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Vom Flüchtling zum Profi

15.11.2022 • 13:11 Uhr / 8 Minuten Lesezeit
Luka Modric ist der Motor des kroatischen Mittelfelds. <span class="copyright">AP Photo / Fernandez</span>
Luka Modric ist der Motor des kroatischen Mittelfelds. AP Photo / Fernandez

In seiner Kindheit musste Luka Modric vor dem Krieg fliehen. Heute ist er einer der besten Mittelfeldspieler aller Zeiten. In Katar führt er die Kroaten durch das Turnier.

Er führt den Vize-Wetlmeis­ter Krotien bei der Weltmeisterschaft in Katar an; Luka Modric. Ein Spieler mit äußerst viel Erfahrung, einer zehnjährigen Historie bei Real Madrid und bei seinem letzten großen Turnier. „Österreich hat Mozart, wir haben Modric!“, sagt der ehemalige Nationaltrainer Miroslav Blazevic einst. Ein Lob, das schöner nicht nachhallen könnte. Trotzdem weiß der Routinier, wann genug ist. „Ich bin mir meines Alters bewusst. Das ist mein letztes Turnier mit der kroatischen Nationalmannschaft“, sagte er im Interview mit der „ESPN“. 154 Spiele hat er bereits für das National-Team bestritten. Seit inzwischen zehn Jahren spielt er bei Real Madrid. Es scheint, als wäre er ein Mann, auf den ein Team über lange Zeit hinweg bauen kann. Und auch, wenn Katar offenbar seine letzte große Reise ist, auf Vereinsebene darf man davon ausgehen, dass er seinen Vertrag um ein weiteres Jahr verlängern wird. Die Treue, die er seinem Verein entgegenbringt, erfährt er Jahr um Jahr von seinen Fans. Nur selten hat ein Spieler bei Real über Jahre hinweg derart viel Zuneigung erfahren, wenn er nicht aus den eigenen Reihen der „Königlichen“ kam.

Mit Real Madrid feierte Modric bereits viele Erfolge. <span class="copyright">Reuters / Medina</span>
Mit Real Madrid feierte Modric bereits viele Erfolge. Reuters / Medina

Von Zagreb nach Madrid

Modric wurde in der kroatischen Küs­tenstadt Zadar geboren. 1992 muss seine Familie vor den serbischen Milizen flüchten. Eine Geschichte, die viele Landsmänner seiner Generation teilen. Sein Großvater wurde von serbischen Freischärlern ermordet. Zuflucht fand die Familie Modric an der Adria-Küste in einem Hotel. Dort kickten alle traumatisierten Kinder gemeinsam – überall dort, wo es sicher war und genug Platz gab.

„Er spielte immer Fußall. Er machte mehr Scheiben kaputt als alle Bomben“, erzählte ein Hotelangestellter hinterher laut „Handelsblatt“. All das Geld, was sein Vater auftreiben konnte, steckte er in Fußballschuhe für seinen Sohn. NK Zadar, ein lokaler Fußball-Klub, nahm ihn auf und erkannte sein Talent. Mit 15 Jahren schickten sie ihn zu Dinamo Zagreb.

Modric in seiner Anfangszeit bei Tottenham im Jahr 2008. <span class="copyright">EPA / Parnaby</span>
Modric in seiner Anfangszeit bei Tottenham im Jahr 2008. EPA / Parnaby

Dort durchlief er die Jugendmannschaften, wurde an Vereine der bosnischen Liga geliehen. Aber er bekam seine Herkunft hart zu spüren. Seine kroatischen Wurzeln wurden dort als Feindbild angesehen. „Wer dort besteht, kann überall spielen“, sagte er einst. Wenige Zeit später schaffte er den Durchbruch bei Zagreb im Jahr 2003. Einige Jahre spielte er dort, schaffte mit seinem Team sogar den Sprung in die Champions League. Mit 21 Jahren wurde er dann in die National-Elf berufen. Und nur wenige Zeit später, 2008, wechselte er schließlich zu Tottenham Hotspur.

Nachdem er dort überzeugte, verhandelten Real Madrid und Tottenham hart um den jungen Spieler. Für 30 Millionen wechselte er schließlich nach Madrid. Dort wurde sein Talent ganz offensichtlich exzellent gefördert. Der Spieler entwickelte sich zu einem der besten Mittelfeldakteure aller Zeiten. Er ist bekannt für seine Übersicht, kann den Ball sicher behaupten und Zweikämpfe für sich entscheiden und vor allem auch Mitspieler dirigieren. Modric ist klein, nur 1,72 Meter groß. Dabei wiegt er gerade einmal 66 Kilogramm. Immer wieder wird er deshalb als „Feder“ bezeichnet. Letztlich dürfte ihm das helfen, um derart laufstark zu sein.

