschutz arbeiten. Gantner: „Es macht mich einmal mehr stolz, für dieses Land arbeiten zu dürfen, wenn wir gesehen haben, wie Hunderte von Einsatzkräften binnen Minuten in den Einsatz geeilt sind, wie sich die Feuerwehren ausgeholfen haben und wie Nachbarschaftshilfe nicht nur ein Schlagwort ist, sondern gelebt wird.“

Landesfeuerwehrinspektor Herbert Österle, Christian Gantner, Barbara Schöbi-Fink, Wasserwirtschaftsvorstand Thomas Blank (v.l.). <span class="copyright">A. Serra / Land Vorarlberg</span>
Landesfeuerwehrinspektor Herbert Österle, Christian Gantner, Barbara Schöbi-Fink, Wasserwirtschaftsvorstand Thomas Blank (v.l.). A. Serra / Land Vorarlberg

Auf den Tag genau waren es gestern 17 Jahre, dass „das letzte Hochwasser Vorarlberg heimgesucht hat“, wie Schöbi-Fink sagte. Damals aber war fast das gesamte Land betroffen, am vergangenen Freitag ging der Starkregen kleinflächig – vom Rheintal bis nach Feldkirch – nieder. Zudem blieben die großen Flüsse wie der Rhein, die Ill oder die Bregenzer Ach von Hochwasser verschont. Ein Glück sei auch gewesen, dass der Regen von Süddeutschland und nicht von der Ostschweiz kam; wäre Letzteres der Fall gewesen, „wäre der Rhein zum Problem geworden“, so Gantner. Von Vorteil war zudem, dass es bereits von Donnerstag auf Freitag geregnet hatte und der Starkregen ab Freitagnachmittag deshalb auf feuchten und nicht auf ausgetrockneten Boden fiel.

“Wir müssen damit rechnen, dass Starkregen und Lokalereignisse zunehmen.”

Christian Gantner, Landesrat

Unterschiede zu 2005

Während beim Hochwasser 2005 innerhalb von fünf Tagen 300 Liter Regen pro Quadratmeter niedergingen, fielen vergangene Woche im Rheintal innerhalb von 24 Stunden 200 Liter Regen pro Quadratmeter, beim Pfänder 130 Liter in drei Stunden. Das sind Spitzenwerte, wie sie noch nie gemessen worden sind. „Das Ereignis vergangene Woche war also kurz, aber heftig“, so Schöbi-Fink.
450 Millionen Euro sind seit dem Hochwasser vor 17 Jahren in den Hochwasserschutz inves­tiert worden. „Sie haben gehalten und schlimmere Schäden verhindert“, sagte Schöbi-Fink. Wie hoch der Schaden tatsächlich ausfallen wird, ist noch nicht bekannt, derzeit laufen die Erhebungen. Gantner rechnet mit einer Summe im zweistelligen Millionenbereich. Das Land sei in Kontakt mit dem Bund und könne Mittel aus dem Katastrophenfonds zusagen.
Überflutet wurden Ortsteile, Straßen und Unterführungen; mehrere Autos steckten in den Wassermassen fest. Keller und Garagen liefen voll und Muren gingen nieder. Abschnitte der Rheintalautobahn waren gesperrt.

Die überflutete Dornbirner Furt am Freitag.<span class="copyright">Stiplovsek </span>
Die überflutete Dornbirner Furt am Freitag.Stiplovsek 

Wäre 2005 Katastrophe gewesen

Für Gantner war im Hinblick auf die getätigten Maßnahmen eindrücklich: „Bei der Dornbirner Ach gab es am vergangenen Freitag ein Jahrhunderthochwasser, 2005 wäre das eine Katastrophe für Dornbirn gewesen. Die Maßnahmen beim Gerbenbach und der Sägerbrücke haben sie verhindert.“ Auch das Hochwasserrückhaltebecken im Binnenkanal bei Hohenems und Altach habe sich sehr bewährt: Dadurch, dass es geflutet worden sei, sei der Siedlungsbereich verschont geblieben, so der Landesrat.
„Für die Zukunft müssen wir damit rechnen, dass Starkregen und Lokalereignisse zunehmen“, erklärte der Sicherheitslandesrat. Dafür müsse Vorsorge getroffen werden. Man wolle auch in Zukunft das Konzept des sogenannten integralen Hochwasserschutzes fortsetzen. Dabei werden Maßnahmen zur räumlichen Vorsorge, zum Schutzwasserbau sowie zum Katastrophenschutz kombiniert. Beim Schutzwasserbau gelte vor allem der Grundsatz, mehr Raum für Bäche und Flüsse zu schaffen.

