Vorarlberg

Wie der Adventkranz nach Vorarlberg kam

26.11.2022 • 21:25 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Ella zündet das erste Kerzchen auf ihrem Adventkranz an. <span class="copyright">Hartinger</span>
Ella zündet das erste Kerzchen auf ihrem Adventkranz an. Hartinger

Den Andventkranz gibt es in Vorarlberg noch nicht so lange, wie man meinen möchte.

Mit Traditionen ist es so, dass sie eine gewisse Ewigkeit ausstrahlen. Man hat längst vergessen oder nie gewusst, woher sie kommen, und geht, ohne viel darüber nachzudenken, davon aus, dass sie mindestens tausend Jahre alt sein müssen.
Der Adventkranz ist so ein Beispiel, alles an ihm schreit „uralt“.

In der katholischen Kirche gibt es beispielsweise die Tradition, die Kerze für den dritten Advent in einer anderen Farbe als die übrigen drei zu halten. Lieder besingen den Adventkranz: „Wir sagen euch an den lieben Advent. Sehet die erste Kerze brennt“, klingt so als verkürzte es Kindern schon seit dem 19. Jahrhundert die Wartezeit aufs Christkind. Das alles vermittelt das Gefühl, man habe es mit einer sehr langen Tradition zu tun. Tatsächlich ist der Adventkranz bei uns gerade einmal seit 100 Jahren verbreitet und „Wir sagen euch an den lieben Advent“, wurde 1954 komponiert.

Ein neuer Brauch

Der allererste Adventkranz soll 1839 in Hamburg gehangen sein, um armen Kindern die Vorweihnachtszeit zu verkürzen. Anfangs wiesen die Kränze noch für jeden Wochentag bis zum Heiligen Abend eine Kerze auf. Der ursprünglich protestantische Brauch verbreitete sich nach und nach auch in katholischen Regionen. In Wien soll er ab 1920 Eingang gefunden haben. Noch 1938 bezeichnete ihn das Salzburger Kirchenblatt als „sehr junge Form“ des Weihnachtsbrauches.

Verantwortlich für die Verbreitung war wohl nicht nur der christliche Glaube, sondern auch die damals bereits einsetzende Globalisierung des Brauchtums. Zeitungen und Bücher behandelten vieles, was in verschiedenen deutschsprachigen Regionen verbreitet war, dem politischen Zeitgeist entsprechend als gemeinsames, „deutsches“ Erbe.

Adventkränze wurden früher oft mit Schnüren an der Decke aufgehängt. <span class="copyright">önb/anno</span>
Adventkränze wurden früher oft mit Schnüren an der Decke aufgehängt. önb/anno

Die erste Erwähnung des Adventkranzes in einer Vorarlberger Zeitung datiert auf das Jahr 1924 und passt in dieses Schema: Das deutschnationale „Vorarlberger Tagblatt“ besprach damals das Buch „Deutsche Weihnacht“ des österreichischen Schriftstellers Adalbert Drasenovich. Darin wurde auch der Adventkranz als Bestandteil vorweihnachtlicher Bräuche aufgezählt. Die als heidnisch empfundene Lichtsymbolik machte es später auch den Nazis leicht, ihn als „Julkranz“ in ihre vom Christentum weitgehend befreihte Vorweihnachtspropaganda zu übernehmen.

Manche Katholiken sahen daher in den Lichtern des Adventkranzes, „den man in Deutschland aus Tannengrün aufzuhängen pflegt“, eine „Mischung von Christentum und Heidenzeug“, wie der „Allgemeine Tiroler Anzeiger“ 1928 berichtete. „Weniger äußerer Weihnachtsglanz – mehr Weihnachtsliturgie!“ forderte ein anonymer Einsender. Da hatte der vorweihnachtliche Lichterkranz bereits seinen Siegeszug in Österreich angetreten, wurde in Kirchen und Privathäusern aufgehängt.

