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„Warum schlagen Männer ihre Frauen so lange?“

17.09.2022 • 22:20 Uhr / 10 Minuten Lesezeit
Dieses Brett zeigt die Situation in einem Gerichtssaal. Damit werden Frauen auf den Prozess vorbereitet. <span class="copyright">Hartinger</span>
Dieses Brett zeigt die Situation in einem Gerichtssaal. Damit werden Frauen auf den Prozess vorbereitet. Hartinger

Für viele Frauen ist es sehr schwierig, eine ­Beziehung zu beenden, in der der Mann gewalttätig ist.

Am vergangenen Mittwoch geschah im benachbarten Rorschacherberg in der Schweiz ein Femizid (Mord an einer Frau) und vorgestern in Graz der vermutlich 26. Femizid dieses Jahres in Österreich: Ein Pensionist erschoss seine Frau. Der 25. Femizid liegt nicht einmal drei Wochen zurück, er passierte in Bludenz. Der mutmaßliche Täter war der Ehemann der 32-jährigen Frau. Sie lebte von ihm getrennt. Der Femizid in Bludenz ist in zweifacher Weise typisch für Gewalt gegen Frauen: Gewalt wird meist nicht im dunklen Straßeneck durch einen Unbekannten verübt, sondern vor allem durch Männer aus dem allernächsten Umfeld. Die gefährlichste Zeit für Frauen in einer Gewaltbeziehung ist die Phase der Trennung. Doch auch danach hört der Täter oft nicht auf: Bei fast 50 Prozent der Beratungen der Ifs-Gewaltschutzstelle geht es um die Ex-Partner.

Ulrike und Nikola Furtenbach.<span class="copyright">Hartinger </span>
Ulrike und Nikola Furtenbach.Hartinger

Ulrike und Nikola Furtenbach sind nicht nur Mutter und Tochter, sondern sie arbeiten auch im selben Berufsfeld: Die Mutter, Ulrike Furtenbach, ist Leiterin der Ifs-Gewaltschutzstelle und der Ifs-Frauenberatungsstelle bei sexueller Gewalt. Tochter Nikola ist Leiterin des Projektes „StoP – Stadtteile ohne Partnergewalt“, das es in Bregenz und Hohenems gibt. Es bietet einen niederschwelligen Zugang für Frauen, die von Gewalt betroffen sind, es richtet sich aber auch an Täter und das Umfeld von Opfern.
Ulrike und Nikola Furtenbach haben von Nicht-Betroffenen oft gehört: „Wenn mich mein Mann schlagen würde, wäre ich sofort weg“. Weshalb Opfer in Gewaltbeziehungen bleiben, stößt auf Unverständnis. „Dabei müsste die Frage eigentlich lauten: Weshalb schlagen und misshandeln Männer so lange?“, sagt Ulrike Furtenbach. Werde die Frau gefragt, weshalb sie die Beziehung nicht beende, komme sie in Erklärungsnotstand. „Dem Menschen hingegen, der die Gewalt ausübt und der der Einzige ist, der sie verhindern kann, wird die Frage nicht gestellt.“

Ein enormer Kraftakt

Aus einer Gewaltbeziehung auszubrechen, ist schwierig. Yvonne Widler, Autorin des soeben erschienen Buches „Heimat bist du toter Töchter“, schreibt, das Beenden einer solchen Beziehung sei ein enormer Kraftakt. Einer der Gründe, wieso es so schwer ist, lässt sich daran erkennen, dass – wie oben erwähnt – 50 Prozent der Beratungen beim Ifs Ex-Partner betreffen: „Die Frauen wissen, dass die Gewalt nicht sofort mit dem Ende der Beziehung aufhört. Sie kennen ihre Männer und haben Angst“, erklärt Nikola Furtenbach.
Ansonsten gebe es „ein großes Bündel“ an Gründen, weshalb die Frauen in den Partnerschaften bleiben, sagt Ulrike Furtenbach. Es können finanzielle Abhängigkeiten sein oder das Festhalten am Wunschbild vom gemeinsamen Haus und der Familie mit den gemeinsamen Kindern. Zudem: „Viele hegen die Hoffnung, es wird wieder gut“, sagt Ulrike Furtenbach. Ihre Tochter ergänzt: „Schließlich war es einmal gut.“

Es gibt Hilfe für die Opfer, aber auch für die Täter. <span class="copyright">Hartinger</span>
Es gibt Hilfe für die Opfer, aber auch für die Täter. Hartinger

Auch wenn es für Außenstehende schwer zu verstehen ist, ein gewalttätiger Mann kann trotzdem ein liebevoller Vater und manchmal ein ebensolcher Ehemann sein, so die beiden Ifs-Beraterinnen. Sigrun Roßma­nith, Psychiaterin und Gutachterin in Wien, erklärt im Buch „Heimat bist du toter Töchter“ ebenfalls: Einige Frauen bräuchten diesen Mann, weil er ein guter Mann sei, wenn er sie nicht schlage. „Hier entstehen aus psychologischer Sicht Abhängigkeiten, die man von außen nicht sehen und nicht verstehen kann“, sagt die Psychiaterin.
Ein weiterer Aspekt, in der Beziehung zu bleiben, ist: Manche Frauen suchen die Schuld bei sich. Sie denken, sie hätten den Mann provoziert, und wenn sie sich anders verhielten, würde auch er sein Verhalten ändern und die Gewalt stoppen. Dabei ist nur eine Person für die Gewalt verantwortlich: der Täter.
Ihm sollte von wissenschaftlicher Seite und aus präventiven Gründen mehr Aufmerksamkeit gewidmet werden, sagte Psychiater Reinhard Haller unlängst in einem ORF-Vorarlberg-Interview. „Nicht, um Verständnis zu erzeugen, sondern um zu erfassen: Was geht in den Tätern vor? Wie kommen wir an sie heran?“, so Haller. Die beiden Expertinnen des Ifs sehen das genauso. Denn: „Es gibt kein Opfer ohne Täter“, erklärt Ulrike Furtenbach.

