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„Manche haben Angst zu sterben“

27.08.2022 • 18:57 Uhr / 11 Minuten Lesezeit
Jährlich werden rund 45 Milliarden Tampons und Binden in Europa verbraucht. <span class="copyright">Shutterstock/2016 Ema Woo</span>
Jährlich werden rund 45 Milliarden Tampons und Binden in Europa verbraucht. Shutterstock/2016 Ema Woo

Einzelne Schritte der Enttabuisierung sind zu beobachten: gratis Tampons in Schottland und einen Gesetzesentwurf für Menstruationsurlaub in Spanien. Doch wie tabu ist Menstruation in Vorarlberg noch?

Menstruation ist eng verbunden mit Ekel und Scham. Dabei ist die Hälfte der Bevölkerung betroffen. Nicht nur Cis-Frauen zwischen 12 und 45 Jahren, sondern auch Trans- oder nichtbinäre Personen menstruieren. Eine Frau menstruiert laut dem Unternehmen Erdbeerwoche rund 500 Mal in ihrem Leben und verbringt somit 3000 Tage ihres Lebens damit. Insgesamt gibt eine Frau etwa 5000 Euro für Tampons und Binden aus. Dabei ist nicht berücksichtigt, dass gebleichte Produkte Irritationen und Scheidenpilz auslösen können und verträglichere Bio-Produkte noch teurer sind.

In Schottland gibt es Monatshygieneprodukte an bestimmten öffentlichen Gebäuden gratis. Ein erster Schritt gegen die finanzielle Belastung wurde in Österreich schon gemacht: im vergangenen Jahr wurde die Mehrwertsteuer auf Periodenprodukte von 20 auf 10 Prozent gesenkt. Davor wurden sie höher als Kaviar besteuert. Trotzdem ist Periodenarmut noch ein Thema. Frauengesundheitsberaterin Christa Bauer vom Frauenzentrum Femail weist auf das Zusammenkommen von Teilzeitjobs, schlechter bezahlten Jobs oder weniger Gehalt und den Bedarf an teuren Menstruationsartikeln hin. Sie findet es wichtig, dass ein Begriff existiert: „Wenn man Dinge in Worte fasst, dann wird Bewusstsein gebildet, dass Handlungsbedarf besteht.“

Menstruation

• Gegen Frauen an Universitäten wurde im 20. Jahrhundert argumentiert, dass durch das Denken Blut ins Hirn fließt und dann die Gebärmutter schrumpft.

• 1920 hatte die Studie vom Arzt Bela Schick zum Ergebnis, dass Menstruation giftig sei. Er nannte das Gift „Menotoxin“

• Sogar noch 1958 widerlegte eine Studie diese Annahme. Sie ergab, dass Menstruationsblut und Schweiß von Menstruierenden nicht giftig ist.

• In Indien sind Menstruierende in Tempel unerwünscht. In Teilen Nepals und Indiens werden Menstruierende teilweise in Menstruationshütten abgesondert. Im Islam oder im jüdischen Gesetzbuch gilt Geschlechtsverkehr während der Periode als unrein. Die Buddhisten feiern die Menarche.

Ekliger als anderes Blut

Menstruation polarisierte in den letzten Jahren und wurde in die Öffentlichkeit gebracht. Wie von der Sportlerin Kiran Gandhi, die ohne Monatshygieneprodukte während der Menstruation einen Marathon lief, oder Autorin Rupi Kaur, die ein Foto von einem Blutfleck auf der Hose auf Instagram veröffentlichte. Letzteres wurde von der Plattform selbst entfernt. Die Leiterin der Mädchenberatung des Vereins Amazone Michaela Moosmann kritisiert das: „Mord und Totschlag wird auf Instagram mehr geduldet als Menstruationsblut.“ Nicht nur dort wird zensiert. In Werbungen wurde Menstruation lange blau abgebildet. Solche geschönte Darstellungen haben Auswirkungen auf die individuelle Selbstwahrnehmung.