Allseits beliebt

Der Brauch, den man als germanischen Lichterkult oder Symbol christlicher Frömmigkeit interpretieren konnte, fiel allseits auf fruchtbaren Boden. Das Binden von Adventkränzen und Anzünden der Kerzen dürfte in katholischen Gegenden und damit auch in Vorarlberg auch deshalb vorbehaltslos aufgenommen worden sein, da der Brauch keine offensichtliche protestantische Note enthielt. Zudem erschien er nicht heidnischer als der bereits zuvor erfolgreich vom Volksglauben assimilierte Christbaum.

Zeitungen boten ihren Lesern, wie hier die „Kronen-Zeitung“ im Jahr 1935, Anleitungen zum Binden der Kränze an.<span class="copyright">önb/anno</span>
Zeitungen boten ihren Lesern, wie hier die „Kronen-Zeitung“ im Jahr 1935, Anleitungen zum Binden der Kränze an.önb/anno

Dass man drei der Kerzen auf dem Adventkranz bald in violett hielt, der liturgischen Farbe der traditionellen Fastenzeit im Advent, zeigt, wie aufnahmefähig der neue Brauch für verschiedene Glaubensgrundsätze war. Auch die einzelne rosarote Kerze für den dritten Adventsonntag (Gaudete) verweist auf das katholische Kirchenjahr.

Wir sagen euch an

Die vier Kerzen auf dem Adventkranz reihten sich außerdem nahtlos in die vorweihnachtliche Ikonografie ein, auf die auch das eingangs genannte Lied „Wir sagen euch an den lieben Advent“ Bezug nimmt.

Es wirkt wohl auch deshalb älter, als es tatsächlich ist, weil es sich am sprachlichen und inhaltlichen Aufbau althergebrachter Weihnachtslieder orientiert, die oft tiefergehende theologische Botschaften transportieren. Die Strophen des Liedes orientieren sich an der katholischen Leseordnung für den Advent. So passt die Textzeile der ersten Strophe „Machet dem Herrn die Wege bereit“ sowohl zu einer Stelle im Markusevangelium, die am ersten Adventsonntag gelesen wird, als auch zu einer Stelle im Buch Jesaja, die in den evangelischen Kirchen zur Liturgie des dritten Adventsonntags gehört: „Eine Stimme ruft: Bahnt für den Herrn einen Weg“.

Das Alter des Brauchs tut der Freude keinen Abbruch. <span class="copyright">Hartinger</span>
Das Alter des Brauchs tut der Freude keinen Abbruch. Hartinger

Die österreichische Textdichterin Maria Ferschl (1895-1982) war als Katholikin in der ökumenisch orientierten „Liturgischen Bewegung“ engagiert und kannte wohl beide Bedeutungen. Die Zeile deutet außerdem wörtlich auf den Advent hin, der sich vom Lateinischen „advenire“ (ankommen, eintreffen, hinzukommen) ableitet.

Im Land angekommen

Dank seiner ideologischen Flexibilität gehört der Adventkranz heute zum vorweihnachtlichen Stammrepertoire. Zwar vermuteten auch die „Vorarlberger Nachrichten“ 1948 seine Ursprünge in heidnischen Lichterbräuchen – der Kranz sei ein „urtümliches Sonnenrad“, hieß es –, der Brauch habe „aber nun längst seine feierliche, christliche Bedeutung erhalten“. Da war die Verbreitung des Adventkranzes im Ländle in Wahrheit erst wenige Jahrzehnte alt.

Spätestens seit Ende des Zweiten Weltkrieges war der Adventkranz in Vorarlberg aber so eingebürgert, dass man seine Ursprünge nicht mehr hinterfragte. Vielmehr empfand man ihn bereits als derart althergebracht, dass die VN den „vom grünen Tannreis unserer heimatlichen Wälder gewundenen Adventskranz“ in den „,Stuben und Stüble‘ aller Häuser der Talschaften unseres Landes“ leuchten sah. Die Zierreifen würden „schönstem Volksbrauch zufolge“ aufgehängt, erklärte die Zeitung 1946. Der Adventkranz war zur Tradition geworden.

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