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Ohne Strom in die Primera División

03.11.2022 • 16:54 Uhr / 8 Minuten Lesezeit
Er ist der König des Dribblings: Neymar. <span class="copyright">AFP / Poujoulat</span>
Er ist der König des Dribblings: Neymar. AFP / Poujoulat

Heute Luxus im Überfluss, früher Armut und kein Strom zu Hause: Neymar hat sein Leben um 180 Grad gewandelt. Nun ist der 30-Jährige Schlüsselspieler des WM-Favoriten.

Schlagzeilen über Schlagzeilen: „Teurer als ein Privatjet: Fußballer fliegt mit eigenem Helikopter zum Training“, „Rekordwechsel perfekt“ oder „WM 2022 wird wohl seine letzte“. Na? Eine Ahnung vom wem hier die Rede ist? Genau, Neymar da Silva Santos Júnior alias Neymar Jr., Fußballer der brasilianischen Nationalmannschaft und Mann der Superlativen. Aber langsam: Wer steckt wirklich hinter dem Profi-Kicker?

Aus der Armut an die Weltfußball-Spitze

Die Kindheit von Neymar war nicht einfach, so viel steht fest. Seine Familie war so arm, dass sein Vater in drei Jobs gleichzeitig arbeiten musste. Strom war häufig Mangelware – die Stromrechnungen: Schlicht zu teuer. Im Alter von 11 Jahren kam der heutige Star zum FC Santos und begann dort mit dem Fußball spielen. Sein Talent blieb nicht lang unentdeckt und der kleine Junge aus Praia Grande wurde bald zum „Juwel“, seine Trainer betitelten ihn so, des Vereins. Mit 14 Jahren absolvierte er ein Probetraining bei Real Madrid. Der Verein hatte im Anschluss großes Interesse den jungen Kicker in seinen Reihen zu wissen. Neymar aber lehnte ab. Vermutlich, weil er vom FC Santos eine Million Reais (370.300 Euro) erhalten hatte, um zu bleiben. Der FC Santos war übrigens auch kein kleiner Verein. Neymars Vater, ebenfalls Profifußballer, und Legende Pélé kickten in dem Verein. 2009, im Alter von 17 Jahren, feierte der Nachwuchsspieler sein Profidebüt.

Neymar Jr. nach einem seiner ersten Tore für Barça.<span class="copyright"> AP / Morenatti</span>
Neymar Jr. nach einem seiner ersten Tore für Barça. AP / Morenatti

Danach ging alles ganz schnell. 2011 gewann der FC Santos die Copa Libertadores, die Champions League Südamerikas. Neymar trug mit seinem Führungstreffer beim 2:1 Final-Spiel maßgeblich dazu bei und wurde daher als bester Fußballer Südamerikas ausgezeichnet – genau wie im Jahr drauf, 2012. Mit 21 Jahren dann der nächste Schritt: Zur Saison 2013/14 unterschrieb er einen Vertrag beim FC Barcelona. Rund 88 Millionen Euro war der Deal damals schwer. Statt Jubel der Fans, eher Skepsis. Es wurden offenbar Erinnerungen an das brasilianische Talent Robinho wach, der nach seinem Wechsel von Santos zu Real Madrid nie wieder an seine alten Leistungen anknüpfen konnte. Diese Sorgen sollten sich im Falle Neymar jedoch nicht bestätigen. Aus ihm wuchs ein Fußballer mit enormer Qualität und Starpotential, er wurde zum Schlüsselspieler. 2015 holte er mit Barça das Triple: Pokal, Meisterschaft und Champions League.

Teuerster Transfer der Fußball-Geschichte

Er ist erfolgshungrig. Es war also abzusehen, dass der FC Barcelona nicht die letzte Station des Spielers sein würde. 2017 wurde der Profi schließlich zum Mega-Transfer. 222 Millionen Euro musste sein aufnehmender Verein Paris Saint-Germain blechen, um den Spieler in der Reihe seines Star-Kaders zu haben. Er wurde über Nacht zum teuersten Fußballer der Welt. Die Ablösesumme löste postum eine europaweite Diskussion über zu teure Transfers aus. Auch Bayern-Trainer Julian Nagelsmann, damals noch im Amt bei der TSG Hoffenheim, forderte 2017 eine Ablöse-Obergrenze. „Mein Wunsch ist es, dass es irgendwann mal eine Umverteilung gibt. Sprich, man macht eine Obergrenze von einer Million und 221 Millionen gehen an bedürftige Kinder oder Menschen auf der Welt, dann wäre es sinnvoll“, sagte der damals 30-Jährige im Rhein-Neckar-Fernsehen. Eine womöglich sinnvolle Idee, die Forderungen blieben bislang jedoch ohne Erfolg.
Nachdem PSG in der vergangenen Saison aus der Champions League ausgeschieden ist, lief es nicht nur rund für Neymar: Er und Lionel Messi wurden von den Fans ausgepfiffen. Sein Vertrag bei PSG läuft zwar eigentlich noch bis 2025, es werden aber zunehmend Gerüchte lauter, dass er in die USA wechseln könnte.

