Kultur

Das Orchester auf dem Klavier

26.08.2022 • 19:00 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Yaara Tal und Andreas Groethuysen sowie Ye-Eun Choi und Raphaela Gromes. <span class="copyright">Schubertiade</span>
Yaara Tal und Andreas Groethuysen sowie Ye-Eun Choi und Raphaela Gromes. Schubertiade

Das Klavier spielte am Donnerstagnachmittag und -abend beim Kammerkonzert und beim Liederabend der Schubertiade in Schwarzenberg eine nicht unerhebliche Rolle.

Orchesterkonzerte sind im schönen Angelika-Kauffmann-Saal aus akustischen und finanziellen Gründen schwierig. Kein Problem, wenn ein so symbiotisches Klavierduo wie das von Yaara Tal und Andreas Groethuysen oder ein virtuoser Pianist wie Marc-André Hamelin zu Gast sind.
Das Duo tat sich am Donnerstagnachmittag mit den jungen Streicherinnen Ye-Eun Choi und Raphaela Gromes zusammen, um die beiden bekanntesten Symphonien von Schubert zu musizieren. Der Kanadier übernahm am Abend den überbordenden Klavierpart in Gustav Mahlers „Lied von der Erde“ als Partner der Mezzosopranistin Violeta Urmana und des Tenors Pavol Breslik.

Bearbeitungen

Bearbeitungen großer Symphonien für Klavier vierhändig oder auch wie gehört mit Einsatz der Streicher waren im 19. Jahrhundert verbreitet, um den musikgebildeten Menschen die Beschäftigung mit diesen Werken zu ermöglichen. Die Bearbeitung der „Unvollendeten“ stammt vom Dresdner Musiklehrer Carl Burchard, die der großen C-Dur-Symphonie vom Geiger und Komponisten Friedrich Hermann. Beide klingen nicht reduziert, sondern bringen die Melodien und Themen in neuer Beleuchtung. Man geht auf Entdeckungsreise, welches Thema welchem Instrument übertragen ist.

Yaara Tal und Andreas Groethuysen sind seit Jahrzehnten für ihre Klangkultur und Entdeckerfreude bekannt, er mit pulsierenden Unterstimmen als Fels in der Brandung, sie mit leuchtendem silbrigem Ton in den oberen Registern. Dazu gesellen sich die koreanische, in München ausgebildete und von der Anne-Sophie-Mutter-Stiftung geförderte Geigerin Ye-Eun Choi und die ebenfalls vielfach ausgezeichnete Münchner Cellistin Raphaela Gromes.

Symphonische Kammermusik

Diese vier erzeugen mit schönem blühendem Ton, großer Konzentration und intensivem Miteinander eine Art symphonischer Kammermusik. Ganz organisch sind die brausenden Steigerungen, die Melodien, die vermutlich alle im Saal mitsingen können, blühen auf und werden weitergereicht. Die „himmlischen Längen“ Schuberts präsentieren sich in aller Frische und musikantischer Urkraft.

Zur Beruhigung nach dem großen C-Dur-Finale verabschiedete sich das sympathische Ensemble mit der Einleitungssinfonia von Johann Sebastian Bachs „Actus tragicus“, von György Kurtág für vier Hände bearbeitet und von Wolfgang Rihm wiederum mit zwei Streicherstimmen erweitert.

Metallische Power

Der Klavierpart von Gustav Mahlers „Das Lied von der Erde“ nach Nachdichtungen von altchinesischer Lyrik, den Marc-André Hamelin am Donnerstagabend wählte, stammt vom Komponisten selbst, als Grundlage für die Orchesterfassung der „Symphonie für eine Tenor- und eine Alt-Stimme“. Hamelin, der immer wieder die kompliziertesten Partituren zum Leuchten bringt, holt das Orchester aus dem Flügel. Vollgriffige Akkorde, Triller, Tremolofiguren heizen das Geschehen an, stacheln auch den slowakischen Tenor Pavol Breslik an. Der hat die Höhe und heldische Kraft durchaus, doch verzichtet er fast ganz auf die leiseren Töne und bringt den Raum mit seiner metallischen Power an die Grenzen.

Der Mezzosopranistin sind dagegen die lyrischeren Lieder und Farben anvertraut. Das letzte Lied „Der Abschied“ ist ein großes Ausatmen und Verlöschen. Die Litauerin Violeta Urmana überzeugt mit dunkel glühenden Farben und weiten Atembögen – ist aber schwer verständlich. Als „Liederzyklus“ ist Mahlers Werk im Rahmen der Schubertiade doch recht grenzwertig.

Von Katharina von Glasenapp

Du hast einen Tipp für die NEUE Redaktion? Schicke uns jetzt Hinweise und Bilder an redaktion@neue.at.