Österreich

Warum es Strombörsen gibt und wer dort handelt

05.09.2022 • 17:51 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
EEX in Leipzig: Hier entstehen die Strompreise
EEX in Leipzig: Hier entstehen die Strompreise EEX/Torsten Pross

Causa Wien Energie brachte Strombörsen mancherorts in Verruf.

Seit mehr als 20 Jahren ist die Zeit behördlich festgelegter Stromtarife in Österreich vorbei. Auf Basis einer EU-Richtlinie wandelten sich Abnehmer von regionalen Monopolisten zu Kundinnen und Kunden, die heute auf eine Vielzahl an möglichen Energielieferanten zurückgreifen können. Netz, Erzeugung und Vertrieb wurden rechtlich, organisatorisch und buchhalterisch entflochten.

Einher ging mit der vollständigen Liberalisierung des österreichischen Strommarktes im Oktober 2001 auch das Entstehen einer entsprechenden Infrastruktur für den Stromhandel. In Österreich nahm 2002 die Energy Exchange Austria (EXAA) als elektronischer Marktplatz die Arbeit auf. Heute seien vor allem zwei Börsen für heimische Unternehmen relevant, heißt es auf Nachfrage bei Österreichs Energie, dem größten Interessensvertreter der Versorger. Neben der EXAA sei das vor allem die EEX mit Sitz in Leipzig.

Welche Aufgaben erfüllen die Börsen im Geschäft mit Energie?

Versorger, die nicht ausreichend Mengen selbst produzieren, müssen am Markt zukaufen. Nur so können sie ihren Lieferverpflichtungen nachkommen. In Österreich zähle der Börsenhandel zum “A und O der Energiewirtschaft”, heißt es vonseiten eines großen Versorgers. Mit der Einschränkung: “Es braucht hochqualifiziertes Personal, um dort aktiv sein zu können. Und eine entsprechende Kapitalausstattung.”

Umtriebig sind an den Börsen selbst nicht nur Energieerzeuger, sondern auch Industrieunternehmen sowie Händler und Banken. An der EEX etwa werden Produkte für Strom, Erdgas und Emissionsrechte sowie auch Fracht- und Agrarprodukte auf Großhandelsebene gehandelt.

Welche Marktsegmente werden unterschieden?

Primär wird zwischen “Spotmarkt” (im Falle der EEX nennt sich dieser EPEX Spot) und “Terminmarkt” unterschieden. Ersterer ist kurzfristig ausgerichtet, die Versorger können ihre Stromlieferung rasch optimieren. Einerseits werden überschüssige Mengen verkauft, andererseits soll eine Unterversorgung dadurch verhindert werden. “Am Strommarkt müssen sich Angebot und Nachfrage jede Sekunde die Waage halten”, heißt es dazu von Österreichs Energie. Klaffen die beiden Parameter auseinander, drohen Stromausfälle.

Die EPEX organisiert eine tägliche Auktion, “in der Strommengen für jede Stunde des Folgetages gehandelt und am nächsten Tag physisch geliefert werden”, wie es vom Betreiber heißt. Das ist der sogenannte “Day-Ahead”-Markt. Am “Intraday”-Markt ist es sogar möglich, Strommengen für die Lieferung am aktuellen Tag zu bekommen – bis zu fünf Minuten vor Lieferung. Dementsprechend beweglich sind die Preise in diesem Bereich.

Am “Terminmarkt” sichern sich die Marktteilnehmenden für gewöhnlich gegen derlei Preisänderungsrisiken ab. Für mehrere Tage im Voraus, einige Wochen und Monate oder sogar ganze Quartale oder Jahre. Am EEX-Terminmarkt ist aktuell ein Handel bis zu zehn Jahre im Voraus möglich.

Wie funktioniert der Handel und wie entsteht der Preis?

Gehandelt wird vollelektronisch und anonym. Unterschieden wird zwischen zwei Handelsformen. In einer Auktion werden alle Gebote zu einem festgelegten Zeitpunkt zu Geschäften zusammengeführt. Preis und Volumina ergeben sich daraus. Hier kommt das zurzeit besonders heiß diskutierte Prinzip “Merit Order” zum Tragen. Und zwar auf der Angebotsseite. Dort bestimmen den Preis die Grenzkosten des teuersten Kraftwerks, das benötigt wird, um die angefragte Menge zu produzieren. Illustriert anhand eines beliebten Beispiels: Kunden melden an der Börse eine Nachfrage von 100 Gigawatt ein. Weil dieser Bedarf mit der Erzeugung günstiger erneuerbarer Energie nicht vollends gedeckt werden kann, braucht es auf Angebotsseite Gaskraftwerke mit einem (fiktiven) Grenzkostenpreis von 500 Euro je Megawattstunde. Die Folge: Jeglicher Strom, der an der EPEX für den Folgetag versteigert wird, kostet 500 Euro. Egal ob er aus einem Wasserkraftwerk oder einem Gaskraftwerk kommt.

Beim kontinuierlichen Handel am Terminmarkt erfolgt die Preisbildung fortlaufend. Oder, wie es vonseiten der EEX heißt: “Die Geschäfte werden gegeneinander ausgeführt, sobald sich Angebot und Nachfrage treffen”.

Welche Faktoren beeinflussen die Preise?

Den kurzfristigen Handel können das Wetter, Kraftwerkskosten oder die Verfügbarkeit von Kraftwerken, Netz- und Leitungskapazitäten beeinflussen. Die Preisentwicklung im langfristigen Handel wird wiederum direkt von den Preisen am Spotmarkt, den Entwicklungen auf anderen Märkten (z.B. Öl oder Gas) oder sich verändernden politischen Rahmenbedingungen beeinflusst.

Wann fallen Sicherheitszahlungen an?

Seit dem öffentlich gewordenen Liquiditätsbedarf der Wien Energie stehen Sicherheitszahlungen im Fokus. Sie müssen von Börsenteilnehmern hinterlegt werden, um Ausfallsrisiken zu minimieren. Bei besonders beweglichen Börsenpreisen pendeln auch die zu hinterlegenden Sicherheiten enorm.

Welche Kritik wird an den Börsen geäußert?

Speziell in Zeiten stark steigender Strompreise wurde in der Vergangenheit immer wieder Kritik an den Börsen laut. Der zentrale Vorwurf war stets, dass die Preisbildung intransparent verlaufe und die EEX Möglichkeiten für Großverbraucher zulasse, sich abzustimmen. Jetzt werden die Stimmen lauter, die ein Ende des Grenzkostenprinzips in der Preisbildung fordern. Sprich, aktuell eine Entkoppelung vom Strompreis und den Produktionskosten eines Gaskraftwerks.

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