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„Wir werden die Windkraft brauchen“

03.09.2022 • 19:51 Uhr / 9 Minuten Lesezeit
Landesrat Zadra im NEUE-Interview. <span class="copyright">Hartinger</span>
Landesrat Zadra im NEUE-Interview. Hartinger

Landesrat Daniel Zadra (Grüne) über die hohen Strompreise, die Reduktion der Kfz-Zahlen und die Planungen für Windkraftwerke in Vorarlberg.

Ist Vorarlberg eine Energieinsel der Seligen?
Daniel Zadra:
Vorarlberg hat sicher topografische und historische Vorteile durch die Wasserkraft. Die Illwerke vkw finden aktuell eine sehr profitable Marktsituation vor. Sie decken den Spitzenstrom im süddeutschen Raum ab und leisten einen wichtigen Beitrag zur Energiewende. Dieser Regelstrom wird dringend gebraucht, damit der Energiemix funktionier

Was wird das Land mit dem Geld machen, das in die Kassa kommt?
Zadra:
Die Illwerke vkw sind in einer profitablen Position, auch weil in der Vergangenheit in die Kraftwerke investiert wurde. Man sieht – Stichwort Wien Energie – was passieren kann, wenn das nicht gemacht wird. Die Einnahmen sind gut, gleichzeitig haben wir aber auch einen der niedrigsten Stromtarife für Haushalte. Die Einnahmen müssen natürlich gut investiert werden, in den weiteren Ausbau der erneuerbaren Energien und über die Dividende, die das Land erhält, auch in sozialpolitische Maßnahmen gegen die Teuerung.

Auch Sozial- und Kultureinrichtungen fürchten hohe Stromrechnungen. Wird es hier einen Ausgleich geben?
Zadra: Die Haushalte haben eine Preisgarantie bis zum 1. April. Bis dahin wird sich noch viel tun. Ich setze darauf, dass die EU eine Reform des Strommarktes vornimmt. Die beste und billigste Kilowattstunde ist aber die, die nicht verbraucht wird. Das Thema Energiesparen wird zentral. Ich sehe es auch als meine Aufgabe das der Bevölkerung nahezubringen. Wir haben einen Krieg auf europäischem Boden. In dieser Krisensituation hilft nur der Zusammenhalt und das bedeutet auch Stromsparen.

Auch wenn der Strompreis zuletzt sank, ist er nach wie vor extrem hoch. <span class="copyright">Hartinger</span>
Auch wenn der Strompreis zuletzt sank, ist er nach wie vor extrem hoch. Hartinger

Nützt es etwas, wenn die Oma am Abend das Licht abdreht, wenn man den Strombedarf der Industrie danebenstellt?
Zadra:
Jede einzelne Kilowattstunde nützt. Natürlich werden auch die Industrie und das Gewerbe eingebunden. Diese haben aber keine Preisgarantie. Ein Betrieb, der vorher eine Stromrechnung von 230.000 Euro im Jahr hatte, käme nun auf weit über eine Million. Energiesparmaßnahmen sind dort eine betriebswirtschaftliche Notwendigkeit. Das aktuelle Preisbildungssystem ist zum Scheitern verurteilt. Man muss auf europäischer Ebene den Mut aufbringen, hier massiv in den Markt einzugreifen.

Ein Tiroler Lokalpolitiker hat für „Unser Strom für unsere Leute“ geworben. Wäre das ein Modell?
Zadra:
Das ist die dümmstmögliche Aussage. Wir erzeugen Strom für den süddeutschen Raum, beziehen aber auch das Gas über das deutsche Netz. Wenn wir eine solche Verschrebergartung anstreben, befinden wir uns wieder im Heiligen Römischen Reich, in dem sich Fürs­tentümer bekämpfen. Will man dann auch „Unsere Touristen für unsere Skipisten“? Das bringt unser Wohlstandsmodell in Gefahr.

Der Bau neuer Kraftwerke steht immer wieder im Spannungsverhältnis zum Umweltschutz. Wie heikel ist das für die Grünen?
Zadra:
Ich gebe Ihnen insofern recht, als dass das Hochfahren eines Kohlekraftwerks nicht mit den grünen Idealen übereinstimmt. Wir tragen es in der aktuellen Krise jedoch mit, weil es für die Sicherstellung der Energieversorgung notwendig ist. Langfristig sehe ich aber keinen Widerspruch zwischen dem Umweltschutz und dem Ausbau erneuerbarer Energien – nicht umsonst haben wir in Nationalratswahlkämpfen mit „Pellets statt Putin“ geworben.

Die Energieministerin möchte, dass Windkraftwerke schneller genehmigt werden können. Soll diese Beschleunigung bei der Windkraft enden?
Zadra:
Bei der Windkraft gibt es Probleme mit der Raumplanung, weil viele Länder – darunter auch Vorarlberg – keine Vorrang- und Eignungszonen ausgewiesen haben. Windkraftprojekte sollen aber nicht schon allein deshalb keine Chance haben, weil das Land untätig bleibt. Die raumplanerischen Aspekte sollen im Genehmigungsverfahren mit erledigt werden. Wir achten aber auch bei anderen Anlagenprojekten darauf, dass die Umweltverträglichkeitsprüfungen möglichst schnell ablaufen. Die Verfahrenslängen sind in Vorarlberg vertretbar.

