Österreich

Stimmung in heimischer Industrie trübt sich ein

24.10.2022 • 17:16 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
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Fünftel der Firmen fürchtet, den Personalstand nicht halten zu können.

Auch wenn in den Industriebetrieben der Steiermark derzeit „kräftig in die Hände gespuckt“ wird, täuscht das nicht über den teils düsteren Ausblick in die kommenden Monate hinweg, wie die Zahlen des Konjunkturbarometers der Industriellenvereinigung (IV) zeigen. 410 Unternehmen wurden zur Wirtschaftslage befragt. Verglichen wird wie viele positive und negative Antworten es gibt.

Mit einem Saldo von Plus 1,7 haben die positiven Antworten in der Steiermark einen kleinen Überhang, das sei dennoch kein gutes Signal, erklärt Gernot Pagger, Geschäftsführer der IV Steiermark. „Es werden die Werte der aktuellen und der zukünftigen Lage kombiniert. Und in den vergangenen Monaten profitierte die Industrie noch vom hohen Auftragsstand. Doch der Blick auf das kommende Halbjahr hat sich massiv verschlechtert.“

Rezession droht

In ganz Österreich trübt sich die Stimmung in der heimischen Industrie trübt sich weiter ein. Ein Fünftel der heimischen Industrieunternehmen befürchtet laut dem aktuellen IV-Konjunkturbarometer seinen derzeitigen Beschäftigtenstand in den kommenden drei Monaten nicht halten zu können. Einen Anstieg der Arbeitslosigkeit erwartet die IV aufgrund des Fachkräftemangels allerdings nicht, viel eher könnte es zu einer Fluktuation von Beschäftigten in heimischen Industrieunternehmen kommen.

“Wir gehen davon aus, dass wir im Winterhalbjahr im produzierenden Sektor eine Rezession sehen werden”, sagte der Generalsekretär der Industriellenvereinigung (IV), Christoph Neumayer, am Montag bei einer Pressekonferenz in Wien. Bisher habe der hohe Auftragsbestand heimischer Industriebetriebe stabilisierend gewirkt. Da sich allerdings die Probleme bei Lieferkettenengpässen der letzten Monate nun allmählich entspannen, reduzieren sich auch die Auftragsbestände rasant, so der Generalsekretär. Neumayer zufolge reichen die derzeitigen Bestände allerdings nicht mehr aus, um die Industrie weiter zu stabilisieren. “Wir stehen vor einer schwierigen Phase der österreichischen Industrie in den kommenden Monaten und noch weit in das kommende Jahr hinein”, sagte er.

Nicht mit Vergangenheit vergleichbar

Laut IV-Chefökonom Christian Helmenstein ist das IV-Konjunkturbarometer im dritten Quartal 2022 um 19 Punkte auf minus 2 Punkte gesunken. Von einer “Stagflation”, also einer Stagnation der wirtschaftlichen Entwicklung bei gleichzeitig hoher Inflation, will Helmenstein allerdings nicht sprechen, da eine Stagflation im klassischen Sinne oftmals mit einem sprunghaften Anstieg der Arbeitslosigkeit einhergehe. Obwohl die Inflation derzeit auf einem derart hohem Niveau wie seit 70 Jahren nicht mehr liege, sei die Situation nicht mit früheren Stagflationsphasen vergleichbar. “Dieses Phänomen erwarten wir für diese Rezession nicht”, so der Ökonom.

Trotzdem sind heimische Industrieunternehmen wenig optimistisch. Im aktuellen Konjunkturbarometer sank der Indikator der Geschäftsaussichten für die kommenden sechs Monate im dritten Quartal von minus 22 auf minus 46 Punkte. Jedes zweite österreichische Industrieunternehmen rechnet Helmenstein zufolge mit einer teils erheblichen Verschlechterung. Für einen großen Anteil von Unternehmen seien aufgrund der derzeitigen Situation auch Produktionskürzungen nicht ausgeschlossen. Laut dem Ökonomen sei dies unter anderem für Unternehmen in der Düngemittelwirtschaft, der Tierfutterproduktion oder der Papierindustrie zu befürchten. Die Produktionsreduktion werde sich aber höchstwahrscheinlich nicht durch spektakuläre Insolvenzen, Schließungen oder Marktaustritten manifestieren. Viel eher passiere dies graduell, in dem beispielsweise einzelne Produktionslinien stillgelegt werden, so der Ökonom. Zudem befürchten rund 20 Prozent der Unternehmen, ihren Beschäftigungsstand in den kommenden drei Monaten nicht halten zu können.

“Gleichzeitig wäre ein knappes Fünftel der Unternehmen bereit, ihre Beschäftigungszahlen zu erhöhen, wenn es diese Beschäftigten gäbe” so Helmenstein. Die heimische Industrie kämpft laut IV weiterhin mit einem Fachkräftemangel. “In den kommenden 12 Jahren werden uns rund 540.000 Fachkräfte abgehen, das ist die Einwohnerzahl Salzburgs”, so IV-Generalsekretär Neumayer. “Was wir in den nächsten Monaten erwarten, ist eine sich verstärkende Fluktuation, weg von Unternehmen, die den Beschäftigtenstand nicht zu halten vermögen, hin zu Unternehmen, die noch positivere Marktaussichten haben und die ganz besonders unter dem Fachkräftemangel leiden”, so der IV-Chefökonom.

Keine Massenarbeitslosigkeit

“Wir werden aufgrund des demografischen Wandels und aufgrund der Arbeitskräftenachfrage durch die Digitalisierung, Automatisierung, Robotisierung nicht in die Situation einer Massenarbeitslosigkeit hineingeraten”, gab Helmenstein Entwarnung. Auch Neumayer gab zu bedenken, dass die Nachfrage nach Arbeitskräften gesamtwirtschaftlich weiterhin hoch sei. Ob die tatsächliche Fluktuation von Arbeitskräften in heimischen Industrieunternehmen tatsächlich stattfinde, hänge aber besonders von deren Qualifikationsprofilen ab. Vor diesem Hintergrund lohne es sich aus Sicht des IV-Chefökonomen, das Budget für aktive Arbeitsmarktpolitik zu erhöhen.

Zu ähnlichen Ergebnissen kam eine aktuelle Studie der TU Wien in Kooperation mit der FHWien der WKW, Fraunhofer Austria und EIT Manufacturing East, in der rund 100 Führungspersönlichkeiten österreichischer Industrieunternehmen befragt wurden. Auch sie erwartet einen steigenden Arbeitskräftebedarf. Gleichzeitig würden in Industriebetrieben Themen wie der Einsatz von künstlicher Intelligenz und Algorithmen des maschinellen Lernens immer wichtiger.

“Es wird sich zeigen, ob der durch die COVID-19-Pandemie angestoßene Innovationsschub in Bezug auf technologieunterstütztes Lernen auch nachhaltige Innovationen im Bildungsbereich auslöst, um die Wissensbasis für den weiteren Erfolg der Produktionsarbeit in Österreich zu sichern”, heißt es heute in einer Aussendung der Studienautoren.

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