Langsamer Abschied

Nun naht langsam aber sicher sein Karriereende. Dessen ist sich der Fußballer Tag um Tag bewusst. „Ich weiß, dass ich in einem für Fußballer schwierigen Alter bin. Du weißt nie, wie lange du es auf diesem Level und bei diesem Klub, (…) noch durchhälst“. Daher genieße er jede einzelne Trainingseinheit und jedes Match. Dass er mit Talent gesegnet ist, weiß der 37-Jährige.

Auch bei der WM tritt der 37-Jährige wieder als Kapitän auf. <span class="copyright">Reuters/Leutner</span>
Auch bei der WM tritt der 37-Jährige wieder als Kapitän auf. Reuters/Leutner

Ohne Arbeit wären seine Erfolge allerdings nicht möglich gewesen, ist er sich sicher. Und seine Erfolge können sich sehen lassen. Er hat die vielleicht größte individuelle Ehrung erhalten, die ein Spieler gewinnen kann: 2018 wurde er Weltfußballer des Jahres. Dazu gewann er im selben Jahr den Ballon d’Or und wurde UEFA-Fußballer des Jahres. Sieben Mal war er zwischen 2004 und 2017 Spieler der Saison. Seine Leistungen wurden wahrgenommen, das steht außer Frage. Auch wenn der Fußballer wegen seiner zrückhaltenden Art lange Zeit ein Schattendasein hinter Stars wie etwa Cristiano Ronaldo oder Karim Benzema führte.

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Nun, da er älter wird, bedarf das Training mit der Mannschaft einer einstündigen Vorbereitung, verrät er. Er geht in den Kraftraum und arbeitet mit seinem Physiotherapeuten, um beim Training bereits warm zu sein. Nach dem Training arbeitet er oftmals mit seinem Physiotherapeuten weiter. Und am Ende des Tages, ist es er, der seine Kinder aus der Schule abholt und Zeit mit ihnen verbringt.

„Ein bisschen langweilig, oder?“, lacht er in einem Interview über sein Tagesprogramm. Seit zwölf Jahren ist Lukas Modric in der Zwischenzeit mit seiner Frau Vanja Bosnic verheiratet. Gemeinsam haben die beiden drei Kinder: Zwei Töchter und einen Sohn, der Luka wie aus dem Gesicht geschnitten ist. Sie wohnen in einem Elitebezirk der spanischen Hauptstadt in einem riesigen zwölf Millionen-Haus. Er ist ein Familienmensch und versucht jede freie Minute mit seinen Kindern und seiner Frau zu verbringen.

Letzter Auftritt der goldenen Generation

Nicht nur für Modric dürfte es die letzte WM sein. Mit einem Durchschnittsalter von 27 Jahren führt der Kapitän eine etwas in die Jahre gekommene Truppe an. Dem Kader fehlt es an jungen, nachrückenden Talenten, die in die Fußstapfen von beispielsweise Ivan Rakitic treten. Eine Ausnahme bietet da der erst 20-jährige Leipziger Kicker Josko Gvardiol. Er ist am Transfermarkt gerade heiß begehrt und bringt frischen Wind in die Spielweise der Kroaten. Besonders stark ist die Mannschaft allerdings im zentralen Mittelfeld rund um Modric aufgestellt.

Enttäuschte Gesichter nach dem verlorenen WM-Finale 2018 gegen Frankreich. <span class="copyright">Reuters / Martinez</span>
Enttäuschte Gesichter nach dem verlorenen WM-Finale 2018 gegen Frankreich. Reuters / Martinez

Mit Mateo Kovacic und Marcelo Brozovic treten große Namen auf, die seit Jahren internationale Klasse beweisen. Im Angriff haben die Kroaten ihre Schwächen. Keiner der Spieler hat bislang so richtig überzeugen können – am Ende fehlt der konsequente Abschluss. Das könnte dem Team in Katar zum Verhängnis werden. Der Kader ist qualitativ hochwertig. Wenn die Kroaten also noch einen Titel holen wollen, dann dürfte es aufgrund des hohen Alters der Spieler in diesem Jahr die vorerst letzte Chance sein, der Nation diesen Traum zu erfüllen. Die Gruppenphase dürfte mit Marokko als Außenseiter, Kanada und Belgien zumindest überwindbar sein.

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