Mit Verhalten umgehen

Damit es zu keiner Gewalt kommt, müssten die Männer den Umgang mit ihrem Gewaltverhalten lernen. Erreicht werden Gewalttäter dadurch, dass bei Betretungsverboten nunmehr eine Verpflichtung für die Männer besteht, sechs Stunden in einer Beratungsstelle für Gewaltprävention zu absolvieren. „Viele gehen nach den sechs Stunden weiterhin in die Beratung“, berichtet Ulrike Furtenbach. Zudem gibt es auch Männer, die von vornherein freiwillig zur Beratung kommen.

Ifs-Zahlen

• Jede fünfte Frau erlebt ab ihrem 15. Lebensjahr physische und/oder sexuelle Gewalt. Die Täter sind aus dem nächsten Umfeld.

• Zwei Drittel der Frauen melden die Vorfälle nicht der Polizei oder Opferschutzeinrichtungen.

• In Österreich werden durchschnittlich drei Frauen pro Monat von einem Mann ermordet.

• Im Jahr 2021 wurden in Vorarlberg durch die Polizei 475 Betretungs- und Annäherungsverbote ausgesprochen.

• Die Ifs-Gewaltschutzstelle berät pro Jahr circa 800 Frauen.

• Auch Männer sind von Gewalt in der Beziehung betroffen, und es gibt auch Betretungsverbote gegen Frauen. Zum allergrößten Teil sind aber Frauen von Gewalt betroffen.

Was das Umfeld einer Betroffenen tun kann

Eines der Ziele des neuen Projektes „StoP – Stadtteile ohne Partnergewalt“ ist, das Umfeld von betroffenen Frauen zu sensibilisieren und ihm – seien es Nachbarn oder Vereinskollegen – Beratung anzubieten, wie die Betroffenen unterstützt werden können.
Wie aber kann jemand von außen erkennen, dass einer Frau Gewalt angetan wird? Ifs-Expertin Ulrike Furtenbach: „Manche Nachbarn hören den Lärm. In einem Verein kann es jemandem auffallen, dass eine Frau plötzlich immer nach der Probe vom Mann abgeholt wird oder dass sie nie mehr mit einkehren geht. Manchmal sehen Nachbarn oder Freunde aber auch, wie der Mann die Frau behandelt.“

Eine Presskonferenz von "StoP - Stadtteile ohne Partnergewalt" Ende August. Seither sind  mutmaßlich zwei weitere Femizide in Österreich passiert.<span class="copyright"> Hartinger</span>
Eine Presskonferenz von "StoP - Stadtteile ohne Partnergewalt" Ende August. Seither sind mutmaßlich zwei weitere Femizide in Österreich passiert. Hartinger

Zu Letzterem führt Ulrike Furtenbach ein Beispiel an: Wenn ein Paar mit einer Freundin im Restaurant isst und der Freundin auffällt, dass er seine Partnerin in der Öffentlichkeit demütigt oder beschimpft. Gewalt fängt nämlich oft mit psychischer Gewalt an beziehungsweise üben viele Täter psychische und körperliche Gewalt aus. In solch einem Fall wie im Restaurant könnte die Freundin den Mann direkt darauf ansprechen und sagen: „Ich finde dein Verhalten nicht in Ordnung“. Oder die Freundin spricht zu einem anderen Zeitpunkt, wenn der Mann nicht dabei ist, mit der Frau. „Mich irritiert, wie dein Mann mit dir redet. Wie geht es dir dabei?“, könnte sie sagen und zudem ihre Unterstützung anbieten. Sagt die Freundin jedoch zur Betroffenen: „Warum lässt du dir das gefallen?“, ist das wie ein Vorwurf, und die Frau hat die nächste Person um sich, der sie sich erklären muss.

Nicht auszuhalten

Wenn jemand eine Betroffene auf das Thema anspricht, merke die Frau, dass sie ernst genommen wird und dass sie nicht alleine ist. Das sei sehr wichtig, so Ulrike und Nikola Furtenbach vom Ifs. Man müsse es allerdings auch aushalten, wenn die betroffene Frau weiterhin in der Gewaltbeziehung bleibt. „Es gibt Freundinnen, die das nicht aushalten und den Kontakt abbrechen. Das ist verständlich, aber es isoliert die Frau. Diese Freundin hätte ihr in dem Moment helfen können, wenn sie sich trennen will“, so Nikola Furtenbach.
Wer in seinem Umfeld bemerkt oder den Verdacht hat, dass eine Frau Gewalt erlebt, kann sich in der Ifs-Gewaltschutzstelle (Kontakt unten) beraten lassen, wie er oder sie mit dieser Frau umgehen soll.

Wo es Hilfe und unterstützung gibt

• Polizei unter der Nummer 133 anrufen. Sie ist verpflichtet, bei Gewalt in der Familie den Täter aus der Wohnung wegzuweisen.

• Frauenhelpline unter der Nummer 0800 222555. Sie ist rund um die Uhr zu erreichen und kostenlos.

• Ifs-Gewaltschutzstelle und

Ifs-Prozessbegleitung für Erwachsene: Telefon 051755-535

• Ifs-Gewaltberatung (für Täter): Telefon: 051755-515

• Ifs-Frauenberatungsstelle bei sexueller Gewalt: Telefon 051755-536

• Ifs-Frauennotwohnung: Telefon 051755-577 (rund um die Uhr)

• „StoP“ Bregenz und Hohenems: Telefon 05 1755-535

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