Politik

Risikotransporte über das Schwarze Meer

31.10.2022 • 18:55 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Kostbares Getreide aus der Ukraine: Transporte wieder in Gefahr
Kostbares Getreide aus der Ukraine: Transporte wieder in Gefahr APA/AFP/TURKISH DEFENCE MINISTRY

Russland steigt nach Drohnenangriff aus Getreideabkommen aus.

Wirklich gefallen hat dem Kreml dieses Abkommen nie. Schon Anfang September schimpfte Wladimir Putin, man habe sein Land hereingelegt, das ukrainische Exportgetreide lande in Wirklichkeit nicht im armen Afrika, sondern im reichen Europa. Im Oktober beschwerte sich der russische UN-Diplomat Gennadi Gatilow über die “unfairen Bedingungen” der Vereinbarung. Dann, nach der Explosion, die im September die Krim-Brücke beschädigte, mutmaßte Putin öffentlich, ein ukrainischer Getreidefrachter könnte den Sprengstoff für den Anschlag aus Odessa herangeschafft haben.

Am Samstag ist Moskau nun tatsächlich aus dem Abkommen ausgestiegen: Weil schwimmende Kampfdrohnen am Samstag russische Kriegsschiffe im Hafen von Sewastopol angegriffen hatten. Nach Angaben des Verteidigungsministeriums kamen die Drohnen vom ukrainischen Ufer durch den Getreidekorridor im Schwarzen Meer und bogen dann Richtung Sewastopol ab. Spezialisten des russischen Militärs vermuten sogar, eine sei von einem Kornfrachter in See gestochen.

Der Angriff galt zwei Fregatten, laut ukrainischen Beobachtern beschädigte er unter anderem die “Admiral Makarow”, das Flaggschiff der russischen Schwarzmeerflotte, schwer. Gemäß den Angaben aus Moskau wurde dagegen nur ein Minensuchboot leicht ramponiert.

Abkommen einseitig verlassen

Das war Anlass genug, um das im Juli ausgehandelte Abkommen mit den UN, der Türkei und der Ukraine einseitig zu verlassen. Es hatte Getreidefrachtern aus ukrainischen Häfen freies Geleit durch das Schwarze Meer gesichert. Sein Ende könnte nach Ansicht internationaler Experten einen Großteil der ukrainischen Ausfuhren in Gefahr bringen, die zu 60 Prozent nach Asien und Afrika gehen. UN-Generalsekretär António Guterres verschob am Sonntag eigens seine Teilnahme an einem Gipfel der arabischen Liga in Algier um einen Tag.

Der Agrarexport der Ukraine drohe bis auf ein Siebtel zu schrumpfen, sagte Dmytro Milow, Chef der ukrainischen Exportfirma Risoil, dem Wirtschaftsportal liga.net. “Der Staatsetat verliert Milliarden Dollar, die nächste Aussaat gerät in Gefahr.” Den Ländern Afrikas und Asiens drohe realer Hunger. An der Warenbörse in Chicago stiegen die Getreidepreise gestern zu Beginn des Handels um 7,7 Prozent.

Die Ukraine exportiert jetzt knapp zwei Drittel ihres Getreides über das Schwarze Meer, die Transportalternativen Donau, Eisen- und Autobahn erfassen laut Fachleuten höchstens drei Millionen Tonnen Getreide im Monat. Ohne Seeweg bräuchte es also über 16 Monate, um die bis November eingebrachte Bruttoernte von 49 Millionen Tonnen außer Landes zu befördern. Der Politologe Wolodymyr Fessenko sagt, man bemühe sich, die Transportkapazitäten über Land zu erweitern. Polen und Frankreich boten gestern Hilfe dabei an.

Weiter Frachter unterwegs

Aber zunächst haben UN, Ukraine und Türkei beschlossen, weiter Frachter durch den Schwarzmeer-Korridor zu schicken. Nach Angaben des ukrainischen Infrastrukturministeriums setzten sich gestern zwölf Schiffe mit 354.500 Tonnen Getreide in Bewegung.

Unklar ist, wie Russland reagieren wird. Kremlsprecher Dmitri Peskow sagte gestern, die Schifffahrt im Korridor werde ohne russische Garantie “riskanter und gefährlicher”. Allerdings besteht wohl noch keine unmittelbare Gefahr, dass russische Kriegsschiffe Getreidefrachter aus der Ukraine aufbringen, laut Peskow kontaktiert der Kreml weiter diplomatisch die Türkei und die UN, es wird verhandelt. Und Radio Kommersant warnt, eine Blockade der ukrainischen Getreideexporte könne Russlands Image in der Dritten Welt schaden. Auch wenn Agrarminister Dmitri Patruschew den “ärmsten Ländern” am Samstag kostenlos 500.000 Tonnen russisches Getreide in Aussicht gestellt hat.

Im Konflikt mit der Ukraine läuft Russlands Ausstieg aus dem Abkommen jedenfalls auf eine neue, wirtschaftliche Eskalation heraus.

Noch lässt sich der Kreml eine Hintertür offen. Vizeaußenminister Andrej Rudenko hatte am Sonntag erklärt, es sei möglich, dass Russland zu der Vereinbarung zurückkehre. Aber das könne man erst nach Abschluss der Untersuchung über den Drohnenangriff auf den Sewastopoler Hafen entscheiden. Es mag lange dauern, bis Moskau die Ergebnisse dieser Untersuchung vorlegen wird.

Kiew und andere Orte schwer unter Beschuss

Währenddessen gingen die Raketenangriffe auf Kiew weiter, weite Teile der Wasserversorgung fielen aus, ebenso der Strom in vielen Stadtteilen.

Bürgermeister Vitali Klitschko berichtete in einer Mitteilung auf Telegram davon, dass 80 Prozent der Verbrauchsstellen betroffen seien. Fachleute bemühten sich, den Schaden möglichst schnell zu beheben. Klitschko stellte in Aussicht, dass in den Stadtteilen östlich des Flusses Dnipro am frühen Nachmittag wieder Wasser fließen werde.

Am westlichen Ufer mit dem Zentrum der Millionenstadt werde dies erst in einigen Teilen möglich sein. Die Angriffe mit mehr als 50 Marschflugkörpern und Raketen hatten nach ukrainischen Angaben auf sieben Gebiete gezielt, darunter Charkiw, Saporischschja und Kirowohrad. 44 der Geschosse konnten demnach abgefangen werden. Unabhängig überprüfen ließen sich die Angaben nicht.

Klitschko riet der Bevölkerung in Kiew, sich notfalls an öffentlichen Zapfsäulen mit Trinkwasser einzudecken. Die Stadtverwaltung veröffentlichte eine Karte dieser Brunnen. Der Ausfall des Wassersystems hing den Angaben nach mit Schäden an der Stromversorgung zusammen. Klitschko schrieb, 350.000 Haushalte seien auch ohne Strom. Für das Gebiet um die Hauptstadt teilte Gouverneur Oleksiy Kuleba mit, die Bevölkerung solle sich für lange Stromausfälle wappnen.

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