Michaela Moosmann, Leiterin der Mädchenberatung vom Verein Amazone. <span class="copyright">Amazone</span>
Michaela Moosmann, Leiterin der Mädchenberatung vom Verein Amazone. Amazone

Weniger Bakterien als im Mund

Das Tabu fängt früh an. Moosmann nahm in den vergangenen zehn Jahren eine Veränderung wahr, dass sich 10- bis 14-Jährige vermehrt vor ihrem Körper und ihren Ausscheidungen ekeln würden. Teilweise würden sich diese keine Tampons einführen, weil sie sich nicht berühren möchten. Dazu meint sie: „In der Mundhöhle sind mehr Bakterien als in der Vagina und es traut sich jeder den Löffel eines anderen in den Mund zu nehmen.“

Neben Bodyshaming und Ekel nimmt die Sexualpädagogin Unwissen wahr. Sie sieht eine Diskrepanz darin, dass Jugendliche durch die übersexualisierten Medien über viele Themen wie etwa Sadomsachoismus Bescheid wissen. Ihnen würde aber über natürliche biologische Prozesse Wissen fehlen. Sie vermutet, dass Jugendliche durch den Anspruch an sich selbst und den Erwartungen der Peer Group das Unwissen nicht offenbaren wollen und deswegen keine Fragen stellen. Außerdem würde aus Ekel über Zervixschleim und Menstruation nicht geredet. Dadurch fehlt das Wissen, Konsistenz und Farbe richtig zu deuten. „In der Beratung sind Mädchen, die Angst haben, sie seien krank und müssen sterben, weil nicht nur rotes flüssiges Blut aus ihrer Vagina rinnt“, erzählt sie.

Der Verein Amazone möchte junge Mädchen besser aufklären. Dazu gibt es eigene Workshops wie "Klipp&amp;Klar". <span class="copyright">amazone</span>
Der Verein Amazone möchte junge Mädchen besser aufklären. Dazu gibt es eigene Workshops wie "Klipp&Klar". amazone

„Die Angst vieler Mädchen zeigt, dass die Aufklärung von Schulen, Jugendhäusern und Eltern noch Potential zur Verbesserung vorweist, oder nicht angenommen wird, weil sie zu wenig anschaulich sind.“ In Projekten wie „Klipp & Klar“ versucht sie dem Unwissen entgegenzuwirken. Ihr ist wichtig, dabei positive Seiten aufzuzeigen. Der Zyklus hat nicht nur in Verbindung mit dem Kinderwunsch positive Aspekte. „Es gibt Frauen, die während der Periode produktiver sind“, so Moosmann. Der Zyklus kann sogar positiv genutzt werden und wichtige Meetings oder Entscheidungen in die produktive und energiereiche Zeit in der ersten Zyklusphase vor und während des Eisprungs gelegt werden. Andere Phasen können mit wenig Energie einhergehen. Während der Blutung leiden manche an Schmerzen, Stimmungsschwankungen, Schwindel oder erbrechen sogar. Das führt teilweise zu einem Konflikt zwischen körperlicher Belastbarkeit und Leistungsdruck.

Linda Nagel arbeitet in einem "Männerberuf". <span class="copyright">Linda Nagel</span>
Linda Nagel arbeitet in einem "Männerberuf". Linda Nagel

Das kann in Männerberufen schwierig sein. So verspürt Linda Nagel als Werkzeugtechnikerin Druck. Die Höchsterin verweist darauf, dass Männer und Frauen bei der Firma Blum den gleichen Gehalt erhalten. „Ich kann es mir nicht leisten, drei Tage wegen Menstruationsschmerzen nicht die gleiche Leistung zu erbringen“, beschreibt die 26-Jährige. Außerdem schäme sie sich, am Arbeitsplatz anzusprechen, wenn sie aufgrund der Schmerzen nicht schwer tragen könne.

Nicole Neyer leitet den Frisörsalon "Maischön". <span class="copyright">Nicole Neyer</span>
Nicole Neyer leitet den Frisörsalon "Maischön". Nicole Neyer

Dies- betrifft nicht nur Männerberufe. Salonleiterin Nicole Neyer vom Friseursalon Maischön in Dornbirn meint, dass sie zum Beginn der Periode oft über weniger Energiekapazitäten verfüge und nicht so belastbar sei. Das äußert sich in Situationen, in denen sich Mitarbeiterinnen mit Problemen an sie wenden. „Dann sage ich offen, dass ich durch die Periode gestresst bin und meine Emotionen durch die Hormone nicht mehr so gut kontrollieren kann“, so die 25-Jährige. Gegenüber den Kunden will sie nicht offen damit umgehen. Als Dienstleisterin ist es ihr wichtig, sich nicht anmerken zu lassen, wenn es ihr aufgrund der Menstruation nicht gut geht. Sie hätte Angst, dass sich Kunden davor ekeln oder überfordert wären. Deswegen bemüht sie sich, während den Terminen die gewohnte Leistung zu erbringen und Pausen und Feierabend für Erholung zu nutzen.

