Sport

Vorarlberger Fußballwelt im Umbruch

23.08.2022 • 19:42 Uhr / 10 Minuten Lesezeit
Lustenauer Glückseligkeit gegen Altacher Tristesse fasst das Stimmungsbild zusammen. <span class="copyright">GEPA/Lerch</span>
Lustenauer Glückseligkeit gegen Altacher Tristesse fasst das Stimmungsbild zusammen. GEPA/Lerch

Analyse. Der 2:1-Derbysieg von Austria Lusten­au beim SCR Altach hat aufgezeigt, dass die Grün-Weißen aktuell sportlich vor den Rheindörflern liegen. Eine erste Zwischenbilanz nach fünf Bundesliga–Runden.

Nach dem Derby ist vor dem nächsten Spiel. Auch bei dem so prestigeträchtigen Duell zwischen dem Cashpoint SCR Altach und Austria Lustenau gab es nur drei Punkte zu holen, so wie das am nahenden Wochenende für beide Vorarlberger Klubs wieder möglich ist: Die Austria empfängt Serienmeister Salzburg und Altach gastiert bei Tabellenführer LASK. Doch obwohl das Derby nur eins von 22 Grunddurchgangsspielen war, hat der Ausgang des Lokalduells ein kleines Beben in Fußball-Vorarlberg ausgelöst.

Denn mit ihrem Sieg haben die Austrianer ihren Vorsprung auf Altach auf sechs Punkte ausgebaut und sind damit in der aktuellen sportlichen Momentaufnahme die Nummer eins im Land. Das soll nicht heißen, dass Altachs überwiegend so gute Arbeit des vergangenen Jahrzehnts wegen fünf Partien plötzlich weniger wert ist. Als jahrelanger Bundesligist haben die Rheindörfler natürlich einen höheren Stellenwert im Land. Und aus den sechs Punkten Rückstand kann auch schnell wieder ein Vorsprung werden. Aber zum jetzigen Zeitpunkt entspricht es den Leistungen auf dem Spielfeld, dass die Lustenauer vor den Altachern liegen. Die Lustenauer sind mit zehn Punkten Dritte, die Altacher kommen als Siebte auf vier Zähler.

Altach liegt momentan sechs Punkte hinter Lustenau. <span class="copyright">GEPA/Lerch</span>
Altach liegt momentan sechs Punkte hinter Lustenau. GEPA/Lerch

Kader ist unausgereift

So sehr die Rheindörfler die Niederlage gegen die Austria geschockt haben mag – völlig überraschend kam der Ausgang nicht. Die Lustenauer sind nämlich nicht nur im emotionalen Höhenflug, sondern spielen erfrischenden Tempo-Fußball. Bei den Altachern dagegen wirkt es so, als ob man sich ein bisschen zu sehr darauf verlassen hat, dass es Miroslav Klose schon richten würde. Man hat zwar durchaus einiges gemacht am Transfermarkt und zwischendurch läuft der Ball auch ganz gut beim SCRA, doch der Mannschaft fehlt es weiterhin an der Balance. Defensiv fehlt das Tempo, in der Offensive hat man zwar mit Amankwah Forson, Jan Jurcec und Alexis Tibidi viel Tempo, aber diesen jungen Spielern fehlt es noch an die Reife und damit an Konstanz. Von den Altachern wird eine Reaktion kommen müssen, auf dem Spielfeld, aber auch vom Management. Das Problem ist, dass der Kader nur punktuell den Fußball zulässt, den Klose in Altach spielen lassen will: Klose will Ballbesitz, will sehr früh attackieren, will offensiv spielen. Dafür braucht es schnelle Spieler, die haben die Altacher zwar auf den Flügeln, aber auf den restlichen Positionen fehlt die Geschwindigkeit.

Jetzt rächt sich eben, dass die Altacher ihren neuen Trainer so spät – am Ende der ersten Trainingswoche – präsentiert haben. Denn dadurch war der Deutsche bei den ersten Transfers nicht involviert. Ob Klose der Verpflichtung von Lukas Gugganig zugestimmt hätte? Gugganig hat natürlich seine Qualitäten – der Mann hat sieben Jahre in Deutschland gespielt, sechs davon als erweiterter Stammspieler in der 2. Liga.

In einem System, das zu ihm passt, kann Gugganig glänzen. Doch bei dem hohen Attackieren wäre neben Jan Zwischenbrugger ein schneller und antrittsstarker Innenverteidiger gefragt. Gugganig kann vieles, aber schnell ist er nicht. Zwölf Gegentore nach fünf Runden sowie mindestens zwei Gegentore pro Spiel zeigen klar auf, wie wacklig Altachs Defensive ist.

Auch im Sturm hätte sich Klose wohl auch eine andere Alternative zu Atdhe Nuhiu gewünscht als Guy Dahan. Der Israeli wurde zwar mit einem recht mutigen Instagram-Video vorgestellt und hatte dem Vernehmen nach durchaus einen stolzen Preis – aber aktuell reicht es für ihn nur für die Eliteliga.
Klose machte sich zuletzt ein Bild der zahlreichen Profis, die aktuell bei den SCRA Juniors zum Einsatz kommen. Und befand nach dem Auswärtsspiel in Bregenz, dass sich keiner der Profis aufgedrängt hatte. Also auch nicht Dahan.

