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„Es stimmt nicht, dass es mehr Suizide gab“

09.09.2022 • 17:00 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen gab es 2021 keinen Anstieg an Suiziden.<br><span class="copyright">Symbobild shutterstock</span>
Bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen gab es 2021 keinen Anstieg an Suiziden.
Symbobild shutterstock

Die Suizid-Zahlen von 2021 bleiben stabil auf einem niedrigen Niveau. Auswirkungen der Krisen könnten sich erst später bemerkbar machen.

Heute ist Suizidpräventionstag. Wie üblich hat der Arbeitskreis für Vorsorge- und Sozialmedizin (aks) einen Tag zuvor den Suizidbericht des vergangenen Jahres präsentiert. Seit 35 Jahren wird dieser Bericht mittlerweile der Öffentlichkeit vorgestellt, wie Harald Schlocker, Präsident des aks-Vereins, betonte.
Primar Albert Lingg, Autor des Suizidberichtes, stellte vorweg etwas klar: „Gerade in Zeiten allgegenwärtiger Krisen ist es wichtig, einen Faktencheck zu machen. Im Februar 2021 ging das Gerücht um, es hätten sich in den ersten beiden Monaten des Jahres 2021 bereits so viele Menschen das Leben genommen wie im gesamten Jahr zuvor. Das stimmte nicht.“ Tatsächlich war die Suizidrate 2021 sogar etwas niedriger als 2020.

Pressekonferenz für die Präsentation des Suizidberichts: Oliver Rohrer, Isabel Bitriol-Dittrich, Albert Lingg und Harald Schlocker. <span class="copyright">neue</span>
Pressekonferenz für die Präsentation des Suizidberichts: Oliver Rohrer, Isabel Bitriol-Dittrich, Albert Lingg und Harald Schlocker. neue


Für das vergangene Jahr weist die Statistik Austria für Vorarlberg 41 und für ganz Österreich 1099 Suizide aus. Mitte der 1980er-Jahre gab es einen Höchststand an Selbsttötungen: 1986 wurden national 2139 Suizide registriert. Zu beachten ist dabei, dass die Bevölkerung seither stark gewachsen ist. Mit den heurigen Zahlen liege Vorarlberg unter dem Österreich-Schnitt, im Vergleich mit den vergangenen Jahren seien die Zahlen stabil, sagte Isabel Bitriol-Dittrich, Autorin des Suizidberichtes.
Österreichweit haben sich im vergangenen Jahr vier Mal mehr Männer als Frauen das Leben genommen. Die Gründe dafür sind die stärkere Neigung zu impulsivem Verhalten, stärkere Betroffenheit von Suchtkrankheiten und die weniger ausgeprägte Bereitschaft, bei Krankheit und Krisen Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Mehr ältere Menschen

In Vorarlberg war 2021 die Altersgruppe zwischen 55 und 64 Jahren am häufigsten von Suizid betroffen, gefolgt von den über 75-Jährigen. Auch österreichweit zeigte sich eine Zunahme von Suizid in zunehmendem Alter. Dabei spielen Beweggründe, anderen Menschen nicht zur Last fallen zu wollen, eine Rolle. Bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen war 2021 kein Anstieg zu verzeichnen. Das wurde von den Studienautoren als sehr positiv bezeichnet – gerade auch vor dem Hintergrund, dass laut Umfragen unter Jugendlichen eine teils eklatante Zunahme von Depressionen, Angststörungen und Suizidgedanken durch die Coronakrise erfolgt sei. Es wäre aber falsch, diesbezüglich vorschnell zu entwarnen: Die Beratungs- und Behandlungsstellen seien zurzeit sehr gefordert, so die Autoren des Suizidberichtes.

Hilfsangebote

Telefonseelsorge Vorarlberg: Telefonnummer 142

Rat auf Draht, Notrufnummer für Kinder und Jugendliche: Telefonnummer 147

Die beiden Angebote sind anonym und kostenlos.

Website „bittelebe“: www.bittelebe.at

In akuten Notfällen hilft zudem die Kinder- und Jugendpsychiatrie unter Telefonnummer 05522/403.

Zum Thema Krise und Suizid erläuterte Primar Lingg: „Es ist von früheren Krisen bekannt, dass sie sich erst zeitverzögert in einer höheren Suizidrate niederschlagen und sich die Zahlen danach wieder einpendeln. Das muss man jetzt im Auge behalten. Wichtig ist zudem, die Menschen für das Thema Suizid zu sensibilisieren.“
Bei 45 Prozent der Menschen, die sich das Leben nehmen, ist eine psychiatrische Vorerkrankung bekannt. Früher sei dieser Prozentsatz viel höher gewesen, so Lingg. „Das ist ein Hinweis, dass die psychische Versorgung verbessert wurde. Heute kommt es öfter vor, dass der Suizid eine Kurzschlusshandlung ist.“ Deshalb sei es umso wichtiger, den Suizidbericht zu machen und die Öffentlichkeit zu informieren, wo Betroffene und deren Umfeld sich Rat und Unterstützung holen können. So gibt es seit kurzem ein neues Angebot, das Seminar „Erste Hilfe für die Seele“.

erste hilfe für die seele

Wenn jemand auf der Straße umfällt, wird die Rettung gerufen. Doch was tun, wenn jemand neben einem weint, apathisch oder verzweifelt wirkt? Was kann gemacht werden, wenn die Seele akut in Not ist? Im wissenschaftlich fundierten Seminar „Erste Hilfe für die Seele“ wird gezeigt, wie bei psychischen Problemen Erste Hilfe geleistet werden kann. Zudem erhalten die Teilnehmenden Grundwissen über psychische Störungen.

Das nächste Online-Seminar findet statt am 9., 16., 23. und 30. November, jeweils von 16.30 bis 20 Uhr. Die Teilnahme kostet 170 Euro.

Eine Anmeldung ist bis 15. Oktober nötig bei Ines Schönlieb-Stalzer, ines.stalzer@pszvo.at.

Weitere Infos gibt es unter

www.erstehilfefuerdieseele.at