Gymnastin Caroline Weber erzählt von der Menstruation als Sportlerin. <span class="copyright">DIENER </span>
Gymnastin Caroline Weber erzählt von der Menstruation als Sportlerin. DIENER 

Auch Caroline Weber versuchte, während ihrer Laufbahn als Gymnastin während der Menstruation auf ihren Körper zu hören. Sie hat sich dagegen entschieden, die Periode mit der Antibabypille zu steuern. Als Sportlerin sei ihr die Gesundheit und ihr Körper wichtig und da gehöre der Zyklus hinzu. Während der Blutung kam es teilweise vor, dass sie aufgrund des Kreislaufs und Schwindels weniger leistungsfähig war. Das Training wurde an die Tagesverfassung angepasst. „Meine Trainerin hat als Frau Verständnis gezeigt und ist zum Glück auf mich eingegangen“, erinnert sich die 36-Jährige. Wenn sie während einem Wettkampf menstruierte, sparte sie sich die Kraft beim Aufwärmen für die Wettkampffläche auf. Dort war der Stress präsent, dass kein Tamponbändchen oder Fleck zu sehen ist. Damit ist sie nicht alleine.

Menstruation in anderen ländern

Menstruationsurlaub

In Spanien wurde im Mai ein Gesetzesentwurf vorgestellt, in dem bis zu drei Tage Menstruationsurlaub bei starken Schmerzen vorgesehen sind. Im sonst mit Menstruationstabu besetzten Indien kündigte ein Lieferdienst vor kurzem bis zu zehn ­Tage bezahlten Menstruationsurlaub bei starken Regelschmerzen an.

Gratis Monatshygieneartikel

Am 15. August trat in Schottland das Gesetz in Kraft, wodurch Bildungseinrichtungen und städtische Einrichtungen verpflichtet sind, kostenlose Periodenprodukte für alle, dies sie benötigen, zur Verfügung zu stellen. Nach eigenen Angaben ist Schottland damit das erste Land der Welt, das ein solches Gesetz hat.

Sollte es in Vorarlberg Menstruationsurlaub und Gratis Hygieneartikel an öffentlichen Orten geben?

Marilena Tumler, Dornbirn. <span class="copyright">Milosavljevic</span>
Marilena Tumler, Dornbirn. Milosavljevic

Marilena Tumler, Dornbirn:
Ich finde gratis Hygieneartikel wichtig, auch der erste Schritt, dass die Mehrwertsteuer reduziert wurde. Da 50 Prozent der Menschheit menstruiert, gehört das Thema enttabuisiert.

Cristina Hinterauer, Dornbirn.<span class="copyright">Milosavljevic</span>
Cristina Hinterauer, Dornbirn.Milosavljevic

Cristina Hinterauer, Dornbirn:
Man erwartet von dir trotz Schmerzen, dass du deinen Tag normal bewältigst. Und es gibt Leute, die sich Hygieneprodukte nicht leisten können. Man entscheidet sich nicht aktiv dazu, zu menstruieren.

Johannes Wittmer, Feldkirch.<span class="copyright">Milosavljevic</span>
Johannes Wittmer, Feldkirch.Milosavljevic

Johannes Wittmer, Feldkirch:
Ich fühle mich nicht zuständig, dazu eine Meinung zu sagen. Mir ist Wissen über den Zyklus wichtig, bin aber nicht betroffen und kann den Aufwand von Hygieneprodukten nicht einschätzen.

Senem Altuntas, Gaißau. <span class="copyright">Milosavljevic</span>
Senem Altuntas, Gaißau. Milosavljevic

Senem Altuntas, Gaißau:
Es kann passieren, dass man mal keine Tampons dabei hat. Dann wäre es gut, wenn es sie gratis in öffentlichen Toiletten gibt. Diese sind teuer und ich kann nichts für meine Periode.

Valeria Frisenda, Au.<span class="copyright">Milosavljevic</span>
Valeria Frisenda, Au.Milosavljevic

Valeria Frisenda, Au:
Hygieneprodukte sind nicht günstig. Wir müssen Geld dafür ausgeben, weil wir keine Wahl haben. Und es gibt Frauen, die starke Schmerzen haben, da wäre Urlaub nicht schlecht.

Florian Pokos, Lauterach.<span class="copyright">Milosavljevic</span>
Florian Pokos, Lauterach.Milosavljevic

Florian Pokos, Lauterach:
Menstruation ist ein wichtiges Thema, denn es betrifft die Hälfte der Bevölkerung. Ich kenne die Gesetzeslage nicht, aber es sollte betrachtet werden, ob man mit anderen Ländern mitzieht.

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