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„Man ist nicht nur Flüchtling“

24.09.2022 • 13:00 Uhr / 8 Minuten Lesezeit
Die Kinder im Flüchtlingslager. Zorianna Hyworon ist das Baby, das getragen wird. <span class="copyright">privat</span>
Die Kinder im Flüchtlingslager. Zorianna Hyworon ist das Baby, das getragen wird. privat

Zorianna Hyworon kam als ukrainischer Flüchtling zur Welt und lebte im Flüchtlingslager Vorkloster in Bregenz.

Zorianna Hyworon, 76 Jahre alt, war eine der ersten Frauen in Kanada, die in der IT-Branche arbeitete. Erst im vergangenen Jahr beendete sie ihre Arbeit in ihrem Unternehmen, das sie gegründet und 37 Jahre lang geführt hat. Jetzt pendelt sie zwischen Kanada, ihrem Wohnsitz, und Italien, sie hat Kontakt mit Menschen aus den USA, Australien und Frankreich. Zorianna Hyworon ist tatkräftig und selbstbewusst. Sie ist aber auch sensibel und verletzlich: Als sie in der Redaktion der NEUE am Sonntag erzählt, warum ihre Mutter keine Ohrringe mehr hatte – sie verkaufte sie in der Ukraine, um Geld für Essen zu bekommen –, ist sie sichtlich berührt. Zorianna Hyworo ist beziehungsweise war nämlich nicht nur Vorreiterin, Unternehmerin, Netzwerkerin, Mutter und Großmutter, sondern auch ein ukrainisches Flüchtlingskind, geboren 1945 in Wien und die ersten vier Lebensjahre im Flüchtlingslager Vorkloster in Bregenz lebend.

Zorianna Hyworon in der Redaktion. Ihre Kette stammt aus Lviv. <span class="copyright">Hartinger</span>
Zorianna Hyworon in der Redaktion. Ihre Kette stammt aus Lviv. Hartinger

Zorianna Hyworon möchte eine Ausstellung über dieses Flüchtlingslager machen. Dabei will sie vor allem die Geschichten der Flüchtlinge erzählen; und zwar nicht nur die Geschichte der Flucht und des Lebens im Lager, sondern: „Man sieht diese Menschen als Flüchtlinge, doch sie waren vor der Flucht und sind auch irgendwann danach normale Menschen. Egal, woher sie kommen. Ich will diese Menschen nicht nur zu dem Zeitpunkt zeigen, als sie am verwundbarsten waren.“

Arbeitslager in Sibirien

Die Fluchtgeschichte von Zorianna Hyworons Eltern – und damit auch ihre eigene – begann 1944. Die Eltern lebten in der West­ukraine, heirateten im Juni 1944 und flüchteten einen Monat später vor den Sowjets nach Wien. Zorianna Hyworon wurde etwa ein Jahr darauf in eine Welt geboren, die gefährlich für sie war: Es war November 1945, und für Stalin waren alle Ukrainer, die vor den Sowjets geflüchtet waren, Verräter. Wenn seine Soldaten sie in Österreich fassten, drohte ihnen das Arbeitslager in Sibirien. Die Furcht derjenigen, die im sowjetisch besetzten Wien lebten, war besonders groß.


Zorianna Hyworons Familie beschloss, in den Westen zu flüchten. Die Familie bestand aus den Eltern, dem Säugling Zorianna und dessen Taufpatin. Papiere hatten sie aber nur für eine Frau, einen Mann und ein Kind über einen Bekannten erhalten. Deshalb musste das Baby herhalten, wenn ein Kontrolleur den Weg kreuzte: Die Frau, die das Kind trug, zwickte es, sodass es schrie. Mit dem Geschrei lenkte es den Kontrolleur ab, und schließlich gelangte die Familie Anfang 1946 nach Bregenz

Pfadfinder im Flüchtlingslager Vorkloster. <span class="copyright">Bregenz</span>
Pfadfinder im Flüchtlingslager Vorkloster. Bregenz

Das Flüchtlingslager im Vorkloster war in der Nähe des Friedhofs Mariahilf. Es bestand aus sieben Baracken, in denen circa 700 Menschen lebten. Soweit Zorianna Hyworon weiß, waren alle Menschen dort Ukrainer. Die Baracken gab es schon während des Zweiten Weltkrieges: Damals waren es Reichsarbeitsdienst-Baracken, wie Historiker Wolfgang Weber erklärt, der Zorianna Hyworon kennt und sie beim Besuch bei der NEUE am Sonntag begleitet. Er berichtet auch, dass das Flüchtlingslager von der International Refugee Organization, betrieben wurde. Mitfinanziert wurde es vom Land Vorarlberg und der französischen Militärregierung.