Orten Sie bei der Windkraft ­Bewegung beim Koalitionspartner?
Zadra:
Es stimmt, dass es in der Vergangenheit beinahe das Dogma gab: „Windkraft: Ok, aber nicht bei uns.“ Das hat sich geändert. Dafür hat sicher auch die aktuelle Situation gesorgt. Windkraftwerke sind profitabler geworden. Damit sind sie auch in Vorarlberg interessant und wir werden die Windkraft für den Energiemix brauchen. Es werden derzeit von unterschiedlicher Seite Projekte vorentwickelt. Davon ist aber noch keines so spruchreif, dass es öffentlich präsentiert werden kann. Wenn ein fertiges Projekt da ist, wird es auf Herz und Nieren geprüft, aber wir sind grundsätzlich positiv eingestellt. Ich orte auch, dass der Koalitionspartner hier offener ist.

Auch der Ausbau von öffentlichen Verkehrsmitteln ist ein wichtiges Thema. <span class="copyright">Hartinger</span>
Auch der Ausbau von öffentlichen Verkehrsmitteln ist ein wichtiges Thema. Hartinger

Bei der Fotovoltaik wird beklagt, dass die Netzkapazitäten oft nicht ausreichen, um Anlagen anzuschließen. Sind die Investitionen hier ausreichend?
Zadra:
Es wird ins Netz inves­tiert. Wir hatten im Vorjahr eine Zubauleistung von 30 Megawatt, das ist sensationell. In den Jahren davor lag der Ausbau der Fotovoltaik zwischen neun und zwölf Megawatt. Der Zuwachs ist auch auf die Covid-Investitionsförderung zurückzuführen, damit wurden mehrere große Anlagen errichtet. Heuer beobachten wir, dass zwar kleinere aber dafür viele Anlagen angeschlossen werden. Es gibt Wartelisten bei den Unternehmen. Der Netzbetreiber versichert mir, dass diese Anlagen und weitere Ausbauschritte möglich sind.

Besteht die Gefahr, dass in der Energiewende irgendwann der Anspruch auf die harte Wirklichkeit trifft?
Zadra:
Wer glaubt, dass man alle Fahrzeuge, die derzeit mit Benzin und Diesel betrieben werden, einfach auf elektrischen Betrieb umstellen kann, um alle Probleme zu lösen, irrt. Das geht energiepolitisch nicht, weil wir nicht genügend Strom produzieren. Es ist aber auch mobilitäts- und klimapolitisch nicht sinnvoll. Elektromobilität kann einen wichtigen Beitrag leisten, aber mindestens so wichtig ist der öffentliche Verkehr.

Vorarlberg ist hier privilegiert, aber wenn man an eine Familie mit geringem Einkommen im Mostviertel denkt, heißt das für sie, dass sie sich das Auto nicht mehr leisten können.
Zadra
: Ich kenne die Verbindungen im Mostviertel zu wenig, aber ich kann meinem Amtskollegen in Niederösterreich nur empfehlen, massiv in den öffentlichen Verkehr zu investieren. Wenn ein Angebot da ist, wird es auch angenommen. Vorarlberg hat das zweitbeste ÖPNV-Netz nach Wien, aber auch wir haben in den Seitentälern noch Verbesserungsbedarf. In jeder Gemeinde sollte einmal in der Stunde ein Bus kommen. Dann gibt es auch Umstiegsmöglichkeiten für eine Familie, die sich das Auto nicht leisten kann.

Gibt es im öffentlichen Verkehr nicht auch Kapazitätsgrenzen?
Zadra:
Wir bekommen zusätzliche Elektrobusse, aber wir sind mit einem Fachkräftemangel konfrontiert und suchen dringend Buslenkerinnen und -lenker. Auch neue Züge sind bekanntlich schon länger ein Thema. Die Nachbeschaffung von Zügen hat lange Vorlaufzeiten inklusive unerwarteter Herstellerprobleme und die Schieneninfrastruktur hat Nachholbedarf.

Wie stehen die Chancen, dass der Talent-Ersatz, der Siemens Desiro, noch heuer kommt?
Zadra:
Die Chancen stehen gut. Ich bin diesbezüglich regelmäßig in Kontakt mit den ÖBB, die der Besteller sind. Derzeit stehen die Zeichen gut, dass wir die ersten Garnituren noch heuer in Betrieb nehmen können und die weiteren dann sukzessive in den folgenden Monaten geliefert werden.

Zur Person: Daniel Zadra

Der 37-jährige Jurist und Politikwissenschafter ist seit März Landesrat. Zu seinen Zuständigkeiten gehören die Themen Energie, Umwelt, Klimaschutz, öffentlicher Verkehr, Radwege, Eisenbahninfrastruktur, Abfallwirtschaft, Informatik, Maschinenbau und Elektrotechnik. Zuvor war Zadra seit 2014 Landtagsabgeordneter und seit 2019 Klubobmann. Zusammen mit Eva Hammerer ist er seit 2021 Landessprecher der Grünen.

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