Privater Objektschutz

Wichtig sei aber auch der private und betriebliche Objektschutz, sagte Thomas Blank, Vorstand der Abteilung Wasserwirtschaft im Landhaus. Durch kostengüns­tige Maßnahmen könne hier sehr viel Schaden verhindert werden. „Bei einem Neubau kos­tet das fast gar nichts, aber auch bestehende Objekte können kos­tengünstig adaptiert werden“, so Blank.
Dass der Regen am Freitag­nachmittag und -abend dermaßen stark niedergehen werde, habe niemand vorhersehen können, sagten sowohl Gantner als auch Schöbi-Fink. Bereits am Donnerstagvormittag sei von der ZAMG (Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik) eine Wetterwarnung ausgesendet worden, die am Freitagvormittag nochmals aktualisiert worden sei. „Ich denke, die Landeswarnzentrale hat getan, was sie tun konnte“, so Gantner. In letzter Konsequenz könne niemand die Natur vorhersagen. Gantner begrüßte, dass Unwetter-Warnungen auf die Handys der Bürger bald möglich sein sollen. „Sobald die rechtliche Grundlage gegeben, ist, können wir das in Vorarlberg sehr schnell umsetzen“, sagte er.
„Dieses Ereignis war ein Warnruf der Natur“, erklärte Gantner zudem. „Wir nehmen das ernst und werden den Hochwasser- sowie Katastrophenschutz weiterverfolgen, aber auch Maßnahmen für den Klimaschutz setzen.“

Beihilfen

Private und Gemeinden können eine Beihilfe zur Behebung von Elementarschäden erhalten, meldete das Land gestern. Die Ansuchen sind über die Gemeinde zu stellen. Die Höhe der Beihilfe beträgt üblicherweise bei Elementarschäden an Gebäuden 50 Prozent, an Grundstücken 65 Prozent und an Infrastrukturen (Wege, Wasserversorgung, Leitungsnetze) 70 Prozent der Bemessungsgrundlage. Richtlinien und Antragsformulare stehen auf www.vorarlberg.at/-/elementarschaden.

Die Feuerwehren halfen auch am Tag danach bei den Aufräumarbeiten. <span class="copyright">stiplovsek</span>
Die Feuerwehren halfen auch am Tag danach bei den Aufräumarbeiten. stiplovsek

Feuerwehr: So viele Einsätze wie noch nie

Durch den Starkregen am Freitag gab es über 1600 Einsätze. „Das waren so viele wie noch nie“, berichtete Landesstatthalterin Barbara Schöbi-Fink am Dienstag beim Pressefoyer. Landesfeuerwehrinspektor Hubert Österle erklärte, dass die Feuerwehren frühzeitig informiert worden seien und sich dadurch vorbereiten konnten. In den letzten Jahren sei sehr viel in Schutzmaßnahmen wie die Anschaffung von Großpumpen investiert worden. Alle diese Pumpen hätten sich vergangene Woche sehr bewährt.

Landesrat Christian Gantner hob lobend hervor, dass die Feuerwehren, aber auch die Polizei, die Wasserrettung, das Rote Kreuz und die Samariter, binnen Minuten zu den Einsätzen geeilt seien. Beeindruckt zeigte er sich auch davon, dass die Feuerwehren – etwa aus dem Bregenzerwald und dem Walgau – ihren Kollegen im Rheintal sogleich ausgeholfen hätten.
Durch die vielen Einsätze sei es zu Wartezeiten gekommen, so Feuerwehrinspektor Österle. „Wenn in einer Stunde 800 Notrufe eingehen, müssen wir priorisieren“, sagte er. Die Betroffenen seien aber geduldig gewesen. Österle appelliert an die Hausbesitzer, die einen Schaden erlitten haben, sich genau anzusehen, warum dieser passiert sei. „Vielleicht können kleine Maßnahmen künftig Probleme verhindern. Wir haben vergangene Woche einige Fälle gesehen, bei denen durch geringe Maßnahmen Schäden vermieden worden wären.“

Wegen der Schäden ist die Brücke nicht befahrbar. <span class="copyright">Frutzkonkurrenz</span>
Wegen der Schäden ist die Brücke nicht befahrbar. Frutzkonkurrenz

Koblach/Meiningen: Blaue Brücke einen Monat lang gesperrt

Die Blaue Brücke zwischen Koblach und Meiningen muss für rund einen Monat gesperrt werden. Grund dafür sind starke Beschädigungen wegen des Starkregens am vergangenen Freitag. Wie der Wasserverband Frutzkonkurrenz informierte, kam es zu Erosionen am Bauwerk. An beiden Widerlagern entstanden Löcher im Asphalt in einem Ausmaß von zwei mal fünf Metern. Deshalb ist die Straße nicht mehr befahrbar. Die Sanierungsmaßnahmen wurden bereits in die Wege geleitet und sollen in rund einem Monat abgeschlossen sein. Die Umleitung erfolgt zwischenzeitlich über die Frutzbrücke an der Koblacher Straße (L 55).

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