Halbwegs normales Leben

Zorianna Hyworon erzählt, dass das Lager zwar von einem Zaun umschlossen war – „Der Zaun war höher als ich“, berichtet
sie –, doch die Flüchtlinge konnten aus- und eingehen, wie es ihnen beliebte. Die heute 76-Jährige hat nicht allzu viele Erinnerungen an das Leben im Lager. Sie weiß aber noch, dass dort – genauso wie außerhalb des Zaunes – Fasching gefeiert wurde, dass es Konzerte und Pfadfindergruppen gab. Auch Flüchtlinge können ein halbwegs normales Leben führen.


Woran sich Zorianna Hyworon noch erinnert: Die Flüchtlinge in Bregenz hatten ebenfalls Angst vor den Russen. Die Kinder wurden angehalten, nicht mit Fremden zu reden, denn es könnte ja ein Sowjet sein. Es gab in Vorarlberg, obwohl es unter französischer Militärregierung stand, zumindest einen Fall, wo ein Ukrainer von Russen aufgespürt und in ein Arbeitslager verschickt wurde: In Doren verschleppten die Russen einen Ukrainer, der in einem Bauernhaus lebte, nach Sibirien, so His­toriker Weber.

Historiker Wolfgang Weber und Zorianna Hyworon. <span class="copyright">Hartinger</span>
Historiker Wolfgang Weber und Zorianna Hyworon. Hartinger


Bregenz war für die Familie Hyworon – wie für die anderen auch – nur ein Übergangsort. Das Ziel von vielen war Nord­amerika, Australien oder Argentinien. Da die Hyworons Verwandte in Kanada hatten, beschlossen sie, dorthin auszuwandern. Im Dezember 1949 verließen sie das Flüchtlingslager Vorkloster – 1950 wurde es übrigens geschlossen – und reisten über Bremerhaven nach Kanada. Am 24. Dezember kam die Familie in Halifax an, wo sie von der Heilsarmee versorgt wurde. Als die Verwandten der ukrainischen Flüchtlingsfamilie die kleine Zorianna schließlich sahen, glaubten sie, das Kind werde nicht überleben – so dünn war es.


Diese Befürchtungen bewahrheiteten sich glücklicherweise nicht. Mit 20 Jahren – also Mitte der 1960er-Jahre – begann Zorianna Hyworon in der kanadischen Stadt Winnipeg, im Bereich der IT zu arbeiten. Unter anderem sollte sie stellvertretende Leiterin der Technologieabteilung der dortigen Landesregierung werden. Da sie als Frau aber schlechter bezahlt wurde, startete sie ihr eigenes Unternehmen.

Etwas zurückgeben

Zorianna Hyworon war 1970 das erste Mal in der Ukraine, das zweite Mal 2001. Da ihr Sohn ab letzterem Zeitpunkt dort lebte, besuchte sie ihn und die Heimat ihrer Eltern fortan zwei Mal pro Jahr. Die Coronapandemie beendete die Besuchstätigkeit, und mittlerweile wohnt der Sohn in Italien. Dass in der Ukraine wieder Krieg herrscht und viele Menschen flüchten, schmerzt Zorianna Hyworon. Sie engagiert sich – nicht erst seit Kriegsausbruch, aber jetzt verstärkt – für die Ukraine-Hilfe. „Ich hatte Glück, dass mir geholfen wurde. Das möchte ich zurückgeben.“


Einige Kinder von damals, die auch im Flüchtlingslager Vorkloster gelebt haben, sind noch am Leben. Die ehemalige Unternehmerin hat mit ihnen, die in der ganzen westlichen Welt verstreut sind, Kontakt und sammelt Fotos, Tagebücher und Geschichten für die Ausstellung. Die Familien hätten alle gute Erinnerungen an Bregenz, erklärt Zorianna Hyworon. Die Ausstellung soll zuerst in Bregenz stattfinden, dann vielleicht als Wanderausstellung weitergehen und schließlich gewiss online zugänglich sein. „Mit der Ausstellung möchte ich mich bei Bregenz bedanken, dass ich vier Jahr dort leben durfte“, sagt das ehemalige Flüchtlingskind.

Zorianna Hyworon sagt: Ein Mensch ist nicht nur Flüchtling, sondern hatte vor und hoffentlich irgendwann nach seiner Flucht ein normales Leben. <span class="copyright">Hartinger</span>
Zorianna Hyworon sagt: Ein Mensch ist nicht nur Flüchtling, sondern hatte vor und hoffentlich irgendwann nach seiner Flucht ein normales Leben. Hartinger

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