Wirtschaft

Erbitterter Streit ums Supermarktregal

13.10.2022 • 19:37 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Erbitterter Streit ums Supermarktregal

Die Preisverhandlungen zwischen Nahrungsmittelproduzenten und Supermärkten eskalieren.

Die Jahresgespräche zwischen Lebensmittelproduzenten und dem Handel, der in Österreich zu 90 Prozent von nur vier Konzernen (Rewe, Spar, Hofer, Lidl) beherrscht wird, sind Verhandlungspokerrunden, von denen so gut wie nichts an die Öffentlichkeit dringt. Es geht nicht nur um Preise, es geht um Rabattaktionen und -pickerln, Platzierungen auf Flugblättern, Kundenkarten, Listungsgebühren. Am Ende wundern sich die Konsumenten über zu hohe, die Lieferanten über zu tiefe Preise. Dazwischen der Handel, der als Oligopol das Schwergewicht der Machtverteilung ist.

Mittlerweile klopft die Lebensmittelindustrie alle paar Wochen beim Handel an, um Preiserhöhungen durchzusetzen. Der Handel wiederum will vor den Konsumenten nicht als Sündenbock dastehen: Teure Einkaufskörbe sind politischer Zündstoff.

Im Fall des Lebensmittel-Riesen Mars (mit Welt-Marken wie Balisto, Bounty, M&Ms, Twix, Airwaves, Hubba Bubba, Orbit, Chappi, Kitekat, Sheba, Ebly, Ben’s Reis) wird offenbar, wie sehr die Preissteigerung die Branchen in Widerstreit bringt: Mars Inc., in Österreich vertreten durch Geschäftsführer Kim Smet, hat die Belieferung von Rewe Österreich und Deutschland sowie Edeka in Deutschland eingestellt. Zwar ist noch Lagerware vorhanden, doch da und dort tun sich schon Lücken im Regal auf. Von Mars heißt es zur Kleinen Zeitung: “Wir befinden uns aktuell in Verhandlungen mit einigen unserer Handelspartner, mit dem Ziel, unsere Produkte zu beidseitig fairen Bedingungen anzubieten. Nur so können wir Produkte in einer gewohnt hohen Qualität anbieten. Nach wie vor liegt die Preisgestaltung am Point of Sale in der alleinigen Entscheidungsfreiheit des einzelnen Händlers.”

Erbitterter Streit ums Supermarktregal
Snickers-Sujet aus den 30er JahrenKleine Zeitung

“Wir sehen uns mit einer enormen Welle von Preiserhöhungsforderungen aus der Industrie konfrontiert”, sagt Spar-Sprecherin Nicole Berkmann, wiewohl Spar vom Mars-Lieferstopp nicht betroffen ist. “Die Preise sollen für die Konsumenten leistbar und für unsere Lieferanten lebbar sein. Es ist schwierig.”

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Mars Austria-Geschäftsführer Kim SmetKleine Zeitung

Die Lebensmittelindustrie hat “historisch einmalige Preissteigerungen” zu verdauen. So bezeichnet es Katharina Koßdorff, die als Fachverbandsgeschäftsführerin der Österreichischen Lebens- und Genussmittelindustrie für 200 Unternehmen und ihre 27.000 Beschäftigten spricht – von Darbo bis Wolf Nudeln. Jahresproduktionswert: neun Milliarden Euro.

“Rohstoffe, Verpackung, Logistik und Energie machen 80 Prozent unserer Herstellungskosten aus. All diese Parameter haben sich gleichzeitig enorm verteuert. Aluminium für Verpackungen verteuerte sich 2021 um fast 70 Prozent, Stahl für die Deckel von Verpackungsglas um 80 Prozent, heimischer Rohzucker um 100 Prozent. Die Personalkosten sind da noch nicht mitgerechnet. Die Hersteller gehen damit ohnehin in Vorleistung. Das ist für viele bereits existenzbedrohend”, sagt Koßdorff. Und: “Die Herstellungskosten müssen durch die Einkaufspreise gedeckt werden. Wie sonst?” Ein weiteres Argument der Produzenten: Die Österreicher geben “nur” zehn Prozent ihrer monatlichen Haushaltsausgaben für Nahrungs- und Genussmittel aus. Anderswo sei der Anteil viel höher.

Dazu kommt, dass die Lebensmittelindustrie für Kochen, Backen, Pasteurisieren viel Prozesswärme braucht, also energieintensiv ist. Sie steht nach Stahl-, Chemie- und Papierindustrie an fünfter Stelle der energieintensivsten Branchen. Und sie braucht Gas. “Zwar verwendet die Branche verstärkt alternative Energieträger, sie können aber die benötigten Energiemengen nicht vollständig kompensieren. Und auch nicht alle unsere Maschinen – Backöfen, etwa – können umgerüstet werden. Letztlich ist es so: Kein Gas, keine Lebensmittel”, sagt Koßdorff. “Daher unsere Forderung an den Staat, die Gas-Versorgung von Lebensmittel- und Verpackungsindustrie sicherzustellen.”

Wie geht es weiter? Ein weiterer Preisschub im Lebensmittelhandel ist so gut wie sicher.

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