Neymar bei seiner offiziellen Vorstellung in Paris. <span class="copyright">AFP / Bonaventure</span>
Neymar bei seiner offiziellen Vorstellung in Paris. AFP / Bonaventure

Titel-Anwärter

Ein WM-Sieg fehlt dem 30-Jährigen noch in seiner Trophäen-Sammlung. Im eigenen Land hat es 2014 nicht geklappt. Die Gelb-Grünen wurden im Halbfinale mit 1:7 vom späteren Weltmeister Deutschland nahezu abgeschlachtet. Jetzt, 8 Jahre später, geht das Land als absoluter Topfavorit ins Rennen. Nach 20 Jahren wollen die Brasilianer wieder bei einer WM triumphieren. Neymar selbst bestritt bereits 121 Spiele für sein Heimatland und schoss dabei 75 Tore. Als Zehner ist er der Dreh- und Angelpunkt der Selecao. Er ist bekannt für seine Dribbling-Stärke. Wenn er gut in Form ist, dürfte er der Spieler der Brasilianer sein, auf den die gegnerischen Mannschaften besonders Acht geben sollten. Doch so prominent seine Spielweise auch ist, so viel Kritik erntet er auch. Er gilt oftmals als respektlos seinen Gegnern gegenüber. Bei der Copa América 2015 musste er die letzten Spiele etwa von der Tribüne beobachten, weil er im zweiten Spiel nach einer Tätlichkeit rot sah. Im Gang beleidigte er den Schiedsrichter und wurde infolgedessen für den Rest des Turniers gesperrt. Und auch sonst ist nicht alles Gold, was glänzt: Neymar ist als König der Schwalben bekannt. In großer Theatralik fliegt er durch die Luft, landet auf dem Boden und kugelt sich gerne Runde um Runde über das Spielfeld – ohne, dass überhaupt Köperkontakt mit einem Gegner bestanden hätte. Mit Sicherheit ein Mitgrund, weshalb er noch nie Weltfußballer des Jahres wurde.

Von Engagement und Skandalen

Positive Schlagzeilen liest man über Neymar wegen seiner Spielweise oder seinem sozialen Engagement. Immer wieder spricht er sich gegen Rassismus und Diskriminierung im Sport aus. Vermutlich, weil er selbst schon von solchen Anfeindungen betroffen war. Der Profi-Kicker war Botschafter der Hilfsorganisation Handicap International und setzte sich in diesem Zusammenhang für Menschen mit Behinderung in armen Ländern ein. Wie die Zusammenarbeit genau aussah, ist nicht ersichtlich. Heute führt die Organisation ihn nicht mehr als Botschafter auf. Eine offizielle Beendigung der Zusammenarbeit gibt es aber nicht.

Recherchiert man, trifft man zu Genüge auf negative Schlagzeilen. Jüngst lief ein Korruptionsprozess gegen den Spieler. Dem 30-Jährigen und seinem Mitangeklagten war Betrug und Korruption im Zusammhang mit seinem Wechsel vom FC Santos zu Barça vorgeworfen worden. Der braslianische Investment-Fonds sah sich in dieser Angelegenheit betrogen und behauptete, zu wenig Geld erhalten zu haben. Die Staatsanwaltschaft forderte deshalb einen zweijährigen Freiheitsentzug und eine Strafe in Höhe von zehn Millionen Euro für Neymar. In der vergangenen Woche wurde der Prozess jedoch zu seinen Gunsten entschieden.

Die unglaublichen Szenen als Neymar mit dem Helikopter den Trainingsplatz erreicht. <span class="copyright">AFP / Pimentel</span>
Die unglaublichen Szenen als Neymar mit dem Helikopter den Trainingsplatz erreicht. AFP / Pimentel

Vor einem Jahr eine weitere Hammer-Schlagzeile: „Neymar erscheint mit Privat-Heli zum Training“. Dass der Fußballer in Luxus und Überfluss lebt, ist hinlänglich bekannt. Immer wieder sieht man ihn mit überteuerten Luxus-Gütern. Dass er allerdings mit einem 12 Millionen Dollar teuren Helikopter zum Training der Nationalmannschaft geflogen kommt, hätte wohl niemand aus dem Team erwartet. Der Helikopter wird offenbar von Mercedes Benz hergestellt und stolze 13 Millionen Euro wert. Nach seinem Auftritt beim Training wurde der Brasilianer von seiner Rolle als Kapitän entmächtigt. Ob ihm das allerdings ein Lehre ist, ist zu bezweifeln.

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