Der ehemalige Altach-Trainer  löst eine Diskussion aus. <span class="copyright">Stiplovsek </span>
Der ehemalige Altach-Trainer löst eine Diskussion aus. Stiplovsek 

Canadi-Kritik

Am Wochenende gegen den LASK fehlt Klose der gesperrte Nuhiu, zudem ist Amir Abdijanovic verletzt. Daher wird es zum Fingerzeig, ob Dahan dieses Mal im SCRA-Kader stehen wird oder nicht. Die Sturmspitze ist ohnehin ein sensibles Thema beim SCRA. Denn es kommt der Quadratur des Kreises gleich, Nuhiu in einem auf Tempo ausgerichteten Spiel zu integrieren. Der Mittelstürmer hat eine enorme Präsenz im Strafraum, das ja, aber der Mann braucht den Ball in den Fuß – und nicht in den Lauf. Weil er im Normalfall jedes Laufduell verliert.
Und dann ist da noch das zentrale Mittelfeld, hier fehlt es den Altachern an Kreativität. Neben Lukas Jäger würde es einen kreativen Spieler benötigen, der die Bälle verteilt. Klose will einen gepflegten Spielaufbau, dazu braucht es einen technisch starken Mann in der Zentrale.

Pikant ist derweil eine Aussage von Ex-Trainer Damir Canadi in der Sky-Sendung „Talk & Tore“, mit der Canadi eine Führungsspieler-Diskussionen auslöst: „Wenn ein Jan Zwischenbrugger heute eine Mannschaft führen sollte, ohne ihn persönlich anzugreifen, sondern einfach von seiner Art her, wie er ist, dann ist er für mich kein Führungsspieler, sondern ein erfahrener Spieler, der 32 Jahre alt ist. Er wird aber nie eine Mannschaft führen.“

Unterschiedsspieler

Die Lustenauer haben mit Teixeira das, was den Altachern zumindest aktuell fehlt: Einen Unterschiedsspieler, der aus dem Kollektiv heraussticht. Und die Lustenauer werden im Laufe der nächsten Tage noch weitere Verstärkungen präsentieren. So könnte über Kooperationspartner Clermont ein hochtalentierter, hochaufgeschossener Stürmer kommen, der ein ähnlicher Stürmertyp wie Haris Tabakovic sein soll – und im besten Fall den gleichen Weg wie Muhammed Cham geht: Cham verließ 2021 als Talent den französischen Klub nach Lustenau und kam diesen Sommer als Leistungsträger zurück.

Denn bei allem Lob für die Grün-Weißen: Im Sturmzentrum fehlt der Austria noch einer, der die Tore macht. Anthony Schmid ist das eher nicht, er ist vielmehr der hart arbeitende Stürmer, der Lücken reißt. Offen ist auch, ob die Lustenauer im zentralen Mittelfeld breit genug aufgestellt sind, was nicht zuletzt davon abhängt, wie die Lustenauer das Potenzial von Adriel einschätzen.
Die Austrianer verlängerten vor einem Monat den Vertrag des Brasilianers, nachdem der 25-Jährige im Frühjahr mit einem Schlüsselbeinbruch ausgefallen ist. Seit seiner Rückkehr stand er zwei Mal nicht im Kader und wurde von Markus Mader in der Schlussminute eingewechselt. Mader ist das Stichwort. Der Austria-Trainer wünscht sich, und sowas ist selten, nicht mehr zu viele neue Spieler. Vor Wochen stand noch im Raum, dass drei Verstärkungen kommen sollen, mittlerweile hat man sich bei der Austria wohl auf zwei weitere Transfers verständigt. Der erste Transfer könnte noch in dieser Woche bekanntgegeben werden – und eben ein Mittelstürmer sein.

Miroslav Klose beim Derby vergangenen Samstag. <span class="copyright">GEPA/Lerch</span>
Miroslav Klose beim Derby vergangenen Samstag. GEPA/Lerch

Trainer-Faktor

Schlichtweg erstaunlich ist, wie ausbalanciert das Spiel der Lustenauer ist. Gegen Altach war nicht zuletzt auch die Taktik von Mader ein großer Faktor. Der 54-jährige Vorarlberger hat Klose mit seinem hohen Pressing in der Anfangsphase ausgecoacht und damit eine Unsicherheit bei den Altachern gesät, die sie über das gesamte Spiel hinweg nicht ablegen konnten. Wer also über den aktuellen Erfolg der Austria spricht, muss über den Trainer reden.

Sieben Torschützen

Die Austria hat keine größeren Schwachpunkte. Im Tor hat Domenik Schierl die kleinen Unsicherheiten abgelegt, die Viererkette ist sehr stabil, das zentrale Mittelfeld funktioniert nicht zuletzt dank Pius Grabher, über außen hat man Tempo – und den noch fehlenden Torjäger gleichen die Grün-Weißen mit ihren vielen torgefährlichen Offensivspielern aus. Sieben verschiedene Spieler haben bislang getroffen: Das ist der Ligahöchstwert. In den kommenden Wochen treffen die Lustenauer auf Salzburg, (H), Austria Wien (A), LASK (H) und Sturm Graz (A). In diese Partien geht man als Außenseiter, aber wenn die Grün-Weißen ihre Form behalten, ist durchaus der ein oder andere Punkt drinnen.
Ja, Austrias Sieg in Altach hat ein kleines Beben im Vorarlberger Fußball ausgelöst. Weil es zumindest die klare Rangordnung infrage stellt und weil es aufgezeigt hat, dass die Austria derzeit besser als Altach ist. Es bleibt abzuwarten, welche Geschichten diese Saison noch schreibt.

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